24.10.07
Roth vs Mixa (Crooked Dub Remix)
Ah, jetzt wird es doch langsam interessant. Gestern hat Dirk Hermann Voß, der von den Goggle-News schon gerne einmal mit dem inoffiziellen, frischgebackenen Kart-Weltmeister Christian Voß verwechselt wird, seinen Nazi-Vergleich mehrfach verteidigt.
Sein Vergleich beziehe sich eben nicht auf den Holocaust, dieser sei unvergleichbar, sondern auf die Propagandahetze des Nazi-Regimes, die selbstverständlich vergleichbar sei und notwendigerweise verglichen werden müsste, mit den persönlichen Äußerungen der Claudia Roth. Der Vergleich sei:
“im konkreten Fall auch notwendig, wenn es darum gehe, die demokratische Diskussionskultur rechtzeitig vor einem Abgleiten in diffamierende Hetzkampagnen zu schützen” (FAZ)
Und später:
Der Nazi-Vergleich ist in diesem Fall zulässig, weil er die Christen als NS-Opfer betrifft“ (Merkur-Online).
Die Christen als Opfer der persönlichen Äußerungen der Claudia Roth. Verallgemeinert sind damit die Grünen, so geht die bischöfliche Kunde, für einen Christen “unwählbar” geworden. Die Exkommunikation der demokratischen Moderne.
In Nebenrollen der kleinen zeitgeschichtlichen Posse treten übliche und weniger übliche Verdächtige auf: Charlotte Knobloch, Georg Schmied, Volker Beck usw.. Von Claudia Roth ergeht die Kunde, dass Mixa und Voß weder “Gott” noch die katholische Kirche seien. Der Rest der Debatte ist in Deutschland weitgehend ritualisiert. Die Stichworte sind Bagatellisierung und Würde der Opfer des NS-Regimes.
Wie wir aus der jüngeren Mediengeschichte wissen, werden ungeeignete Vergleiche mit der Nazi-Zeit nicht dadurch öffentlich verträglicher, dass man sie verteidigt oder in einen anderen Kontext rückt. Wenn man der jüngsten “Henryk M. Broder”-Theorie “Wer zuerst Nazi sagt hat verloren” folgt, dürfte Claudia Roth wohl siegreich aus der Posse hervorgehen.
Der angedeutete Vergleich mit dem Eva Hermann “Skandal” drängt sich in der Tat auf. Zum einen ist den beiden Geschichten gemeinsam, dass sie ihrem Gehalt nach im Grossen und Ganzen recht belanglos sind. Zum anderen ist ihnen ein übersteigertes Medieninteresse gemein. Und letztlich, dies dürfte der entscheidende Punkt sein, ist Hermann und Voß vor allem die Weigerung gemeinsam, einen augenscheinlich deplazierten Vergleich zurückzunehmen, sich dafür zu entschuldigen und sich zu distanzieren.
Nun ist Voß' Brötchengeber die Katholische Kirche und keineswegs ein Medienanstalt des öffentlichen Rechts. Und man darf wohl davon ausgehen, dass die schützende Hand des Heiligen Stuhls weiter reicht als diejenige des NDR. Voß muss wohl kaum um seinen Job bangen.
Aber es drängen sich andere Überlegungen auf: Voß' Bezugsnahme ist weitaus expliziter. Dies gilt auch für die Verteidigung des Arguments, die bei Herman eher “diffus” im Sinne von “falsch verstanden” ausfiel. Man müsste annehmen, dass die durch Medien repräsentierte Öffentliche Meinung Voß ebenso “hinrichten” müsste wie Eva Hermann. Zumindest dann, wenn er sich in den kommenden Tagen nicht in geeigneter Form entschuldigt und distanziert, sondern gegenteilig auf der Gültigkeit seines Vergleichs beharrt. Der Johannes B. Kerner könnte die Hinrichtung als geübter Scharfrichter durchaus übernehmen, indem er Voß 50 Minuten lang “Brücken baut” und ihn mit wissenschaftlicher Unterstützung quasi professionell belehrt.
Aber da gibt es nun einen gewaltigen Unterschied zwischen Herrmann und Voß. Gemein ist ihnen zwar der unzulässige und verfälschende Vergleich. Aber Herrmann rekurriert letztlich auf das “Gute”, während Voß' Aussagen sich auf das “Böse” beziehen. Zumal Voß als “Mann Gottes” symbolisch betrachtet auch noch das “Gute” repräsentiert. Dank dessen dürfen wir aus der Posse in den nächsten Tagen etwas lernen:
Ist es der unzulässige und verfälschende Vergleich mit dem Nazi-Regime, der in unserer politischen Kultur dazu führt, dass Köpfe genommen werden, wenn sich der Akteur nicht rechtzeitig davon distanziert? Oder ist die normative Stoßrichtung des unzulässigen und verfälschenden Arguments entscheidend? Und das ist wirklich interessant. Es ist geradezu die Gretchen-Frage des öffentlichen Umgangs mit der deutschen Vergangenheit. Wie halten wir es mit der Religion? Ziehen wir die Vernunft vor und strafen Unzulässigkeit in der Sache? Oder begnügen wir uns mit dem Glauben und dulden auch unsachgemäßes Rekurrieren auf das Böse?
P.S:
Exkurs: Warum taucht eigentlich kath-net in den Google-News auf und z.B. diese Seite hier nicht. Ich traue mich nicht einen Link zu setzen, aber wer zusätzlich noch Vergleiche von Claudia Roth mit Göbbels möchte, wer gerne mal an einem Ort sein will, an dem (grüne) Homosexuelle noch als Sodomisten bezeichnet werden, oder sich ähnlicher katholisch-extremistischer Freuden hingeben möchte, dem sei diese Seite ans Herz gelegt.
Technorati Tags: Claudia Roth | Roth | Mixa | Dirk Hermann Voß | Eva Hermann | Nazi-Vergleich | NS-Vergleich | Posse
Das wird wohl nichts mehr, hat der Voß doch eingelenkt:
“Der historische Vergleich war im Nachhinein betrachtet nicht erforderlich”
Aber auch hier schöne Parallelen zu Eva Hermann. Nicht erforderlich bedeutet schon etwas anderes als “falsch”.
Posted by: michael am 25.10.07 09:31Von wegen “nicht erforderlich”:
Um die Medienaufmerksamkeit zu erlangen, konnte er entweder Autos anzünden oder eben den NS-Vergleich ziehen.
Wie jetzt Marcel? Theorie der Instrumentalisierung von NS-Vergleichen zu Aufmerksamkeitszwecken? Gewagt, gewagt. Das widerspricht der “Wer zuerst Nazi sagt hat verloren”-Theorie aber eindeutig.
Posted by: michael am 27.10.07 13:01Die Roth kann man doch mit Goebbels nicht vergleichen, die humpelt ja gar nicht.
Und mit dem Ton aus dem Reichsrundfunk hat die auch nix zu tun, und mit den Steinen, die auf Unschuldige geworfen wurden und werden, auch nicht, und mit den Scherben, die die Nazis in Deutschland hinterlassen haben, auch nicht :
ne, ne, die Roth ist ne brave.
Posted by: HUNDEPOPEL am 22.07.08 03:29Die Roth kann man doch mit Goebbels nicht vergleichen, die humpelt ja gar nicht.
Und mit dem Ton aus dem Reichsrundfunk hat die auch nix zu tun, und mit den Steinen, die auf Unschuldige geworfen wurden und werden, auch nicht, und mit den Scherben, die die Nazis in Deutschland hinterlassen haben, auch nicht :
ne, ne, die Roth ist ne brave.
Posted by: HUNDEPOPEL am 22.07.08 03:29