22.05.07
Organ des Tages: die Nase
Heute wird viel über Geruchsproben geplaudert, während sich gleichzeitig ein Vollüberwachungsplädoyer (via Blogoff) unserer Kanzlerin von 2006 verbreitet.
Allenthalben kennt man das nur von der Stasi, die auch die hübsche Probe links angefertigt hat. Und man liest: So schlimm wäre nicht mal die SS gewesen. Stimmt im übrigen nicht. Die französische Résistance musste sich sehr wohl mit dem Geruchsprobenproblem und den “Geruchsdifferenzierungshunden” herumschlagen. Und überhaupt geht es gar nicht um Geruchsproben, sondern die präventive Geruchsprobenentnahme zum Zwecke der Einschüchterung (FASS!).
Tatsächlich gibt es im Netz noch nicht viel über das Thema, was nicht von heute oder gestern oder aber aus der Aufarbeitung der Stasiarchive stammt. Man muss eigentlich nicht viel dazu schreiben. Schließlich ist der Wahnsinn und die Absurdität dieser Maßnahme ziemlich evident.
Umso schöner, wenn man zwei Zitate findet, von denen es mindestens eines zu bewahren gilt, weil es aus Gründen der politischen Korrektheit von der Hompage verschwinden könnte.
Das Deutsche Historische Museum illustriert nämlich ausgerechnet anhand der Geruchsproben den perfiden Überwachungsterror des Ministeriums für Staatssicherheit:
Die allgegenwärtige Bespitzelung kommt ans Licht: Sechs Millionen personenbezogene Akten wurden vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) in vierzig Jahren zusammengetragen. Briefe wurden geöffnet und heimlich gelesen, Telefongespräche abgehört und mitgeschnitten. Die Stasi sammelte sogar Geruchsproben von Oppositionellen, um sie bei Bedarf mit Spürhunden verfolgen zu können. Zur Praxis der Einschüchterung gegen Regimegegner gehörten auch Morddrohungen und Entführungen. [..] Es stellt sich heraus, dass die Methoden des DDR-Regimes noch grausamer waren, als von ihren Kritikern vermutet.(DHM)
Und mit diesem Auszug aus einem Zeit-Artikel von 1996 names “Stasi&-Vergangenheit: Deutschstunde bei Gauck” (PDF) ist eigentlich alles gesagt:
Im Kupferkessel* lagern auch die Weckgläser mit Geruchsproben des Klassenfeindes: Putzlappen, die verdächtige Personen vorübergehend am Unterleib, “an geruchsintensiven Körperteilen”, tragen mußten, damit der individuelle Duft im Bedarfsfall für die Geruchsdifferenzierungshunde” aktiviert werden konnte. Schnüffeln im Ursinn. Einem derart Verletzten hilft auch die Aushändigung des Weckglases nicht, seine Würde wiederzuerlangen. Im Lesesaal herrscht noch immer eisiges Schweigen. Plötzlich schüttelt sich eine Frau, hält beide Hände vor den Mund, um herausplatzende Geräusche zu unterdrücken. Weint sie? Sie lacht und lacht und lacht. Eine Ewigkeit. Die anderen lesen weiter.
- ein kupferverkleideter Kellerraum.
Technorati Tags: Stasi | Stasi 2.0 | Datenschutz | Überwachungsstaat | präventive Überwachung | Geruchsprobe
Danke!
Posted by: Stefan am 23.05.07 08:58Es ist noch nicht lange her, da wurde ich in einem anderen Blog dafür gescholten einen Vergleich der heute aufkeimenden Politik, bzw. Handlungsweisen unserer Sicherheitsorgane, mit den Methoden von Stasi und Gestapo angestellt habe.
Heute muß ich zu meinem Bedauern feststellen, dass ich garnicht so verkehrt lag.