3.09.08

Datenhandel der Meldebehörden

Bochum verdient also jährlich etwa 220000 Euro mit Melderegisterauszügen (ZDF). Anderen Kommunen und Gemeinden geht es ähnlich. Das gehört heute zu den Topnews im allgemeinen Wirbel um Datenschutzangelegenheiten. Weil die Nachricht im Kontext des massenhaften Datenmissbrauchs präsentiert wird, finde ich sie einigermassen - nein eigentlich vollständig - bescheuert. Die Annahme, dass Datenhändler ihre Datensätze über legale Abfragen bei Meldeämtern erhalten, ist absolut lächerlich:

Nun ist es erst mal so, dass Kommunen keine Meldedaten "verkaufen" dürfen, sondern gegen Gebühr auskunftspflichtig sind. Was man davon halten mag ist eine andere Sache. Da ungefähr jede Stadt mittlerweile über (günstigere) Online-Auskünfte verfügt, kann man die Gebühr für einen Datensatz über Drittpersonen rasch ermitteln: Je nach Kommune etwa 7-10 Euro. Vielleicht ist der Service für Großkunden ein wenig günstiger. In Bochum werden dann schätzungsweise 35000 Melderegisterauszüge über Dritte pro Jahr abgefragt. Das entspricht jedem 10. Bürger.

Um Daten vom Meldeamt zu erhalten, muss der Antragsteller die Person vor der Behörde aber eindeutig identifizieren können. Bei Xyphlis Rastapopulos reicht vielleicht der Name. Bei Hänschen Müller ist ohne Geburtsdatum oder letzte Adresse nichts zu machen. Löhnen muss der Antragsteller natürlich auch, wenn seine Suche nicht zu einem eindeutigen Ergebnis führt.

Nun gibt es jede Menge nachvollziehbare Gründe für eine solche Nachforschung. Top-Nutzer dürften wahrscheinlich Anwälte und Gläubiger sein. Vermutlich trifft es daher nicht jeden zehnten Bürger, sondern einige Bürger 10 mal.

Auch Emma Meier, die ihrer verschollen besten Freundin einen Brief schreiben möchte, hat - wenn auch unter Datenschutzgesichtspunkten eher grenzwertig - vielleicht ein nachvollziehbares Interesse. Obwohl ihre beste Freundin den häufigen Namen Julia Meier trägt, kennt Emma ihr Geburtsdatum und hat gehört, dass sie in Hamburg leben soll. Schon bald können sich die besten Freundinnen wieder in den Arm fallen.

Ein Haufen Anfragen wird wohl auch von den Medien kommen. Um im obigen Bild zu bleiben: wenn "Bitte melde Dich" eine Person sucht, dann fragt die Redaktion wahrscheinlich systematisch wer weiss wie viele Meldeämter auf gut Glück ab.

Plötzlich klingt die Zahl von 35000 Anfragen pro Jahr für eine Stadt wie Bochum gar nicht mehr so hoch. Wie viel Platz bleibt da für die massenhaften Abfragen von Datenhändlern? Ganz davon abgesehen, dass die Datenhändler erst einmal Daten brauchen, um Abfragen gestalten zu können.

Auch aus weiterem Grund wäre es völlig ineffizient bis nutzlos, Personendaten über das Meldeamt abzufragen. Neben den Kosten erhält der Datenhändler nämlich ökonomisch gesehen nur "Scheißdaten". Namen, Adresse, Doktorgrad. Da kann man auch ins elektronische Telefonbuch schauen.

Der Datenhändler interessiert sich natürlich nur für ökonomisch wertvolle Datensätze. Meldeämter verfügen zwar über solcherlei wertvolle Informationen wie Alter, Familienstand, Familienbeziehungen, Religionszugehörigkeit usw., dürfen diese aber nur in Sonderfällen an private Dritte herausgegeben.

Kurzum: Für den Datenhändler wäre diese Form der Datengewinnung ziemlich schwachsinnig. Es ist teuer, der Datensatz ist Scheiße und es wird bereits ein Datensatz vorausgesetzt, der eine Person eindeutig identifiziert.

Das schließt den bekannt gewordenen Fakt, dass mit Datensätzen aus Meldeämtern üppige Gewinne erzielt werden freilich nicht aus. Nur müssen diese Daten von anderer Stelle und jenseits der Legalität bezogen werden. Wahrscheinlich werden nicht einmal Mitarbeiter der Meldeämter bestochen. Angesichts der Vielzahl der Ämter wäre das viel zu teuer und zeitaufwendig.

Viel wahrscheinlicher ist, dass solche Daten über einen von drei Organisationstypen bezogen werden, die tatsächlich unpersonalisierte Massenabfragen bei Meldeämtern durchführen und dabei vollständige Datensätze erhalten können. Es handelt sich um öffentliche Behörden wie die allseits geliebte GEZ, öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaften, die Daten über ihre Mitglieder und deren Familienangehörige beziehen können, und politische Parteien.

Letztere haben mithin die besten Abfragemöglichkeiten aus Sicht des Datenhändlers. Sie können vor Wahlen nicht nur die kompletten Datensätze samt Familienbeziehungen anfordern, sondern können auch Abfragen nach Alterskohorten gestalten. Daher bekommt auch jeder Erstwähler eine Postkarte zugeschickt. Außerdem sind die Daten von Parteien von vorzüglicher Aktualität, weil sie zu Kommunal-, Landtags-, und Bundestagswahlen erneuert werden können.

Kurzum: Bräuchte ich hübsche Excel-Tabellen mit Einwohnermeldedaten. Ich würde mich mit Sicherheit nicht an ein Meldeamt wenden, sondern an einen Ortsvorsteher mit Geldsorgen. Der Parteien gibt es viele. Und nicht jede ist so seriös wie die andere.

Verfasst von Michael am 3.09.08 10:19
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Kommentare

Zumal der Konsument ja bereitwillig solche Daten zur Verfügung stellt (Payback, Abos, Preisausschreiben...). Das Gro der Daten wandert ohnehin ganz legal innerhalb der Konzerne, da dies ja keine Weitergabe an Dritte ist- und bei der Größe von zB Bertelsmann oder Procter&Gamble hat man da sehr flott einiges zusammen.

Posted by: Schatten am 4.09.08 11:50
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