01.06.07

HIV/AIDS: Eine Rationalität des ungeschützten Ficks?

Halbjährlich meldet das RIK die Zahl der bekannten HIV Neuinfektionen. Wir berichteten zuweilen. Im zweiten Halbjahr 2006 wurde seit Anbeginn der statistischen Erhebung mal wieder ein trauriger Rekord gebrochen. 2611 gemeldete Neuinfektionen.

Manchmal machts einfach die Statistik, also hört gut zu: 82000 Infektionen in Deutschland seit wir HIV kennen. Davon bei 32500 Aids augebrochen. 26000 Menschen an der Krankheit verstorben. Männer erkranken 6 mal häufiger an AIDS als Frauen. Schätzungsweise 70% aller Neuinfektionen sind auf homosexuelle Kontakte unter Männern zurückführen. 20% auf heterosexuelle Kontakte, 9% auf intravenösen Drogenkonsum mit gebrauchten Nadeln.

Was mich aber gerade so ein bisschen umtreibt, ist dieses eben noch zu erkennende Schaubild, was man sich im Halbjahresbericht auch in besserer Qualität anschauen kann:

hiv.png (Quelle: RIK)

Es zeigt den prozentualen Anteil von Neuinfektionen nach Infektionsweg. Ganz oben “keine Angabe”, ganz unten homosexuelle Kontakte unter Männern. Die Abkürzung MSM ist vielleicht ein wenig eigentümlich und steht für “Männer, die Sex mit Männern haben”.

Davon abgesehen ist der weiße Balken interessant, der in den letzten Jahren immer kleiner wird. Er zeigt nämlich den Anteil von Neuinfektionen in Hochrisikogebieten. Und wenn sich das so anschaut, dann kann mal leicht auf Idee kommen, dass die steigende Zahl von HIV-Infektionen vielleicht gar keine Frage mangelnder Aufklärung ist, wie immer wieder vermutet wird und angesichts der Aids-Schleife als Fashion-Accessoir und Pro7s Roter Kommerznase auch irgendwie naheliegt.

Im Gegenteil lässt der weisse Balken eine hinreichende Aufklärung bei nur allzuguter Informationslage vermuten. Er legt den Verdacht nahe, dass die Menschen eine gefährlich rationale Einstellung zum ungeschützten Fick entwickeln. Man weiss bzw. glaubt offensichtlich zu wissen, wo man aufpassen und ein Gummi benutzen sollte und wo die Gefahren einer Infektion als allzu gering eingeschätzt werden können. “Kondom oder kein Kondom?” als Frage rationaler Kosten-Nutzen-Kalkulation. Die Paarungswilligen haben ihre Gummis dabei. Ob sie sie benutzen hängt davon ab, ob sie sich in einer Diskothek in Berlin-Mitte oder auf einem Dorffest in - puh - Gauangelloch befinden. Denn in Gauangelloch hat nur einer von 100000 Menschen HIV. Und Gauangelloch hat gar keine 100000 Einwohner.

Verfasst von Michael am 01.06.07 10:40
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