05.03.08
Feuchtgebiete
Der Erhalt und die Wiederherstellung von Feuchtgebieten kann für den guten ökologischen Zustand eines Wasserkörpers von maßgeblicher Bedeutung sein (Umweltbundesamt).
Ein menschlicher Körper besteht aus rund 10 Trillionen Zellen, enthält aber etwa 100 Trillionen Bakterien (Bill Bryson).
Ich mag Charlotte Roche. Das tun ja viele. Im meinem alten Studenten-WG-Zimmer hing sie sogar an der Wand. In Form einer im Jetzt-Magazin abgedruckten Viva2 - Gedenkpostkarte. So lange bis sie ganz vergilbt und versickt war, die Charlotte. Das würde ihr vielleicht gefallen.
Sehr viel wird dieser Tage über ihren Debutroman verfasst. Ganz oft auch von Leuten, die das Buch nicht gelesen haben. Und die Charlotte gibt jetzt überall Interviews, in denen sie dann immer die gleichen Fragen gestellt bekommt. Das muss sehr langweilig sein. Immerzu geht es um Feminismus, das Feuchtgebiet als Skandalroman und Porno, Körperhygiene im Allgemeinen und Speziellen und die freundlich in Fragen vorgegebene tiefschürfende Aussage der Feuchtgebiete.
Sebastian hat es mir geschenkt. Das war eine schöne Überraschung. Statt in einem Rutsch, wie vorgenommen, habe ich dann aber lieber in drei Teilen gelesen. Zumal es sich wohl auch um ein “Pipi-Kacka-Sperma-Blut-Inferno” handelt. Da träumte es mir gestern bereits von.
Der ganzen Interpretation vom Skandalroman bis zur “öffentlichen Okkupation der männlichen Domäne Pornografie” mag ich aber lieber nicht folgen. Das fängt schon beim Roger Willemsen Kommentar auf dem Buchrücken an: “so voller Gegenwart” sollen sie sein, die Feuchtgebiete. Das hätte man auch vor 10 Jahren auf den Rücken schmieren können. Andererseits: Analsex war damals nicht so hip wie heute. Und mir scheint dieses Jahrzehnt immer recht identitätslos und revival-geschädigt zu sein. Kann gut sein, dass 1998 im Moment sehr gegenwärtig ist. Dazu muss ich mal meine hauseigene Trendexpertin befragen.
Die Feuchtgebiete - da verweile ich mal beim wortgewaltigen Geschwafel von oben - sind eher die öffentliche Okkupation der äußerst männlichen Domäne der Popliteratur. Die Alexa Hennig von Lange unterschlage ich jetzt mal. Mit der und der Popliteratur wars doch genau genommen auch nur ein Flirt. Und da muss ich fast weinen, weil meine Augen das noch schauen dürfen. Denn popliterarisch betrachtet ist das Buch von herausragend gutem Stil. So ein Möchtegern wie Benjamin von Stuckrad-Barre sollte ruhig mal reinlesen und was lernen. In gar wunderschöner Sprache wandert die Charlotte nämlich über die Oberfläche der Feuchtgebietstiefen. Ständig freut man sich über die hübschen Sätze, die ihr die ganze Zeit aus der Feder fließen.
Man merkt auch gleich: es mehren sich die Hinweise, dass es schon wieder 1998 ist. Ein Jahr im Zenit der deutschen Popliterartur. Vielleicht muss ich also gar nicht die hauseigene Trendexpertin befragen und bekomme das auch ganz alleine hin. Dann werde ich Coolhunter von Beruf. Und die hauseigene Trendexpertin wird ganz neidisch werden und unglaublich stolz auf mich sein. 1998 war aber auch ein tolles Jahr. Da erinnere ich mich sehr gerne dran. Von mir aus darf das ruhig häufiger revivaled werden. Merke ich mir auch gleich für die Zeit, wenn ich erst mal Coolhunter bin. Ich mache dann alle zwei-drei Jahre 1998.
Jetzt aber zum Punkt. Tiefgreifende Interpretationen von popliterarischen Werken waren schon immer Bullenscheiße. In popliterarischen Fragen bin ich durchaus bewandert, so dass man mir hier getrost Glauben schenken darf. Es ist wie mit der verwirrenden Idee, dass Popsongs tiefschürfende Aussagen zwischen den Zeilen verstecken und es den dazugehörigen Bands tatsächlich darauf ankommt, eben diese Aussagen zu vermitteln. Unfug. Die wollen einfach nur schöne Musik machen. Vielleicht gefällt mir deshalb Jets von Blur so gut. Da kommt keiner mehr auf die zwischen die Zeilen zu suchen. Gibt ja nur eine. Denn die ganze Grübelei über die Tiefe zwischen den Zeilen kann einem die wunderhübsche Oberfläche mithin nur versauen.
Wer immer da draußen also Feuchtgebiete lesen mag: vergesst doch bitte den ganzen Germanisten-Kram und geniesst einfach Helens Aufenthalt in der Arschabteilung eines Krankenhauses. Darum gehts. Und man muss gar nicht so tun, als ginge es um so viel mehr.
Verfasst von Michael am 05.03.08 08:57Technorati Tags: Charlotte Roche | Feutgebiete | Popliteratur
Wunderhübsch! Geradezu maxgoldtesk!
Danke Michael!