16.03.08
Aufstand im Zeichen Olympias II
Schon klar, wo da die Symphatien liegen. Insbesondere bei Tibet. Weil die dort die vielen putzigen Mönche haben. Und den Dalai Lama. Die “Free Tibet”-Angelegenheit ist nicht nur besonders populär sondern auch völlig romantisiert.
Bei Aufständen im Namen des vermeintlich “Guten” übersieht man immer gerne, dass auch deren politische Führer knallharte rationale Akteure sind.
Der Leser sagt sich jetzt vielleicht: Quatsch, das habe ich doch sofort erkannt. Klar haben die den Zeitpunkt kurz vor Olympia gut gewählt.
Haben sie natürlich auch. Im Kalkül liegt aber nicht nur der Zeitpunkt sondern auch die Intensität der Unruhen. Die Eskalation erscheint zutiefst gewollt. Es geht insbesondere darum, von China eine besonders heftige und gewaltsame Reaktion zu erzwingen. Bestenfalls eine militärische Intervention, die derart brutal ausfällt, dass sie von der internationalen Staatengemeinschaft kaum mehr getragen werden kann.
Damit kann man kann seine romantischen Free-Tibet-Putzige-Mönche-Vorstellungen getrost in die Tonne treten. Tatsächlich ist es ein großes Pfui, die olympischen Spiele derart für seine politischen Ziele zu mißbrauchen. Die politischen Akteure spielen dort ganz gewollt mit dem Leben ihrer eigenen Anhänger. Um genau zu sein, gehört der Tod zum Plan.
Verfasst von Michael am 16.03.08 09:24Technorati Tags: China | Tibet | Olympia | Olympische Spiele | Lhasa
Auf Tagesschau.de wird gerade darüber berichtet, dass gewaltsame anti-chinesische Proteste im zu China gehörenden Autonomen Gebiet Tibet eskalieren. Tagesschau.de berichtet, dass die Proteste zum 49. Jahrestag der Flucht des Dalai Lama ins in...
Weblog: mein-parteibuch.com am: 20.03.08 14:09
Das ist zutiefst zynisch!!!
Welche Möglichkeiten sollen die Tibeter auch sonst haben? Worauf sollen sie warten? Welche andere Strategie verfolgen um ihren Freiheitskampf voran zu treiben?
Glaubst Du der Pekinger Propaganda, die den Dalai Lama als terroristisches Master Mind hinter diesen Protesten sieht???
[quote] Tatsächlich ist es ein großes Pfui, die olympischen Spiele derart für seine politischen Ziele zu mißbrauchen. [/quote]
Ahem. Das finde ich nun wieder putzig. Die Entscheidung für China als Austragungsort war doch eine zutiefst politische. Ein schöner Aufhänger, um auf Menschenrechte, Pressefreiheit etc. zu pochen, ohne die Beziehungen zu gefährden. Klar steckt hinter den Demonstrationen Kalkül, wo ist das Problem.
Dabei ist es sicher richtig, dass Free Tibet hierzulande romatisiert wird, der Dalai Lama gerne etwas einseitig gesehen wird, weil er so nett lacht. Würdest Du verlangen, internationale Sympathien nur über den Weg des nüchternen Kalküls einzuwerben - oder zu gewähren?
Sorry, Michael, Dein Bemühen die Diskussion zu befeuern in allen Ehren, aber es ist in der Tat zynisch, gerade den Kritikern der chinesischen Menschenrechtspolitik (auch im Umgang mit kultureller Selbstbestimmung) unanständige Trittbrettfahrerei in Bezug auf Olympia vorzuwefen. Von einigen wenigen Beispielen abgesehen sind die Olympischen Spiele in ihrer Geschichte selten so für politische Ziele missbraucht worden als durch die chinesische Führung selbst!
Und wenn schließlich in einem zutiefst pazifistischen Volk gewalttätiger Widerstand hervorgerufen wird, dann wundere ich mich bloß, dass mehr als ein halbes Jahrhundert der totalen Unterdrückung dies nicht schon viel eher vermocht haben.
Dass in den ersten zwei Jahrzehnten nach der “Befreiung” ein Drittel der tibetischen Bevölkerung den Folgen der Besetzung zum Opfer gefallen ist, hat tiefe Wunden in beinahe jeder tibetischen Familie hinterlassen und weiterhin reisst die chinesische Politik Familien auseinander. Tausende Tibeter schicken noch immer ihre Kinder den unsicheren Weg über den Himalaya um ihnen im Exil eine Zukunft zu ermöglichen.
Nagut, der Pfui Satz kann ersatzlos gestrichen werden.
Das verändert das Kalkül und meinen Punkt natürlich nicht. Der Satz von Stefan “…wenn schließlich in einem zutiefst pazifistischen Volk gewalttätiger Widerstand hervorgerufen wird…” ist nämlich falsch, weil er im Passiv formuliert ist.
Ich bin der Meinung, dass es sich bei den Aufständen eher um eine hochgradig geplante und durchkalkulierte Aktion handelt. Sie zielt darauf ab, China eine gewaltsame Reaktion abzuringen, um die Unmenschlichkeit des chinesischen Regimes vor der Weltöffentlichkeit zu demonstrieren.
Und das ist schon was anderes. Zumal ich mir irgendwie noch nicht ganz über den wahrgenommenen Nutzen des Ganzen im Klaren bin. Andererseits wird ein recht hohes Risiko eingegangen, da zumindest für die nähere Zukunft auch noch härtere Repressionen zu befürchten stehen.
Posted by: michael am 17.03.08 14:14
Selbstverständlich ist den Tibetern der PR-Wert ihrer Aktionen im Jahr 2008 bewusst, dennoch sind viele in ihrer Verzweifelung bereit Leib und Leben zu riskieren. Sie wissen, dass sich eine Chance wie diese, nämlich das verstärkte Interesse der Weltöffentlichkeit auf sich gerichtet zu haben, kaum wieder ergeben wird. Worauf sollen sie auch warten? Die alleinige Sympathie westlicher Gutmenschen hilft jedenfalls nicht.
Ich finde dem Mut, den nun viele Tibeter trotz für uns unvorstellbarer persönlicher Gefährdung an den Tag legen, diesem Ausdruck des Überlebenswillens sollten wir eher Respekt zollen, denn ihn zu verdammen!
Ich verstehe den wahrgenommenen Nutzen immer noch nicht so recht. Jetzt hat schon der Dalai Lama mit Rücktritt bei anhaltender Gewalt gedroht.
Da sollte den Tibetern vielleicht langsam klar werden, dass sie sich zwar jede Menge Ärger einhandeln und Kosten an Leib, Leben und “Restfreiheit” zu tragen haben, während umgekehrt nix für sie dabei herum kommt.
Ich soll jetzt also Respekt davor haben, dass einige Tibeter für eine zweifellos kurzlebige PR-Kampagne bereitwillig ihr Leben lassen. Und zwar ohne Aussicht auf wie auch immer gearteten weiterführenden Erfolg und unter der Konsequenz, dass sich für die anderen Menschen in Tibet und Anreinerregionen die Lebensbedingungen mit grosser Wahrscheinlichkeit sichtbar erschweren werden.
Nö. Bin ich Braveheart, oder was?
Posted by: michael am 19.03.08 11:35berechtigt kritische fragen, die du da aufwirfst!
in ein paar jahren werden wir auch garantiert erfahren, wie cia und co das gedeichselt haben!
trotz allem wünsche ich euch “frohe ostern”!!!
Posted by: bembelkandidat am 24.03.08 03:03Ich finde es genauso wie Sebastian “putzig”, wenn man die Vorstellung hat, Sport auf der Ebene Olympia, sei etwas, was von “politischem Mißbrauch” reinzuhalten wäre. Olympia IST Politik, die Wiedereinführung der Spiele war reinste Politik. Die Marathondistanz ist deswegen so irre unrund, weil es durch die Berge von Marathon nach Athen eben drunter und drüber ging, sondern weil bei den ersten Spielen in der Moderne der Lauf unbedingt am Buckingham Palace vorbei führen mußte, damit die Königin huldvoll winken konnte, und und und. Die Spiele sind also Sport und Politik von Anfang an, und also müßte man davon reden, wie sie von wem politisch GEbraucht werden, aber politisch MISSbraucht werden können sie gar nicht.
Posted by: Lisa Rosa am 25.03.08 18:36Ich denke Michael hat hier durchaus Recht mit seinen Tibet kritischen Zeilen. Was wir in Tibet zusehen bekamen waren zum Teil Angriffe auf Han Chinesen oder andere Nicht-Tibeter, welche dann im Chinesischen Stil mehr oder weniger blutig unterdrueckt wurden. Chinesische Geschaefte in Brand gesteckt. Was soll denn das? Was hats denn gebracht? 100 Tote.
Die Fuehrungsetage der Tibeter wusste genau welche Folgen ihr Aufstand nachsich ziehen wuerde. Wie Michael schrieb, der Tod gehoerte zum Plan, je mehr umso besser. Wenn irgendetwas zynisch ist hier, dann ist es eben diese Einstellung.
Ich koennte mir vorstellen das ein fuer lange Zeit international angekuendigter “friedlicher” Massenprotest in Peking waehrend der Olympischen Spiele um einiges effekitiver gewesen ware. Die Chinesische Regierung wuerde dies aus politischen Gruenden unmoeglich verhindern koennen und die Medien waeren zu Abertausenden in der Stadt.
Zum Thema kommt mir Franz-Josef Degenhardt in den Sinn, der wenns um Revolution geht immer eine gute Quelle ist: “Lasst nicht die roten Haehne flattern ehe der Habicht schreit.”
Und genauso ists in Tibet passiert. Adhoc Angriffe gegen ethnische Chinesen mit dem Ziel eine Gegenreaktion seitens der Chinesischen Regierung zu provozieren, welche im Olympischen Jahr logischerweise weltweite Kritik hervorruft. Wenn man sich da mal ein bisschen mehr Zeit gelassen haette und die Aktionen besser durchgedacht haette, waere ein weniger graussiges und politisch weitreichenderes Bild entstanden. Jetzt ist Tibet zum platzen mit Soldaten gefuellt und gar nichts wird sich tun.
Was hat man in den Tibeter Kreisen den erhofft? Das man Steine schmeisst und Geschaeffte abfackelt und die Chinesische Regierung sagt “Ja mei, wenn ihr so veraergert seit dann ziehen wir halt ab. Gratulation zur Unabhaengigkeit!”
Eben weil das Olympische Jahr und die damit verbundene Aufmerksamkeit der Weltoeffentlichkeit fuer die Tibeter so eine einmalige Chance darstellt, haette man die besser nuetzen sollen.
Posted by: Juan Moment am 01.04.08 13:37