15.11.06

Einiges zum Thema Wohnzimmer-Nazis

Vor einiger Zeit habe ich mich an dieser Stelle über die Nazi-Nachbarn ausgelassen. Dies zog selbstredend die eine oder andere Reaktion über meine Wortverwendung nach sich. Dieser Tage hört man einiges von den “neuen” Rechtsextremen, die ich im Folgenden als Wohnzimmer-Nazis bezeichnen möchte. Auslöser ist eine Studie im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung, die man hier (PDF) in ihrer Gänze nachlesen kann. Je nachdem wo man zuhört, zusieht oder nachliest gibt es bedenklich viele (mehr oder weniger) Rechtsextreme. Bei Frontal hatten gestern 11% ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild. In Zeitungen liest man gerne etwas von etwa 9% im Westen und 6% im Osten, gesamt also etwa 8,6%. Bei der Rheinischen Post steht: Im Schnitt votierte jeder Vierte für rechtsextreme Thesen.
In zumindest einer Hinsicht ist dies beruhigend. Denn meinen Kritikern, die mir nahe legten doch bitte Spießer zu sagen, wenn ich Spießer meine, und nicht in verharmlosender Art und Weise mit dem Wort Nazi um mich zu schmeißen, sei gesagt: Die Wahrscheinlichkeit, dass meine Bezeichnung korrekt im Sinne der Wohnzimmernazis dieser Studie ist, ist dann doch nicht so gering.

Empirische Studien sind immer gefährlich. Besonders dann, wenn sie sehr medien- und politikerfreundliche Schlagwörter enthalten, die mit Prozentzahlen versehen schockierende Pressemeldungen und politische Debatten provozieren. Der Leser der Nachricht wird sich betroffen davon zeigen wie viele Deutsche sich als Wohnzimmernazis qualifizieren, sprich ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild aufweisen. Als Rechtsextremer wird man sich vielleicht bestätigt fühlen. Mit der Frage was ein geschlossenes rechtsextremes Weltbild eigentlich ist wird der Leser natürlich alleingelassen, denn das versteht sich als Schlagwort freilich von selbst.

Da ich mal mit einer Rechtsextremismus-Forscherin zusammenwohnte, kann ich ganz gut beurteilen, dass die Studie für die Forschung ein echter Durchbruch ist. Nichtsdestoweniger sollte man vor der Verwendung der Zahlen, wie sie in der Presse dieser Tage kursieren, schon ob der Sensibilität des Themas eindringlich warnen:

Um zu bestimmen, ob ein Teilnehmer der Studie ein Wohnzimmernazi ist, beantwortet dieser 18 Fragen, die sechs Dimensionen des Rechtsextremismus beschreiben. Und zwar auf einer Fünf-Punkte Skala von Stimme nicht zu (1 Punkt) bis Stimme voll zu (5 Punkte). Die sechs Dimensionen sind Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus, die jeweils mit drei Fragen erfasst werden. Anschließend werden die Punkte, die ein Teilnehmer bei allen 18 Fragen erreicht, addiert. Wird eine gewisse Punktzahl überschritten gilt er als Wohnzimmernazi.
In der Studie gibt es zwei solcher Schwellenwerte, die von den Zeitungen nach Belieben benutzt werden, was die unterschiedlichen Prozentzahlen in den Zeitungen erklärt. Der Grenzwert von 63 entspricht etwas mehr als einem durchschnittlich mittlerem Antwortverhalten (teils-teils-Antworten) - die Autoren sprechen - was die Zeitungen ignorieren - auch von manifesten Wohnzimmernazis. Beim Grenzwert von 72 Punkten geben die Autoren an, dass dies einem geschlossen zustimmenden Antwortverhalten entspräche. Dies ist mathematisch falsch, es entspricht wiederum nur einem durchschnittlich zustimmenden Antwortverhalten. Das sind die wirklichen Wohnzimmernazis

Es sollte klar sein, dass so eine Vorgehensweise erst einmal willkürlich ist. Erstens durch die (relative) Grenzziehung selbst. Zweitens durch die additive Art und Weise der Punktzahlbildung (wieso nicht multiplizieren oder gar noch komplizierte Verfahren wählen). Beim zweiten Punkt wählen die Autoren die Standardvorgehensweise solcher Studien, jedes andere Verfahren wäre letztlich nicht weniger willkürlich. Der Studie fehlt es aber an einem Test ob andere Verfahren zu anderen Ergebnissen kommen und wie diese aussehen (Robustheitstest). Beim ersten Punkt wäre es allerdings problemlos möglich gewesen, festzustellen, wie viele Teilnehmer tatsächlich bei allen Fragen zustimmend geantwortet haben, also tatsächlich ein geschlossenes Einstellungsmuster zeigen. Dies wird unterlassen. Der Studie kann man entnehmen, das der Prozentsatz kleiner als 8,3% sein muss.

Inwieweit die Grenzziehung der Autoren überhaupt Sinn ergibt, kann man natürlich nur anhand der einzelnen Fragen beurteilen. Diese sollen schließlich das Konzept Rechtsextremismus über dessen Dimensionen erfassen. An mancher Stelle äußern die Autoren, dass sie mit dem Begriff Rechtsextremismus nicht ganz glücklich sind, scheuen sich aber auf der anderen Seite nicht, plakative Überschriften wie: “Was wählen Rechtsextreme?” zu wählen, die dann von Zeitungen dankbar übernommen werden. Auffällig ist hier, dass es eine Vielzahl eher “weicher” Fragen gibt, die vielleicht eine konservative oder nationale Einstellung zu erfassen ermögen, nicht aber die Komponenten “extrem” oder “rechts” treffen. Beispiele hierfür wären: “Wir sollten endlich wieder mehr Mut zu einem starken Nationalgefühl haben” (trifft extrem nicht) oder “Im nationalen Interesse ist unter bestimmten Umständen eine Diktatur die bessere Staatsform” (trifft rechts nicht). Auch fällt der hohe interpretative Gehalt einzelner Fragen auf. Zum Beispiel weist in der Frage “Wir sollten einen Führer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert.” nur das Wort “Führer” auf eine rechtsgerichtete Diktatur hin. Der Antwortgeber muss also das Wort Führer letztlich mit Hitler assoziieren, keineswegs im Sinne von “leader”, denn dann könnte die Frage auch auf eine starke demokratische Exekutive abzielen. Auch bei der Dritten Frage zum Thema rechtsgerichtete Diktatur gibt hauptsächlich das Wort “Volksgemeinschaft” einen Hinweis auf rechts. Als besonders verdächtig erweisen sich auch alle Fragen zur Dimension des “Chauvinismus”, die weder rechte noch extreme Komponenten beinhalten, sondern eine auf einer links-rechts Dimension überall ansiedelbare außenpolitische Position markieren. Die Liste könnte man weiterführen. Wer mal im Antwerpener Diamantenviertel war wird die Aussage “Die Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigentümliches an sich.” vielleicht zustimmend beantworten können, selbst wenn er links wie Lenin und so wenig extrem wie Ursula von der Leyen ist.

Es ist also mithin nicht so schwer eine ordentliche Anzahl an Punkten bei den 18 Fragen zu erhalten, selbst wenn man diejenigen Fragen, die sehr eindeutig eine rechtsextreme Position markieren, ablehnt. Andererseits ist zumindest der höhere Grenzwert so hoch angesiedelt, dass selbst bei einer sehr lockeren bis naiven Interpretation seitens des Antwortgebers ein rechtes bzw. rechtsextremes Einstellungsmuster stark indiziert wird. Letztlich wird niemand diese Schwelle überschreiten, der nicht mindestens auf zwei der drei vergleichsweise eindeutigen Dimensionen Antisemitismus, Ausländerfeindlichkeit und Verharmlosung des Nationalsozialismus hohe Werte erreicht.

Dennoch sollte man sich darüber im Klaren sein, dass es ein erhebliches Versäumnis der Autoren ist, dass der eigene Fragebogen nicht hinterfragt oder begründet wird. Angesichts des erheblichen Aufwands der Studie (drei Befragungen a ca. 5000 Personen über sechs Jahre verteilt) hätte es einen vergleichsweisen geringen Mehraufwand bedeutet, mit einem kleineren Personensample zu testen ob geringere Unterschiede in der Formulierung der Fragen zu grösseren Unterschieden im Antwortverhalten führen. Den Autoren hätte auch klar sein können, dass sich allemöglichen Leute auf ihre Daten stürzen wie die Geier und deshalb zumindest Angaben dazu machen können, mit welchen prozentualen Abweichungen die Ergebnisse als verlässlich einzustufen sind - zumal dies nur einen Mausklick erfordert hätte.
Da sich die Autoren im weiteren Verlauf der Studie als kompetente Statistiker erweisen, müsste man hier eigentlich noch tiefer in Fragen der Güte der Untersuchung einsteigen. Und ich will jetzt nicht anfangen über Regressions- und Faktoranalysen zu plaudern. Aber das Untersuchungsdesign der Studie, nämlich jede Dimension des Rechtsextremismus mit mehreren Fragen zu erfassen, hätte nicht nur erlaubt sondern eigentlich nahegelegt, zu überprüfen, inwieweit einzelne Fragen zur Messung der jeweiligen Dimension tauglich sind, und inwieweit die Dimensionen überhaupt das Phänomen Rechtsextremismus empirisch zu erfassen in der Lage sind. So liegt bei einem einzelnen Blick auf die Zustimmungswerte in der Dimension des Chauvinismus, dessen Fragen die höchsten Zustimmungswerte erhalten und wie oben erwähnt eine außenpolitische Position abfragen, der Schluss nahe, dass die Dimension überhaupt gar keinen Beitrag dazu leistet in empirischer Hinsicht rechtsextreme von nichtrechtsextremen zu unterscheiden. In der Dimension “Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur” verwundert es gleichfalls, dass sich nur 9% zustimmend zu der Frage äußern, ob unter bestimmten Umständen eine Diktatur besser wäre als eine Demokratie, aber 26% der Aussage zustimmen “Was Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verkörpert.” Es ist anzunehmen, dass eines der beiden Items, vermutlich letzteres, nicht besondere gut in der Lage ist, das Konzept der “Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur” zu erfassen.

Anzumerken ist ansonsten, dass die Studie an dieser Stelle erst beginnt und im Weiteren Zusammenhänge zwischen rechtsextremer Einstellung und ökonomischer und sozialer Lebenssituation sowie politischen Faktoren untersucht und hieraus Typen von Menschen mit rechter bzw. rechtsextremer Einstellung ableitet. Der eigentliche Wert der Studie beginnt also in etwa dort, wo die Zeitungsmeldungen aufhören.

Verfasst von Michael am 15.11.06 13:40
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Kommentare

Vielen Dank für diese Dekonstruktion der Studie. Zum Punkt Chauvinismus möchte ich jedoch anmerken, dass dieser eventuell erklärungsmächtiger ist, als es zunächst den Anschein hat. Empirisch hat sich nämlich bei Untersuchungen der Forschungsgruppe Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (Bielefeld/Marburg) gezeigt, dass verschiedene exkludierende Einstellungen (Sexismus, Rassismus, Nationalismus, etc.) stark miteinander korrelieren, d.h. dass chauvinistisch eingestellte Personen tendenziell empfänglicher sind für rechtsextremes u.a. Gedankengut.

Posted by: lambach am 16.11.06 09:39

Ja, ich kann auch nachvollziehen, dass die Autoren Chauvinismus in ihre Definition von Rechtsextremismus einbeziehen. Das macht Sinn.

Aber es heisst nicht, dass das Merkmal zum Messen von Rechtsextremismus geeignet ist. Dazu müsste es auch dazu geeignet sein, zwischen rechtsextremen und nicht-rechtsextremen zu diskrimieren. Sonst erhöht sich die Chance, dass man jemanden aufgrund der Messung als rechtsextrem einstuft, obgleich er es nicht ist.

Posted by: michael am 16.11.06 12:05

Naja, seit Slime wissen wir ja, dass es auch linke Spieser gibt.

Daneben denke ich, dass die Formulierung der zum Teil äußerst suggestiven Fragen, das Ergebnis stark beeinflusst:
So werden hier klassische rechtsextreme/Nazi- Aussagen genommen, denen jemand, der nicht in den Verdacht einer rechten politischen Einstellung kommen will, so einfach nicht zustimmen kann. Allein schon die Auswechslung der auf Antisemitismus zielenden Frage nach der “Eigentümlichkeit der Juden” durch eine auf Fremdenfeindlichkeit zielende Frage nach der “Eigentümlichkeit der Moslems” würde viel höhere Akzeptanzwerte schaffen und rassistische Einstellungen der Befragten deutlicher hervorheben.

Posted by: Marcel am 16.11.06 14:06

Guter Post. Danke.

Posted by: Rechtsanwalt Strafrecht München am 01.05.07 13:05
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