02.06.06

Versuch über die Nazi-Nachbarn

Die Nazi-Nachbarn sind keine echten Nazis. Nicht solche Leute, die nachts auf den Boxberg fahren, um Mitbürger fremdländischen Erscheinungsbildes zu vermöbeln. Das muss man ihnen nachsehen. Dafür sind sie zu alt. Auch nicht solche Leute, die richtig echte Nazis sind, und damals schon mittendrin statt nur dabei waren. Dafür sind sie zu jung. Die Nazi-Nachbarn gehören zur “lost generation” der intoleranten Menschen. Ihnen hat es an einer geeigneten peer-group gefehlt. Und deshalb leben sie zurückgezogen und hängen ihren Marotten nach. Und es gibt viele Dinge, die sie stören. Aber weil sie zur “lost-generation” der intoleranten Menschen gehören, können sie es nicht herauslassen. Sie müssen immer gezwungen lächeln und frustriert sein. Und das tut mir schon ein bißchen leid.

Die Nazi-Nachbarn sind solche Leute, die ihr Gartentörchen abschließen und nachts immer die Außenbeleuchtung brennen lassen. Sie ketten auch ihre Mülltonnen an. Sehr schlimm finden sie den Dreck und das Unkraut. Die Nazi-Nachbarin steht drei mal in der Woche in ihrem Vorgarten. Sie trägt Gummihandschuhe und ist mit einer Mini-Gartenharke bewaffnet. Damit entfernt sie das Unkraut aus den Beeten. Der Nazi-Nachbar bevorzugt dagegen den Besen. Drei mal in der Woche und oft zeitgleich mit der Nazi-Nachbarin kehrt er den Bürgersteig und den Bordstein. Bürgersteig, Bordstein und Vorgarten der Nazi-Nachbarn sehen sehr gepflegt aus.

Seit wir eingezogen sind mögen uns die Nazi-Nachbarn nicht. Weil wir vor ihrer Haustüre zu parken pflegten. Das verärgerte die Nazi-Nachbarn, weil sich unsere Autos nicht besonders hübsch in das Erscheinungsbild von Bürgersteig, Bordstein und Vorgarten fügen. Deshalb haben die Nazi-Nachbarn damals versucht, mit mir in Kontakt zu treten. Dazu haben sie mich einige Wochen verkniffen zurückgegrüßt. Dann hat der Nazi-Nachbar gesagt, dass wir woanders parken sollen. Wegen dem Bordstein, den er sonst nicht reinigen kann. Und seit dem über Nacht unsere Autoantennen verschwunden sind, und nur unsere Autoantennen verschwunden sind und nicht die der anderen Anwohner, parkt meine Freundin samt neuer Antenne woanders. Und ich parke ohne Antenne vor dem Haus der Nazi-Nachbarn. Die Nazi-Nachbarn haben dann nicht mehr verkniffen zurückgegrüßt und irgendwann haben wir die Nazi-Nachbarn nicht mehr gegrüßt.

Seit ein paar Wochen haben die Nazi-Nachbarn ihre Strategie geändert. Es wundert mich, dass sie nicht eher auf diese Idee gekommen sind. Die Nazi-Nachbarn warten darauf, dass ich wegfahre. Dann sagt die Nazi-Nachbarin dem Nazi-Nachbarn bescheid. Weil die Nazi-Nachbarin nie Auto fährt. Der Nazi-Nachbar holt das Auto aus der Garage und parkt es derart vor seiner Haustür, dass kein anderes Auto mehr Platz hat. Trotz Kombi eine knifflige Aufgabe und die Nazi-Nachbarin weist ihn ein. Meine Augen durften dieses Ereignis neulich schauen, als ich mein Auto verliehen hatte.

Weil das Auto der Nazi-Nachbarn in die Garage gehört, warten die Nazi-Nachbarn bis ich wieder da bin und mein Auto woanders geparkt habe. Dann sagt die Nazi-Nachbarin dem Nazi-Nachbar bescheid. Weil die Nazi-Nachbarin nie Auto fährt. Und er fährt das Auto in die Garage zurück. Ein paar mal habe ich darüber nachgedacht, ob ich anschließend umparken soll. Statt dessen habe ich wieder damit angefangen, die Nazi-Nachbarn zu grüßen. Ganz gleich welche Uhrzeit wir haben lächele ich freundlich und sage Guten Morgen. Dann lächeln sie frustiert zurück und sagen Guten Tag. Nachdem ich die Nazi-Nachbarin vorhin zu einem Lächeln gezwungen habe war sie sehr schnell damit, dem Nazi-Nachbarn bescheid zu sagen. Ich war keine zehn Minuten unterwegs und musste mein Auto dennoch woanders parken. Der Kombi der Nazi-Nachbarn steht längst wieder in der Garage.

Verfasst von Michael am 02.06.06 13:44
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Kommentare

die bisherige bezeichnung für diesen typ von mensch war spiesser, aber immer schön radikalisieren und übertreiben… ihr mordkopierer

Posted by: H04rst am 07.06.06 01:23

Wahrscheinlich weniger als Ausdruck der Radikalisierung durch Michael gedacht, ist die Verwendung des Terminus “Nazi-Nachbarn” wohl eher ein Zeichen für eine schleichende Bedeutungswandlung des Begriffes “Nazi” im allgemeinen Sprachgebrauch. Während bis vor nicht allzu langer Zeit “Nazi” allein zur Bezeichnung von dem Nationalsozialismus oder Rechtsextremismus Nahestehendem verwendet wurde, findet man es in der Alltagssprache “der Straße” immer häufiger als Etikett für eine extreme, oft verbissene Haltung.
Die Wikipedia schreibt dazu: “Im angelsächsischen (und internationalen) Sprachgebrauch findet sich die Kurzform Nazi wesentlich häufiger als die Herkunftswörter und wird auch zur Bezeichnung der damaligen Politik, Ideologie und Kriegsführung, teilweise auch zur Bezeichnung von Fanatikern anderer Art, gebraucht.”
Die zunehmend laxe Begriffsverwendung ist wohl durch die wachsende zeitliche Distanz zu den Zeiten des Nationalsozialismus zu erklären, die sich auch in der Zunahme unbedachter Vergleiche von Aktuellem mit aus dem Dritten Reich Konnotierten ausdrückt.
Auch ein(e) Präsident(in) des Zentralrates der Juden hätte wohl vor ein oder zwei Jahrzehnten den iranischen Präsidenten nicht arglos einen “zweiten Hitler” genannt. Hatte man doch gelernt, dass es den per se nicht gab.
Die “Nazi-Nachbarn” (anstelle von “Spießern”) sind also wohl eher als Teil einer sprachlichen Entwicklung zu sehen, über die sich natürlich trefflich streiten lässt.

Posted by: Stefan am 08.06.06 15:30

Man denke nur an Reinhard Mays “Gartennazi”. Oder an die deutsche Popliteratur seit Mitte der 90er. Bleibt die Frage, was wohl ein Mordkopierer ist…

Posted by: michael am 09.06.06 09:06

Die Popkultur nicht zu vergessen. ;-)

Posted by: Gundelheim am 16.06.06 16:10

Offensichtlich ausführlich debattiert bei:

http://www.chaoskanal.net/cms/module-Forum-viewtopic-topic-1161.html

…und ich wünscht' ich hätte 'ne kultige Karre.

Posted by: michael am 22.06.06 10:41

Hey michael du kleener Punker! -:)

Posted by: Marcel am 23.06.06 12:42

naja, ob man diesen ausdruck als “sprachliche entwicklung” oder eben doch zur verblendung des volkes zählen mag sei jedem selbst überlassen. korrekt ist und bleibt der nazi ein nationaler sozialist, und nicht ein spiesser, die abkürzungen kommen langsam einem ghetto-slang ähnlich.
ich wäre eher für den AMI-nachbar, wenn man schon menschenunwürdigkeit damit ausdrücken will.

schalom und chears mates

Posted by: fenrisale am 06.08.06 12:55
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