22.12.07

Muslime in Deutschland

Etwa ein Jahr ist es her, dass die Studie “Vom Rand zur Mitte: rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland” erschien. Da erinnert sich also keiner mehr dran. Also zitiere ich mich selbst über die damalige Medienberichterstattung:

Je nachdem wo man zuhört, zusieht oder nachliest gibt es bedenklich viele (mehr oder weniger) Rechtsextreme. Bei Frontal hatten gestern 11% ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. In Zeitungen liest man gerne etwas von etwa 9% im Westen und 6% im Osten, gesamt also etwa 8,6%. Bei der Rheinischen Post steht: Im Schnitt votierte jeder Vierte für rechtsextreme Thesen (Küchenkabinett).

Die medial vermittelten Zahlen zur “Schockstudie von Innenminister Schäuble” haben dann gestern bereits die 25% Marke gewaltbereiter Muslime erreicht. Der Bildreporter hat offensichtlich nach der höchsten Zahl im Resümee der Studie gesucht, sie aufgerundet und in der Nähe das Wort gewaltbereit gelesen. Ganz langsam erscheint in einigen Medien auch der eine oder andere relativierende Artikel - Immerhin. Freilich zu spät: die Sau ist doch längst durchs Dorf getrieben. Und wir wissen ja alle, dass Bild-Überschriften viel häufiger gelesen werden als Artikel der Sueddeutschen, der Deutschen Welle oder auch des Focus.

Ich übe mich ja gerne in der Kritik empirischer Studien, habe aber gerade nicht genug Zeit für eine ausführliche Darstellung. Ausserdem ist die Studie methodisch vorsichtig wie sonst nur irgendwas. Einer der Autoren, Peter Wetzel, warnt heute bei DW vor einer Fehlinterpretation seiner Studie.

Herzallerliebst. Denn - so meine These - die mediale Provokation und verfälschende Darstellung war auch von den Autoren gewollt (genauso wie vom Innenminister). Die drei Tage zu spät kommenden warnenden Worte hat sich der gute Peter vermutlich schon vor Wochen zurechtgelegt.

Denn Katrin Brettfeld und Peter Wetzel, die
“Muslime in Deutschland” (PDF) verfasst haben, wissen natürlich, dass Journalisten bestenfalls Einleitung und Resümee einer solchen Studie lesen. Zumal der Rest in diesem besonderen Fall - selbst bei gedachter guter Ausbildung von Journalisten - eher schwer zugänglich ist. Man muss schon eine Idee von multivarianten Analysen, Clusteranalysen, Konfidenzintervallen und noch weit komplizierteren statistischen Dingsdas mitbringen, um die Studie halbwegs verstehen zu können.

Mir drängt sich dabei die Frage auf, wie die Autoren eine so umsichtige Studie durchführen und dann ein so beschissenes Resümee schreiben konnten. Und ich will das am Fall der 25% Zahl gewaltbereiter Muslime aus der Bild illustrieren, die - da hat der Autor falsch nachgelesen - sich im Übrigen auf die Population von Schülern bezieht.

Zahlen sind immer gefährliche Angelegenheiten, wenn es sich um leicht zu popularisierende Themen handelt. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen hängen die Zahlen von den formulierten Fragestellungen einer Studie ab. Bereits ganz kleine Veränderungen, etwa der Unterschied zwischen “Ich möchte”, “Ich will” und “Ich wünsche” kann empirisch seltsamerweise zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen führen. Hätte man die Fragen anders formuliert, hätte man als Ergebnis also auch 30% oder auch nur 10% herausbekommen können.

Das führt uns zum zweiten Punkt. Es ist ungeheuer schwer ein Konzept wie Gewaltbereitschaft verlässlich zu messen. Die Aussage Gewaltbereitschaft = 25% sagt ohne genaue Kenntnis der Fragestellung, der Erhebungsmethode usw. überhaupt nichts aus. Gewinnbringend ist es deshalb eigentlich nur, seine Ergebnisse in der Form “gewaltbereiter als” oder “weniger gewaltbereit als” formulieren zu können. Im Kontext der Fragestellung erhält man vergleichbare Aussagen über verschiedene Gruppen wie etwa Muslime, Nichtmuslime, Deutsche, Jugendliche, Ältere usw.. Ansonsten stehen dort einfach irgendwelche Zahlen im leeren Raum.

Aber die Katrin und der Peter und der ganze Rest der Forschergruppe sind schließlich nicht blöd und haben das bezüglich verschiedener Gruppen ihrer Studie entsprechend umgesetzt. Vorzuwerfen ist ihnen deshalb, dass ihr Resümee keinerlei Aufschluss darüber erteilt. Genau deshalb war die mediale “Fehlberichterstattung” wie so häufig in diesen Fällen provoziert.

Man hätte im Resümee auch schreiben können, dass es keinen besonders starken Hinweis darauf gibt, dass die Gewaltbereitschaft junger Muslime tatsächlich höher ausfällt als diejenige anderer (deutscher, christlicher) Jugendlicher. Die pubertierende Jugend - das ist intuitiv einleuchtend - zeichnet sich unter anderem auch durch ein recht hohes Gewaltpotential aus. Man nennt es nicht umsonst Sturm und Drang Phase.

Tatsächlich zeigt sich eine leicht höhere Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher. Schaut man sich die Fragestellungen genauer an, stellt man aber schnell fest, dass nur zwei von den sechs Fragen, auf denen muslimische Jugendliche in statistisch bedeutsamer Weise gewaltbereiter erscheinen, einen Bezug zu aggressiver Gewaltbereitschaft im engeren Sinne aufweisen (von denen ich eine sinngemäß nicht richtig nachvollziehen kann). Zwei weitere Fragen beziehen sich semantisch auf Notwehrsituationen, weitere zwei sind lebensphilosophisch im Sinne von “der Stärkere setzt sich durch” formuliert. Sie sind nicht personenbezogen formuliert, sondern fragen eher nach einer allgemeinen Meinung, die insbesondere keinen direkten Bezug zu körperlicher Gewalt hat.

Der statistische Effekt einer leicht erhöhten Gewaltbereitschaft muslimischer Schüler hält einigen klassischen Kontrollvariablen wie Bildung, Geschlecht oder soziale Lage stand, ist aber nicht mehr nachweisbar, wenn man für eine Variable “Geschlechterrolle” kontrolliert. Gemeint sind hier Männlichkeitsvorstellungen, die in der Pubertät besonders stark ausgelebt werden dürften.

Abschließend kommen wir dann zum eigentlichen Trick der Untersuchung: Wie die Unterscheidung der Studie in Muslime / Nichtmuslime impliziert wird der Zusammenhang zwischen Religiosität und Gewaltbereitschaft untersucht.

Statt im Resümee den Satz zu schreiben, dass 23% der muslimischen Schüler gewaltbereit sind - ohne Hinweis auf die Bedeutung des Wortes “Gewaltbereitschaft” und ohne Werte für christliche oder deutsche Schüler anzugeben, die nur wenig geringer ausfallen - wäre für eine Untersuchung von Religiosität und Gewaltbereitschaft folgende Erkenntnis der Studie durchaus von höherem Belang gewesen: Ein Zusammenhang zwischen Religiosität, also der Frage wie gläubig die Schüler unabhängig der Tatsache formaler Religionszugehörigkeit sind, und Gewaltbereitschaft war für Muslime nicht nachzuweisen.

Das legt nämlich den Verdacht nahe, dass es eventuell andere - von der Studie nicht berücksichtigte - Faktoren sein könnten, die zu einer höheren Gewaltbereitschaft junger Muslime führen. Vor allem aber ist es der Todesstoss hinsichtlich der Frage ob die Untersuchungskategorie “Muslime” für die Variable Gewaltbereitschaft bei Schülern überhaupt von Belang ist. Wenn es keinen Unterschied in der Gewaltbereitschaft nicht-gläubiger, leicht-gläubiger, gläubiger und sehr gläubiger muslimischer Schüler gibt, die im formalen Sinne dem Islam angehören, dann hat Allah offensichtlich wenig damit zu tun. Das ist erfreulich. Was Schüler angeht bleibt der Islam eine grüne Wiese, auf der man sich ausruhen kann.

In diesem Sinne wünscht das Küchenkabinett den Christen da draußen eine frohe Weihnacht und den Muslimen und all den anderen religiösen Menschen ein paar schöne freie Tage.

Verfasst von Michael am 22.12.07 08:41
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Kommentare

Danke!

Posted by: S am 22.12.07 13:29

bembelmäßig frohe weihnachten wünsche ich dem küchenkabinett :-)

Posted by: bembelkandidat am 24.12.07 01:35

Passend dazu hat “Pappa Razzi” jetzt verlauten lassen, dass das Christentum weiter verbreitet werden soll.
Warum schreit da eigentlich keiner auf? Was ist an der Aussage anders als wenn jemand den Islam verbreiten will?

Posted by: Thomas am 24.12.07 14:50
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