9.07.08

Deutschland peinlich Vaterland

Zumindest von außen betrachtet mutet die gegenwärtige Diskussion um den Obama-Besuch in Berlin mehr als kleinlich an.
Da kündigt der demokratische Präsidentschaftskanditat eine Visite in Europa an, mit Stationen Deutschland, Frankreich und Großbritannien, und ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt, so scheint es ausgemacht, will er vor dem Brandenburger Tor eine transatlantische Grundsatzrede halten. Doch statt sich darüber zu freuen, derart vom amerikanischen Präsidentschaftanwärter ins Licht gestellt zu werden, wird in Berlin mal wieder lauthals lamentiert. Aus dem Kanzleramt verlautet, das Brandenburger Tor sei „ein Ort von besonderer Exklusivität“, das nicht zur „beliebigen Kulisse“ gemacht werden dürfe. Bisher seien Kundgebungen dort nur gewählten Präsidenten vorbehalten gewesen. Ja, so Vizeregierungssprecher Thomas Steg, es sei „völlig unüblich, im Ausland Wahlkampf zu machen“. Die Kanzlerin habe für den Plan nur „begrenztes Verständnis“, empfinde gar ein „gewisses Befremden“.
Nun kann man es ein wenig vermessen finden, wie sehr sich der Kandidat Obama in präsidialer Attitüde zu inszenieren sucht. Staatsmännisches Auftreten gilt jedoch auch bei uns als ausgewiesene Stärke eines jeden Wahlkämpfers. Und dass sich Obamas Team der exklusiven Symbolkraft des Tores nicht bewusst sei, kann man wohl kaum unterstellen, wie sonst wäre die Wahl des Ortes zu erklären? Mehr noch: Wie, wenn nicht als gekonnte Inszenierung, sind viele Auslandsauftritte von Angela Merkel selbst zu verstehen? - Die Oppositionsführerin 2003 im Vorfeld des Irakkriegs zu Gast im Weißen Haus, die zur eigenen Profilierung den außenpolitischen Konsens schwer belastete („Schröder spricht nicht für alle Deutschen“). Merkel, die sich als „Klima-Kanzlerin“ im roten Anarok vor einem Gletscher in Grönland ablichten lässt...
Das Brandenburger Tor reserviert für Präsidenten? Ob nun als Werbefläche der Telekom, als Schauplatz verschiedenster Veranstaltungen, von Paraden, Demonstrationen oder Aktionen von Krankenkassen, ein Rummelplatz ist der geschichtsträchtige Ort schon längst. Guido Westerwelle bemerkt dazu treffend: „Jeder Piesepampel konnte hier schon eine Rede halten.“
Anders als das Kanzleramt betrachtet das Außenministerium eine Rede am Tor, ob nun von Barack Obama oder John McCain, denn auch als „Ausdruck der lebendigen deutsch-amerikanischen Freundschaft“. Steinmeier mahnt an, dass Obama allerdings durch die jetzige Debatte gänzlich von einem Besuch in Deutschland abgeschreckt werden könnte.
Kein guter Start wäre das, den die Regierung da mit dem möglichen zukünftigen US-Präsidenten hinlegte, ganz egal wie sehr man dadurch der jetzigen „Lame Duck“ im Oval Office entgegenkäme.
Letztlich hat Obamas Team noch nicht einmal offiziell in Berlin anfragen lassen. Dort wäre es auch nicht die Bundesregierung, sondern der Senat der zuständig wäre und niemand kann sich vorstellen, dass Wowereit sich die Chance entgehen ließe, zusammen mit Obama vorm Brandenburger Tor im Rampenlicht zu stehen. Wenn es soweit kommen sollte und das provinzielle Schattenboxen nicht doch den vom Außenminister befürchteten „falschen, gar abweisenden Eindruck erweckt“. Wer könnte das verdenken?
Vielleicht aber auch ist die Symbolträchtigkeit des historischen Monuments am Ende weit genug davon enfernt „beliebige Kulisse“ zu sein, so dass das innderdeutsche Klein-Klein für den amerikanischen Präsidentschaftsaspiranten dahinter in den Schatten gerät.

Verfasst von Stefan am 9.07.08 19:15
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Kommentare

Als Ehre sollte es unsere Regierung betrachten als Ort für eine gewichtige Rede Obamas ausgewählt zu werden - nicht weniger im Wahlkampf. Stattdessen beleidigt Angela Merkel den demokratischen Präsidentschaftskandidaten mit Ihrer Ablehnung seines Auftritts.
Was ist da in sie gefahren?
Vielleicht sollte Ihr jemand erklären, dass Bush Vergangenheit ist!

Posted by: Seppel am 11.07.08 12:49

Und wenn er nicht gewinnt? Aus ausländischen Wahlkämpfen hält man sich aus gutem Grunde raus.

Posted by: Oliver am 22.07.08 18:43
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