18.05.06

Die Welt zu Gast in Brandenburg

Natürlich ist es ja nur Fußball und damit per se unpolitisch. Aber wie das so ist, wenn viele Leute aus unterschiedlichen Ländern zusammentreffen: Da beginnt man, sich selbst mit den Augen des Fremden wahrzunehmen. Und was sieht man dann?
Uwe-Carsten Heye, früher mal Regierungssprecher und nun Vorsitzender des antirassistischen Vereins Gesicht zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland, sieht Gefahren für fremdländisch aussehende WM-Besucher, falls die sich in bestimmte dunkle Zonen Ostdeutschlands verirren sollten. Auf die Frage, was er denn Fußball-Fans aus Togo raten würde, die zur WM nach Deutschland kämen, antwortete er:

“Es gibt kleine und mittlere Städte in Brandenburg und anderswo, wo ich keinem, der eine andere Hautfarbe hat, raten würde, hinzugehen. Er würde sie möglicherweise lebend nicht mehr verlassen”.

Ich würde dem ja grundsätzlich zustimmen. Wer nicht zustimmt, das sind nun die Brandenburger selbst, die sich so nicht dargestellt wissen wollen: “Dies ist eine Verunglimpfung ganzer Regionen in Brandenburg, die durch nichts zu rechtfertigen ist”, sagte der Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck von der SPD. Außerdem konterkarierten solche Aussagen den Kampf gegen den Rechtsextremismus. Vize Schönbohm pflichtet bei: Heyes Statement sei eine “unglaubliche Entgleisung”.

Auch der Fraktions-Vize der CDU im Bundestag, Wolfgang Bosbach, findet Heyes Äußerungen unverantwortlich. Zwar soll man Fremdenfeindlichkeit nicht bagatellisieren, aber: “Man darf aber auch nicht weite Teile der neuen Bundesländer oder des Landes Brandenburg unter Generalverdacht stellen und sie zumindest mittelbar zu so genannten No-Go-Areas erklären. Entweder soll Herr Heye sagen, welche Städte oder Stadtteile er meint, oder er soll schweigen”.

Heyes Parteifreund Thierse meint, man solle lieber das Engagement der Bürger gegen Rassismus stärken, während die türkischstämmigen Bundestagsabgeordneten Ekin Deligöz (Grüne) und Hüseyin-Kenan Aydin (Linksfraktion) vor Panikmache warnten: “Das ist ja, was die wollen, dass die Ausländer zu Hause bleiben und gar nicht herkommen.”
“Die Äußerungen Heyes sind also zum einen kontraproduktiv. Zum anderen sind sie inhaltlich Unfug - und in ihrer Unschärfe sogar infam”, schreibt Tim Albert von der Lausitzer Rundschau.

Die CDU-Abgeordnete Katharina Reiche wirft Heye Populismus vor: “Er beleidigt damit nicht nur 2,6 Millionen Menschen, sondern konterkariert die allseits anerkannten Leistungen der Großen Koalition in Brandenburg bei der Bekämpfung von Fremdenfeindlichkeit und Gewalt jeder Couleur.”
Ach so - Leistungen der Großen Koalition. Es geht also gar nicht um totgeprügelte Menschen, es geht um die Leistungen der Großen Koalition. Das erklärt natürlich einiges.

Zustimmung bekam Heye vom Afrika-Rat Berlin-Brandenburg: Auch der kündigte bereits an, sogenannte No-Go-Areas für WM-Gäste auszuweisen, und auch das stieß bei Politikern auf Kritik. Anders sieht das dagegen unser früherer Frankfurter Multi-Kulti-Dezernent, Daniel Cohn-Bendit: “Die Realität ist, dass sich Schulklassen mit vielen Migrantenkindern fragen, ob es sicher ist, nach Brandenburg oder Mecklenburg- Vorpommern zum Zelten zu fahren”. In einigen Gegenden Ostdeutschlands sei es geradezu schick, Rassist zu sein.

Nein, alles wird gut - glaubt zumindest die Vorsitzende vom Tourismus-Ausschuß des Bundestags, Marlene Mortler von der CSU: “Gastfreundschaft und Herzlichkeit werden die Besucher während der WM beeindrucken, dessen bin ich mir sicher.”

Meine bisher erste und hoffentlich auch letzte Begegnung mit Leipziger Fußballfans hat mich auch tief beeindruckt. Oder wo sonst kann man Liedgut hören wie Wir baun eine U-Bahn nach Auschwitz? Natürlich sind nicht alle Leipziger so, die meisten finden das ja genauso schlimm wie ich. Die Frage ist aber: Darf man Gäste warnen - wie englischsprachige Reiseführer das schon seit längerem tun - und riskiert dadurch einen Ansehensverlust und ein paar Last-Minute-Absagen?
Wer darf überhaupt warnen - darf man nur vor sich selbst warnen, oder dürfen auch andere vor einem warnen? Dürfen Wessis vor Ossis warnen oder nur Ossis vor sich selbst? Dürfen Afrikaner vor Ossis warnen, oder müssen sie dann gleichzeitig auch vor Wessis warnen, weil es sonst ja ungerecht wäre? Oder soll man am besten gar nicht warnen und einfach hoffen, daß schon alles irgendwie gut geht, dann kommen die Fremden und die Skins ärgern sich so richtig schön, hähä, geschieht ihnen recht, so viele Nichtarier auf einmal überall, und vielleicht hauen sie dann ausnahmsweise vor lauter Ärgern mal nicht zu?

Ein großes verworrenes Problem, und am Ende wohl, wie so vieles, eine Frage der Diplomatie und der sensiblen Vermittlung. Manche Wahrheiten werden nämlich wahrer, je vorsichtiger man sie ausdrückt.

Verfasst von andrea am 18.05.06 12:58
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Kommentare

Ja, was Herr Heye vor seinem Dementi sagte, gilt leider als politisch wenig korrekt, ganz nach der Devise: “Es kann nicht sein, was nicht sein darf.”
In manchen Ländern wird von offiziellen Stellen entgegen der tatsächlichen Lage hartnäckig auf die Ausrottung der Malaria verwiesen. Wenn dort auch schon erfolgreich gegen diese Seuche angekämpft wird, so möchte ich mich als Reisender dennoch auf etwaige Folgen einstellen können und nicht meine Gesundheit einer politischen Sprachregelung unterordnen…

Posted by: Stefan am 18.05.06 17:38

Der pragmatisch-humanistische Bellezist in mir fragt sich: Kann man nicht mal eine Brigade afrikanischer Kindersoldaten im Osten ausschwärmen lassen, um den arischen Morlocks uff die Fingerchen zu patschen? Drittwelthilfe und Antifa-Anstrengung in einem.

Posted by: molosovsky am 18.05.06 20:56

Jetzt haben offenbar zwei Neuruppiner Anwälte Anzeige gegen Heye wegen Volksverhetzung gestellt (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,417018,00.html). Korrekterweise sollte dann aber auch das Auswärtige Amt bei jeder Reisewarnung von dem betreffenden Land auf Schadenersatz für entgangene Tourismus-Milliarden verklagt werden.

Posted by: reformstaub am 18.05.06 22:05

Immer wieder: Solange nicht die Taten als Skandal gesehen, sondern die Veröffentlichung der Taten skandalisiert werden (Hilfe, Verunglimpfung!), solange werden die Taten komplizenhaft gedeckt. Daß wir in D “national befreite Zonen” haben, kann doch keiner ernsthaft leugnen. Und natürlich kann man die betreffenden Gemeinden beim Namen nennen. Und natürlich weiß man, was dagegen zu unternehmen wäre. Aber stattdessen begnügt sich die Symbolpolitik mit der wohlfeilen Möglichkeit, “sich” nach erfolgter Tat zu “entschuldigen” - für verbale “Entgleisungen” oder sich “tief betroffen” zu zeigen - wenn wieder ein Mensch aus rassistischen oder antisemitischen Motiven verletzt oder umgebracht wurde. Seit der Wende sind über 100 Menschen in Deutschland aus diesen Gründen umgekommen. Es ist bestimmt nicht zu erwarten, daß solche Taten ausgerechnet bei der Weltmeisterschaft nicht stattfinden werden. Ich empfehle den Politikern, in deren Stadt ein Stadion bespielt wird, schon mal vor dem Spiegel zu üben, welcher Gesichtsausdruck am wirkungsvollsten rüber kommt beim “ich entschuldige mich, ich bin tief betroffen …”

Posted by: Lisa Rosa am 19.05.06 11:28

Lisa Rosa schrieb: »Solange nicht die Taten als Skandal gesehen, sondern die Veröffentlichung der Taten skandalisiert werden (Hilfe, Verunglimpfung!), solange werden die Taten komplizenhaft gedeckt.« —— Nach meinem menschenfeindlichen Jokus oben, bin ich froh, daß mich dieser Lisa-Satz nun druffbringt, wie der eigentlich Skandalon zusammendampfbar: Was wiegt denn schwerer? Das Imädsche eines zufällig abgezirkelten Terretoriums oder das Leben (bzw. die organische Unversehrtheit) von Personen, hmm.

Posted by: molosovsky am 19.05.06 22:26

hey Andrea, das Lied kriegst Du nicht nur in Leipzig zu hören. Ich kenn´s als ein Lied von rechtsextremen HSV´ern, ich dachte selber, es wäre was Hamburg-Spezifisches, aber anscheinend gibt es das Lied ja auch anderswo. Letztendlich ist das Fußballfan-Milieu wohl sowieso als eher rechtslastig einzustufen, egal ob in ost oder west, in Deutschland oder im Ausland (von ein paar herrlichen Ausnahmen abgesehen…)

Posted by: Karol am 20.05.06 21:20

Aha, Karol, danke für den Hinweis! Das wußte ich nicht. Ich hab's in Frankfurt, wo ich mich ja am Hauptbahnhof ab und zu durch die Fanmassen bewegen muß, noch nicht gehört, überhaupt noch nichts rechtslastiges, eigentlich.
In Leipzig war ich zu Buchmessezeiten mit etwa 50 dosenbiertrinkenden Fans in einem Straßenbahnwaggon eingekeilt, und da kam ein Nazihit nach dem nächsten. Echte Nachhilfestunde in rechtem Liedgut. Muß ich aber nicht wiederholen.

Posted by: andrea am 21.05.06 13:46

Was mich dazu bringt, auf eine Kampagne der Naturfreundejugend Berlin hinzuweisen:
http://www.vorrundenaus.de

Posted by: Marcel am 22.05.06 12:18

In Hamburg veranstaltet der FC St.Pauli nächste Woche den “FIFI Wild Cup”, die “Waldmeisterschaft”, mit Nationalmanschaften aus Sansibar, Nordzypern, Tibet …http://www.fifi-wildcup.de/newsflash.php
Ans Millerntor trauen sich die Neonazis jedenfalls nicht hin!

Posted by: Lisa Rosa am 26.05.06 10:17

Ausgewogener und guter Kommentar Deinerseits mit - was mich als Fußballfan in diesen Tagen, in denen die alte Vorurteilswelle mal wieder über uns hereinbricht, besonders freut - dem direkten Hinweis, daß wir nicht alle turbodeutsch denken. Dem ist so, das sei der Welt versichert! Trotzdem ist der Hinweis auf “no go”-Zonen wohl leider berechtigt, auch wenn das nicht gerne gehört wird.

Frankfurt hat (wie viele andere Vereine auch) eine starke Gruppe, die die Politik aus dem Stadion herauszuhalten versucht, was offenbar ganz gut klappt - www.ultras-frankfurt.de bietet unter “History” dahingehend ein bißchen Aufklärung.

Zum Dank für Deinen Text werde ich mich nicht über Karols “insgesamt rechtslastiges” Fußballmilieu aufregen, auch wenn die Aussage imho Unsinn ist.

Und übrigens, was spricht gegen Dosenbier? ;-)

Posted by: Helge am 04.06.06 15:23
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