26.10.07

Deutsche Gefangene, von der Politik vergessen

Menschenunwürdige Bedingungen für Häftlinge in Chávez’ Venezuela

Manches, was man erlebt, ist in seiner Menschenverachtung so erschütternd, dass man Mühe hat, es adäquat darzustellen. Grausamkeit vermitteln ohne bluttriefend zu werden. Hier ein Versuch:


Mehr tot als lebendig empfängt der junge Frederik (Name geändert) im Männergefängnis Los Teques bei Caracas die monatliche Zuwendung der deutschen Botschaft. Der einfacheren Verwaltung halber sind alle deutschen Häftlinge in Venezuela dort zusammengelegt. Sie sitzen allesamt wegen Drogendelikten ein. Manch einer von ihnen ist in größter Dummheit mit Anfang zwanzig dem Traum vom schnellen Geld als Drogenkurier aufgesessen und fristet nun ein Leben in Vergessenheit. In den besseren, der untereinander unverbundenen Gebäude des Großgefängnisses, in die man sich intern einkaufen kann, hausen 40 Personen auf 20 Quadratmeter großen Zellen. Kleindealer, neben Sexualstraftätern neben Mördern. Die Insassen sind ausgemergelt, die zerschlagenen Brillen erzählen hässliche Geschichten. Bandenkriege werden von außerhalb ins Gefängnis herein getragen. Allein in den ersten drei Monaten diesen Jahres sind nach Angaben der venezolanischen Nichtregierungsorganisation Observatorio Venezolano de Prisiones über 1750 Waffen aus den Gefängnissen des Landes heraus geholt worden. Etwa 20.000 sitzen in dem reichen Ölstaat ein, die Mehrheit als Untersuchungshäftlinge. Unter ihnen Frederik, der an Krebs im Endstadium leidet. Die meisten Medikamente werden ihm von seinen Mithäftlingen abgenommen. Seit etwa zweieinhalb Jahren zieht sich sein Überstellungsverfahren hin. Drei Jahre gelten dafür im Rahmen der deutsch-venezolanischen Regelungen als normal. Niederländer dürfen hingegen auf ein halbes Jahr hoffen. Auf eine Verlegung ins Krankenhaus wartet Frederik indes ebenfalls seit Monaten vergeblich. Stattdessen liegt er im Dauerschmerzdelirium auf der Krankenstation des Gefängnisses, dem offenen Zimmer mit Pritsche direkt neben dem bestialisch stinkenden, als Abort benutzen Flur. Dabei gilt das Gefängnis in Los Teques noch als eines der luxuriösesten des Landes. Doch die Situation der „Weggesperrten“ in Venezuela verschlechtert sich unter Hugo Chávez dramatisch. Brutale Übergriffe sind an der Tagesordnung. 412 Menschen sind nach Berichten des Observatorio 2006 in den Gefängnissen der „Bolivarianischen Republik“ gewaltsam ums Leben gekommen. Fast doppelt so viele wie noch 2002. Nach acht Jahren der Herrschaft des „Comandante“ errechnen sich den Organisationsangaben zu Folge auf 1000 Inhaftierte 20 Ermordete. Das ist trauriger Rekord in Lateinamerika und zwanzig Mal mehr als im für seine Gefängnissituation berüchtigten Brasilien. Für Frederik spielt das keine Rolle mehr, er ist im Sommer im Gefängnis seinen Leiden erlegen.
Dutzende weitere deutsche Gefangene in Chávez’ Venezuela warten derweil noch immer auf das Engagement der deutschen Politik, welches sie im Fall Marco so eifrig an den Tag gelegt hat. Währenddessen geht die Polizei in Caracas gewaltsam gegen Studentenproteste vor, die sich vor allem gegen die Notstandsbestimmungen in der angestrebten venezolanischen Verfassungsrevision richten, wonach Inhaftierungen zukünftig auch ohne Anklage möglich sein sollen.


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Szene aus dem brasilianischen Film Carandiru

Verfasst von Stefan am 26.10.07 16:35
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Kommentare

Unglaublich! Da bleibt ein Thema ewig unerzählt, vergessen und unbemerkt und nun, nur einen Tag nach der Veröffentlichung dieses Artikels im Küchenkabinett, schreibt der Spiegel über Venezuelas Höllenknäste - Die Verdammten von Los Teques. Gut so, denn dieses Thema bedarf Öffentlichkeit!

Posted by: Stefan am 27.10.07 15:10

Von mir aus hättest du bluttriefender werden können, aber diesen FSK12-Versuch finde ich sehr gelungen.

“Zuwendung der deutschen Botschaft” heisst doch nichts anderes als: monatlich genug Geld, damit sich die deutschen Insassen ihr mittelfristiges Überleben durch das Abdrücken hinreichender Schutzgelder an ihre Mitinsassen erkaufen können.

Zuwendung klingt mir ansonsten zu sehr nach “kümmern”. Dein Beispiel legt aber eher nahe, dass sich dort niemand kümmert.

Posted by: michael am 29.10.07 14:30

Ich finde das es Zeit wird etwas gegen diese Korruption in Venezuela zu tun.Ich bin selber eine Gefangene in Los Teques und mein Kind muss nun mit mir leiden.ich warte schon seit ueber einen Jahr auf die Ueberlieferung nach Deutschland, doch nix passiert.Es muesste mehr ueber solche Themen geschrieben werden.Man hat uns tatsaechlich einfach hier vergessen!

Posted by: Jana Wawrsetz am 07.01.08 19:22

Da Du offensichtlich Zugang zum Internet hast. Es würde uns bestimmt freuen, wenn Du uns mehr über Deine Haft(bedingungen) erzählen würdest.

Viel Glück und gib gut auf Dich acht.

Posted by: michael am 11.01.08 12:11

Hallo Jana, in Gedanken bin ich immer bei Euch!!!
Ganz lieben Gruß Ela

Posted by: Ela am 16.01.08 00:25
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