22.02.06
Schule alter Schule
Wir hatten Besuch in der Schule: Vernor Munoz Villalobos, ein freundlicher Herr aus Costa Rica wollte sich die mal anschauen. Aber nicht, weil sie seinem Heimatland als Vorbild dienen sollte, sondern weil ihn die Vereinten Nationen hergeschickt hatten, damit er nach dem Rechten sehe. Bei den Vereinten Nationen macht man sich nämlich Sorgen, dass das Menschenrecht auf Bildung in Deutschland nicht für alle gewährleistet wird. Also schickt sie ihren Sonderberichterstatter.
Und was sagt der nicht alles für böse Sachen: die frühe Aufspaltung der Schulformen führe zur sozialen Selektion, die insbesondere die Mitglieder der euphemistisch als 'bildungsfern' bezeichneten Schichten und besonders Migranten benachteilige. Auch dass die Länder die Bildungspolitik machen, findet er nicht sinnvoll, weil dadurch ein Wechsel der Schule innerhalb Deutschlands unnötig erschwert würde und unterschiedliche Qualitäts- und Ausbildungsstandards vorlägen. Hätten wir so etwas nicht schon aus der PISA-Studie gewusst, könnte man glatt schockiert sein über den desolaten Zustand des Schulsystems, das wir hier kaum als unser eigenes erkennen können. Wäre die Materie nicht so trocken und gäbe es nicht Senioren meuchelnde Altenpfleger, wäre die Seite 1 unserer liebsten Krawallzeitung schon reserviert (z.B. “UN kritisiert deutsche Schulen: Kommen jetzt Sanktionen?”).
Was soll man da sagen? Die Bundesbildungsministerin meint, das mehrgliedrige Schulsystem solle man beibehalten, vielleicht die Durchlässigkeit ein wenig vereinfachen. Und die frühkindliche Bildung ausbauen, aber an den Länderkompetenzen brauche man nichts ändern.
Eine etwas unbefriedigende Antwort. Zwar erspart man uns bislang das populistische Empörungsgeschrei, aber dieser Bericht wäre eine gute Gelegenheit, auch in der Schulpolitik mal ein paar Reformen in Gang zu setzen. Tatsächlich kennt außer Österreich kein anderes Land eine derart frühe Selektion der Schüler. Weiterhin hat Deutschland in der PISA-Studie im Bereich der Chancengleichheit katastrophal abgeschnitten. Die Schulabolventen sind älter als die der meisten anderen Länder, ohne dafür entsprechend mehr auf dem Kasten zu haben. Ich will hier keine Debatten über Humankapitel und Leistungsgesellschaft, aber wenn die Anderen das können, warum wir nicht auch, denn einen Vorteil irgendeiner Art kann ich in all diesen Tatbeständen nicht erkennen.
Leider ist Bildungs- und insbesondere die Schulpolitik ein Feld, auf dem Glaube mehr zählt als Fakt. Dreißig Jahre hat die Politik vordergründig mit der Debatte um Gesamtschulen vs. dem gegliederten Schulsystem verplempert; tatsächlich fand dort ein Grundsatzkampf um soziale Werte zwischen Ergebnisgleichheit und Elitenbildung statt. Und weiter geht die alte Argumentationsspirale: Annette Schavan sagte, das Bildungssystem “lasse sich nicht einfach umbauen”. Das klingt eher trotzig als konstruktiv. Überlassen wir diese Spielwiese ruhig weiter den Landesfürsten, die sich dort wahlweise für oder gegen Förderstufen, 12-Jahres-Abituren, Gesamtschulen und Fremdsprachunterricht ab der 1., 3. oder 5. Klasse entscheiden können, ohne sich um die Wirksamkeit all dieser Maßnahmen scheren zu müssen. Die Schule hält in Deutschland als Projektionsfläche für Weltanschauungen und symbolische Politik her. Das sollten wir ihr und den kommenden Generationen endlich ersparen. Der Besuch des freundlichen Herrn Munoz wäre dazu ein guter Anstoß.
Verfasst von lambach am 22.02.06 14:47Technorati Tags: Schulpolitik | Sonderberichterstatter | Munoz | Schavan
Obwohl die Kultusministerien sich bem
Weblog: lisarosa.twoday.net am: 23.02.06 10:06
Schöner Beitrag! Truthiness ist wohl die deutsche Variante von Schulentwicklung, die anderswo eher wissenschaftlich betrieben wird.
Aber wo kriege ich die Sätze Munoz Villalobos' als zitierfähige Aussagen her? Ich könnte sie sehr gut gebrauchen! Denn den offiziellen Bericht wird es erst in ein paar Wochen geben.
Nebenbei: Die Aufspaltung ist zwar genauso früh hier in .at, aber die Durchlässigkeit ist weit höher. Ein Hauptschüler in der 1. Leistungsgruppe kann jederzeit ohne weitere Prüfungen oder Einschränkungen auf's Gymnasium wechseln.
Und es gibt eine Unterrichtspflicht, keine Schulpflicht, d.h. mit sog. Externistenprüfungen läßt sich jeder pädagogische Versuch in Privatinitiative oder gar als Heimunterricht realisieren. (Wobei Heimunterricht natürlich durchaus kontrovers gesehen werden kann.)
(Als Elter kennt man das Schulsystem irgendwann genauer als einem lieb ist.)
Posted by: TH am 22.02.06 17:34“Die Bundesbildungsministerin meint, (..) an den Länderkompetenzen brauche man nichts ändern.”
Na fantastisch, da gibt's eine schallende Ohrfeige für die Bildungskleinstaaterei und man verharrt natürlich in Bewegungsunfähigkeit. Im Gegenteil, die negativen Folgen des Föderalismus in der Bildungspolitik werden sich weiter verschärfen. Der tatsächlich große Wurf der Föderalismusreform wird dadurch angreifbar, dass er auf einem “ausgewachsenen Kuhhandel” beruht, wie es der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates Zimmermann formulierte. Für die Abgabe von Zustimmungsrechten in der Gesetzgebung an den Bund erhalten die Länder deutlich mehr Zuständigkeiten in der Bildungs- und Kulturpolitik. “Das Geschäft scheint für den Bund günstig zu sein, deshalb wird das Bildungs- und Kultur-Opfer billigend in Kauf genommen”, so Zimmermann weiter. Zwar gibt es ersten Widerstand von einzelnen Politikern und von Eltern- und Lehrerverbänden. Insbesondere die Aufhebung der Mitwirkungsrechte des Bundes in der Bildungsförderung, was ebenfalls finanzielle Hilfen an die ärmeren Bundesländer ausschließt, wird kritisiert. Dennoch ist auch vor dem Hintergrund der neuesten Äußerungen von Bundesbildungsministerin Schavan nicht damit zu rechnen, dass die Ministerpräsidenten dazu zu bewegen sind, die zementierte Föderalismusreform noch einmal aufzuzurren um sinnvolle, zukunftsorientierte Reformen im Prestigebereich Bildungspolitik zuzulassen.
Es bleibt wohl ein frommer Wunsch des Kulturrates, “dass der Bundestag und die Landtage dieser gefährlichen Milchmädchenrechnung nicht folgen werden, denn ohne ausreichende Kompetenzen für die Bildungs- und Kulturpolitik koppelt sich der Bund selbst von diesen wichtigen Zukunftsbereichen ab.”
Ein freundlicher Herr aus Costa Rica, der nicht mal Deutsch spricht, analysiert innerhalb einer Woche das deutsche Bildungssystem und gibt uns schlaue Ratschläge, wie alles besser wird? Geht´s noch idiotischer?
Gebt mir eine Woche auf Spesen in Uzbekijstan und ich liefere euch ein prima Konzept, wie die da ihre Landwirtschaft optimieren können. Versprochen!
Wenn du dich mit Landwirtschaftsorganisation gut auskennst kannst du dich ja bei der UNO bewerben. zB. beim World Food Program. Oder bei ner NGO die sich um ländliche Entwicklung kümmert.
Viel Spaß!
Inzwischen hat der Herr Munoz seinen Bericht geschrieben. Die Kultusminister durften ihn schon einmal lesen und regen sich schrecklich darüber auf, dass darin nicht geschrieben wird, dass das deutsche Schulsystem wegen der Aufteilung der Kinder nach der vierten Klasse besonders leistungsfördernd und innovativ, ja geradezu finnisch ist. Statt dessen geben sie mir immer mehr Beispiele, warum praktisch gelebter Föderalismus eine unglaublich nervige Sache ist.
http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,469540,00.html