02.04.08

Prelude

Anfang 2005 kam mir damals die Idee für diesen Weblog. Politische Blogs gabs damals in Deutschland quasi gar nicht. Den Spindoctor natürlich.

Der Plan war einfach: 18 Monate Zeit bis zur nächsten Bundestagswahl. 18 Monate, um eine kleine Leserschaft aufzubauen und im sehr übersichtlichen Kleinbloggersdorf anlässlich dieses Ereignisses ein wenig mitzumischen. Pustekuchen.

Neun Monate später wurde gewählt. Und kein bisschen konnte man sich als Politikblogger für längere Zeit als Exot fühlen. Im Juli 2005 zählte ich schon etwa 80 politische Weblogs zur Bundestagswahl. Es gab sogar einen Wahlblog der Frauenzeitschrift Brigitte. Das foppt mich bis heute. Insgesamt wurden es mit der “Mögen tausend rote Blogs erblühen”-Kampagne und den unsäglichen Politiker-Blog-Plattformen wie wahl.de mehrere hundert. Letztere gibt es sogar noch. Mit etwa 100 Blogs von Politikern. Zusammen bekommen sie alle 10 Tage einen Post zustande.

Wahnsinn, das war schon eine aufregende Zeit für Kleinbloggersdorf. Der Jamba-Skandal war zwar schon durch, aber so recht wusste man in der gemeinen Bevölkerung noch nicht, was ein Blog ist. Man kann schon behaupten, dass es die Wahlen von 2005 waren, die das Phänomen Weblog in Deutschland medien- und wissenschaftstauglich und damit auch recht bekannt gemacht haben. Diese Journalisten und Wissenschaftler wollten andauernd komische Dinge wissen. Sie haben immer verlässlich die falschen Fragen gestellt.

Aber vor allem in Kleinbloggersdorf wurde einiges erst richtig sichtbar, was heute zur allgemeinen Realität des Bloggens gehört. Marcel Bartels hat etwa dem Abmahnwesen eine neue Dimension verliehen. Der politische Spam wurde erfunden: Nehmen wir uns doch die Zeit für kritische Fragen, nur 5 Minuten.. Etablierte Blogger wurden zu Parteitagen eingeladen (lange keine Einladung mehr bekommen). Blogs wurden von anderen Blogs zu “Blogs non grata” ernannt. Und TH musste ein sehr schönes MT-Plugin für “Disemvowelment” schreiben, weil es Momente gab, in denen der Spaß aufhörte und der politische “Du-musst-mich-aber-verlinken”-Terror begann.

Es war wirklich aufregend. Das Statistik-Plugin verrät mir, dass wir von Anfang bis Ende des Wahlkampfes unsere Leserzahlen etwa verzehnfacht hatten. Alle Beteiligten, seien es Parteien, einzelne Politiker oder nicht-parteigebundene Blogs waren mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Entsprechend wurde so ziemlich alles ausprobiert. Ich denke da z.B. an den belustigenden FDP-Wahlblog, wo man für 50 Euro symbolische Zukunftsaktien erwerben konnte. Der Parteieintritt fand über die persönliche Unabhängigkeitserklärung statt.

Nochmal 1,5 Jahre sind es voraussichtlich bis zur nächsten Bundestagswahl.

Zeit also, sich eine kleine Leserschaft aufzubauen, um ein wenig mitzumischen.

Und es wird vieles anders werden. Klar, es werden wieder viele Wahlblogs und -plattformen aus dem Boden schießen. Unsere alte Linkliste produziert schließlich fast nur noch 404-Fehler.

Aber alles wird viel geregelter und weniger ad-hoc ablaufen. Etwa werden die Massenmedien das Treiben von Kleinbloggersdorf von Beginn an zur Kenntnis nehmen und verfolgen. Die allgemeine Web20-Entwicklung wird sich natürlich auch niederschlagen. Es wird viel mehr Pod- und Videocasts geben. Man denke nur an YouTube. Und Social Bookmarking Tools waren 2005 auch noch ziemlich unterentwickelt. Da wurde noch niemand gediggt oder wie das heisst.

Parteien und einzelne Politiker-Blogger werden versuchen, ihr Blogpotential zu konzentrieren, statt sich in aberhunderten, nicht-gelesenen Blogs zu verlieren. Als traurige Konstante zu 2005 werden sich jedoch alle offiziellen Parteiblogs weiter durch gähnende Langweile auszeichen. Ausgerüstet mit Text, Audio- und Video werden wir dort genau das zu sehen bekommen, was uns die Nachrichten der Massenmedien ebenfalls näherbringen. Vielleicht bilden die Grünen hier eine echte Ausnahme. Ich erinnere mich daran, dass sie in den letzten zwei Tagen des letzten Wahlkampfes in ihrer Blogzentrale richtig gute Arbeit geleistet haben. Im Großen und Ganzen wird die Waffe der Weblogs - persönliche, emotionale Kommunikation - aus Überforderung einerseits und dem Wunsch nach “political correctness” andererseits aber weiter kleingeschrieben.

Den Wahlkampfstrategen sei daher nahegelegt, recht bald quasi-(in)offizielle Blogs ins Leben zu rufen, denen man die Herkunft aus der Wahlkampfzentrale nicht anmerkt. Hier kann dann persönliche, emotionale Interaktion geübt werden, ohne den üblichen Zwängen politischer Kommunikation zu erliegen. Damit müsste man aber rasch anfangen. Besser gestern, als heute. (Finanzstarke Angebote bitte per Mail, gemessen an den Unique-Hits liest uns selbst jetzt noch eine Kleinstadt).

In weitaus stärkerem Maß als 2005 werden die Kommentare zur politischen Warzone in Kleinbloggersdorf werden. Kommentieren geht schnell und ist hinreichend anonym. Prima für rohe Meinung und Desinformation. Ich kann mir gut vorstellen, dass Anhänger der Linkspartei hier einen besonders aggressiven Wahlkampf führen werden. Das hat sich 2005 bereits abgezeichnet.

Angesichts einer grossen Koalition an der Regierung, die einigermaßen damit rechnen muss, eine zweite Legislaturperiode zu regieren, wird im übrigen die Rolle unabhängiger Blogs bei der Meinungsbildung zunehmen. Gegenüber 2005 ist das zwar sicherlich nicht schwer. Aber zum einen werden diejenigen, die letztes Mal erst in der Endphase des Wahlkampfes zu Bloglesern wurden, dieses Mal von Anfang an dabei sein. Zum anderen werden Blogs als Wahlkampfmedium schlichtweg nicht mehr neu und damit zu einem gewissen Grad besser kalkulier- und nutzbar sein.

Das ist der erste Eintrag in der Kategorie Bundestagswahl 2009. Lasst uns spielen.

Verfasst von Michael am 02.04.08 09:46
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