08.04.08
Verfall der Jugend
Seit den alten Griechen weiß eine jede Generation, dass es um die ihr nachfolgende Jugend schlecht bestellt ist. Früher war eben alles besser. Dass jetzt aber schon grandiose 44,9% (FAZ) der Wehrpflichtigen nicht mehr geeignet sein sollen, um für ihr Vaterland zu sterben… bei solchen Zahlen hätte Sparta dicht machen können.
Kein Wunder, dass diese Zahlen Zweifler auf den Plan rufen. Wie muss es schon um die Konstitution bestellt sein, um als braver Infanterist in einem Schützengraben zu verrecken? Wer ein G3 in der Hand halten und sich ducken kann ist hinreichend qualifiziert. Außerdem hat sich der Prozentsatz der Untauglichen seit 2002 beinahe verdreifacht. Der heutigen Jugend kann man beim Verfall regelrecht zusehen. Da hatte der Rentner neulich in der Straßenbahn also doch Recht.
Ich bin nun schon länger ein Freund der Wehrpflicht, weil mir die Alternative einer reinen Berufsarmee tendenziell schlechter gefällt. Aber bei solchen Zahlen nimmt es nicht Wunder, wenn in den kommenden Tagen mal wieder eine neue Debatte über das Thema Wehrgerechtigkeit ausbricht. Schon bald wird man bei der Zentralstelle für Kriegsdienstverweigerer bestimmt eine paar bissige Argumente in dieser Richtung finden.
Und auch die Wehrgerechtigkeit hat natürlich zwei Seiten. Ich bin mir fast sicher, dass sich nach Veröffentlichung dieser Zahlen das Bundesverfassungsgericht bald mit zweierlei Klagen auseinander setzen muss: Der eine Kläger gebraucht sie, um gegen seinen Einsatz als Wehr- oder Ersatzdienstpflichtiger zu klagen. Der Andere wird sie nutzen, um sich im Umkehrschluss unangemessener Anforderungen in den Wehrdienst einzuklagen.
Ein Freund des Wehrdienstes bin ich im Übrigen nicht, weil der (männliche) Bürger in die Armee gezwungen wird, sondern weil er als Bestandteil ziviler Kontrolle die Armee an die Gesellschaft rückbindet. Gerade in Demokratien darf man einen solchen Mechanismus nicht unterschätzen. An dieser Stelle muss man einfach (etwas frei übersetzt) Samuel Finer zitieren. Er hat den Klassiker zum Thema zivil-militärische Beziehungen mit dem wunderschönen Titel “Man on horseback” geschrieben:
“Es besteht die allgemeine Annahme, es sei irgendwie natürlich, dass Militärs ihren zivilen Herrschaftsträgern gehorchen. [..] Hierfür wurde aber nie ein vernünftiger Grund genannt, oder? Anstatt zu fragen, warum das Militär in die Politik interveniert, sollten man fragen, warum es sich oft anders verhält. [..] Das Militär verfügt über eine herausragende Organisation. Und es verfügt über ein Waffenmonopol. [..] Ein Wunder ist deshalb nicht, warum Militärs gegen ihre zivilen Herren rebellieren, sondern warum sie ihnen gehorchen.”
Solange ein Staat ein Militär unterhält gibt es daher guten Grund an einer Institution wie der Wehrpflicht festzuhalten (oder auch Inneneinsätze des Militärs prinzipiell abzulehnen). Der Gedanke einer militärischen Intervention in Deutschland kommt einem zwar abwegig vor. Aber die Zeiten können sich ändern. Das sieht man z.B. am drastischen Verfall der Jugend.
Blöd ist nur, dass auch dieses hervorragende Argument nicht mehr zählt, wenn niemand mehr Wehrdienst leistet. Da brauche ich den Wehrdienst auch nicht länger prinzipiell gutheißen.
Also muss mich fragen, warum die großen Parteien im Allgemeinen und der Herr Verteidigungsminister im Besonderen auf der einen Seite so unbedingt an der Wehrpflicht festhalten und auf der anderen Seite aktiv daran arbeiten, die Zahlen tauglicher Wehrpflichtiger gering zu halten? Und das leuchtet mir jetzt intuitiv nicht so ganz ein.
Zumindest kommen mir aber drei Gedanken:
Man kann die Wehrpflicht als eine Art besseres Rekrutierungsbüro für eine Armee, die faktisch bereits eine professionelle Berufsarmee ist, betrachten. Wäre die Bundeswehr der Form nach eine Berufsarmee, melden sich am Ende nur Anwärter mit übertriebener Liebe zu Vaterland oder zu Waffen. Das “Rekrutierungsbüro Wehrpflicht” hat dann die Funktion, angenehm selektieren zu können, indem nach relativ erratischen Kriterien der eine ausgemustert und der andere durch besondere Angebote (kostenfreie Ausbildung / Studium / Führerschein etc. bei gutem Gehalt) gelockt wird.
Man kann die sichtbar erhöhten Anforderungen an Tauglichkeit auch einfach als einen Spiegel der Finanzkrise des Staates betrachten. Die Feststellung der Untauglichkeit ist dann ein bloße Sparmaßnahme.
Der dritte Gedanke ist schließlich ein wenig dreckig. Über Tauglichkeitskriterien wird nicht nur die Zahl der Wehrdienstleister sondern auch die Zahl der Ersatzdiensleister durch die Politik aktiv reguliert. In letzter Konsequenz ist jeder Zivildienstleistende, der eine notwendige Aufgabe vollbringt, ein Arbeitsplatzvernichter. Zwar würde ein gewisser Teil der Arbeitsplätze, die von Zivildienstleistenden besetzt werden, auf dem freien Markt aus Kostengründen nicht entstehen.
Aber seit der Einführung der 1-Euro-Jobs hat der Staat einen attraktiveren Weg gefunden, eine Vielzahl dieser Stellen zu besetzen. Ob dies in finanzieller Hinsicht der Fall ist, weiß ich nicht. Vermutlich ist es in etwa eine Nullnummer. Aber in Hinblick auf die schwierige Arbeitsmarktlage ist es zumindest gut für die Statistik.
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