07.02.06

Kampf der Kulturen!?


Als ich letzte Woche über den Karikaturen-Streit als Globalisierungserscheinung schrieb, ahnte ich noch nicht, wie sehr dieses Thema noch hoch kochen, paralysieren und polarisieren würde. Zur herausragenden Plattform ambitionierter Stellungnahmen, harter Diskussionen und von Anfeindungen hat sich dabei weltweit die Blogosphäre entwickelt. Der konservative australische Democracy Frontline-Blog zeigte die zwölf Mohammed-Karikaturen schon am 1. Januar als Neujahrsgruß. Und das Antibürokratieteam beispielsweise hat noch vor der Mainstream Media vom Hackerangriff auf das deutsch-jüdische Internetportal HaGalil-Online berichtet.

Der Konflikt wird dabei einerseits als Ausdruck einer längerfristigen globalen Entwicklung verortet, die den Protest durch die Darstellungen des Propheten Mohammeds in der dänischen Jyllands-Posten ausgelöst und nicht begründet sieht, während andererseits die Auseinandersetzung zum Exempel eines kulturellen Frontalangriffs wird, der sich auf die Frage der Pressefreiheit reduziert.

Es wird vor einem Kampf der Kulturen gewarnt, doch der Weg dorthin scheint dieser Tage zur fast unabwendbaren Self-fulfilling Prophecy zu werden. Es wird polemisiert und mäßigende Stimmen unterliegen oft genug den plakativen Forderungen der Hardliner auf beiden Seiten.
Der Bembelkandidat schreibt dazu:
aus einem streit ueber karikaturen und pressefreiheit wurde eine projektionsflaeche fuer fundamentale vorurteile und aggressionen, freies eindreschen fuer alle, jeder auf jeden.
Am Ende wird nicht die Besonnenheit obsiegen, sondern die Eskalation, die im Westen die Stigmatisierung der Moslems als vermeintlich heißblütige Fundamentalisten und Träger einer islamischen Bedrohung voran treiben wird. Die unverantwortlich geschürte anti-westliche Stimmung in der moslemischen Welt hingegen hilft das Bild des rücksichtslosen Westens zu festigen. Dieser Trend eines sich ausgegrenzt Fühlens wird dabei sicher nicht marginalisiert durch die seit dem 11. September 2001 beständig wachsende Einflussgewinnung derjenigen, die bei uns den Terrorismus mit rechtsstaatlichen Mitteln bekämpfen wollen in Form von „Patriot Acts“, „Moslem-Tests“ und einer immer restriktiveren Ausländerpolitik. Die rechtsextreme Dänische Volkspartei beispielsweise, die die dänische Regierung parlamentarisch unterstützt, scheut sich nicht, den Islam eine Terrororganisation und Immigranten ein Krebsgeschwür zu nennen. Sie dürfte gerade großen Aufwind erleben.
Don Dahlmann kommentiert:
Meinem Gefühl nach, ist der Grund für die Reaktionen hüben wie drüben, neben den politisch motivierten Gründen, Angst. Hier die diffuse Angst vor wirtschaftlichen Kalamitäten, einer unbekannten Religion und Verhaltensweisen, die man nicht kennt und mit denen man nicht umgehen kann, dort die Angst um die eigene Identität und der Verlust der Souveränität durch eine überlegene Militärpräsenz in der Nähe.
Und Johnny Häusler sagt bei Spreeblick, er glaube mittlerweile gar nichts mehr, frage sich aber:
Welche Rolle spielen Blogs, die Fotos „just in from London“ präsentieren und auf deren Blogroll man hauptsächlich rechte Blogs mit derartig widerwärtiger Hetze finden kann, dass eine Verlinkung einem Strafbestand gleichkommen könnte? (…) Wie kommt es, dass die Regierung Dänemarks zwar in anderen Fällen für die Durchsetzung des dänischen Blasphemie-Paragraphen (…) sorgen konnte, in diesem Fall jedoch auf die im Oktober 2005 erfolgte Strafanzeige dänischer islamischer Organisationen gegen Jyllands-Posten keinen Handlungsbedarf erkennen konnte? Wieso ist es bisher niemandem gelungen, in dem seit längerer Zeit vorhandenem Konflikt Lösungen zu finden, bevor Gewalt ausbricht? Wie kann der Kulturminister eines Landes, das Vorkehrungen trifft um 80% der Zuwanderer von der Einbürgerung auszuschließen und das immer häufiger der Kritik der Ausländerfeindlichkeit ausgesetzt ist, Brian Mikkelsen, Sätze wie „Die erste Runde im Kulturkampf haben wir gewonnen“ von sich geben?
Moe von PlasticThinking irritiert, dass „für viele Menschen die Pressefreiheit als Legitimation zur Beleidigung religiöser Empfindungen verstanden wird“ und stellt diesen Beleidigungen das Ausbleiben weiterer „satirischer Hetze“ gegenüber:
Vielleicht machen “wir” morgen dann Karrikaturen über geldzählende Juden, oder vielleicht über aidskranke Schwule.
Auch der Spindoktor beschäftigt sich ausführlich mit den Karikaturen und schreibt:
Klar ist inzwischen, dass die ganze Aktion durchaus als bewusste Provokation der Chefredaktion angelegt war (…)
Und weiter:
Statt die erforderliche Deeskalation voranzutreibben, missbrauchen alle Seiten den Fall, um auf den jeweiligen “ideologischen Feind” einzuschlagen.
Mut macht Ulrich Speck, der im Kosmoblog klar stellt:
Von den 1.3 Millarden Muslimen der Welt beteiligt sich jedoch nur eine kaum messbare, verschwindend kleine Minderheit an den Unruhen. Der geringe Mobilisierungsgrad selbst in Ländern, in denen die Regierung die Stimmung anzuheizen sucht - wie im Iran -, lässt sich auch als eine klare Absage an einen Kampf der Kulturen verstehen.
Weniger differenziert drückt es Telegehirn aus, der die Diskussion auf den pathetischen Schild hebt: „DU BIST DIE MEINUNGSFREIHEIT! Für Karikaturen und gegen Intoleranz.“ Oswald Metzger bezeichnet er als Appeasementpolitiker, da dieser in seinem FocusOnline-Blog gefordert hatte:
Ich bekenne mich zur Freiheit der Meinung (…)! Doch ich plädiere auch für Respekt und Toleranz. Wer etwa einen Religionsführer mit einem zur Bombe geformten Turban abbildet, treibt ein gefährliches Spiel – zumal in Zeiten, in denen das Verhetzungspotential zwischen den Religionen oder den unterschiedlichen Kulturen dieser einen Welt in atemberaubender Weise zu wachsen scheint.
Metzgers Nachsatz freilich wurde ausgelassen:
Dänemarks fremdenfeindliche innenpolitische Grundstimmung lässt grüßen. Vorurteile kann man schüren, gegen Minderheiten kann man hetzen. Doch wer das tut, legt damit eine gefährliche Lunte und schaukelt wechselseitig das Fanatisierungspotential hoch.
Die Gegenstimme bringt derweil nicht gerade Ruhe in den Konflikt mit einer ganz eigenen Koranexegese und den selbsternannten „10 Geboten moslemischen Diskussionsverhaltens“:
1. Du hast den Koran gar nicht gelesen!

Tief in die Mottenkiste der anti-moslemischen Ressentiments greift PoliticallyIncorrect, wo gestern zum „Welttag gegen die weibliche genitale Verstümmelung“ ein Beitrag über diesen unmenschlichen, archaischen (und religionsunabhängigen) Eingriff betitelt wurde mit „Das grausige Erbe des Propheten Mohammed“.

Noch polemischer sieht es im gut kommentierten Blog Fakten und Fiktionen aus. Statt einer nüchternen Beurteilung verurteilenswerter Ausschreitungen, findet man Sätze wie diese:
Die Geschichte zeigt auch, wie leicht die Moslems anzulügen sind und wie leicht und gerne sie sich aufhetzen lassen. Die einfachste Logik fehlt. Warum wurde heute die österreichische Botschaft im Iran angegriffen und draußen vor der Tür die deutsche Flagge verbrannt? Nur Stumpfsinn. So werden die Mohammedaner auf ewig hinter dem Mond bleiben.

Besonders gern gesehen in den konservativen Blogs sind Dänemark-Unterstützungsbanner „Support Denmark! Defend the free world” – wahlweise in mehr als 40 Sprachen erhältlich.

Wahnsinnig witzig findet sich währenddessen anscheinend Marcel Bartels, der in seinem Parteibuch zu einem sublimen „Mohamed Karikatur Wettbewerb“ aufgerufen hat.

Wie schwierig zur Zeit eine ausdifferenzierte Positionierung ist, davon berichtet Davids Medienkritik:
The left-wing German journalist association (Deutscher Journalistenverband/djv) first criticized the publication in German papers, because “Muslim principles were hurt”, then - on the same day - supported it, citing the principle of free speech.

Im Blog vowe.net wird empfohlen „statt Vorurteile zu festigen, die in den Karikaturen überzeichnet wurden, sollten sich die Herrschaften mal einen Jesus-Film anschauen.“ Volker Weber übersieht offenbar, dass das „Leben des Brian“ von Christen für Christen produziert wurde und religiöse Empfindungen weder universal übertragbar, noch objektiv messbar sind.

Lautgeben schlägt zur Lösung vor, „alle Religionen dahin zu verbannen, wohin sie gehören - ins Private.“
Diese fundamental-säkulare Abtrennung des Religiösen vom Politischen, wie sie auch im Küchenkabinett schon diskutiert wurde, wird jedoch mit dem menschlichen Individuum schlicht weg nicht machbar sein.

Bleibt mir also nur, heute zum Tage des Abschieds von Johannes Rau, zur Überwindung kultureller Gräben an sein viel zitiertes Lebensmotto zu erinnern, das an Aktualität nichts eingebüßt hat: „Versöhnen statt spalten!“

Verfasst von Stefan am 07.02.06 18:35
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Trackbacks
Kampf der Fundamentalismen?
Karikaturen aus Dänemark - Tanz zwischen politischer Intoleranz und religiösem Fundamentalismus. Kampf der Kulturen? Angesichts der Eskalation im Streit wegen der Karikaturen wird auffallenderweise der "Kampf der Kulturen" in die Runde geworfen. ...
Weblog: Special am: 07.02.06 20:41
Karikatur-Consomée im Küchenkabinett
Stefan hat drüben beim Küchenkabinett eine sehr gute, kommentierte Zusammenfassung der Presse- und Blogstimmen zu den Ereignissen rund um die Karikaturen abgeliefert. Da bleibt einem nicht viel, als es weiter zu empfehlen. ...
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blog-ansichtssache(n) zum karikaturen-streit zusammengefasst im küchenkabinett. und ich denke weiterhin über den mißbrauch die verantwortung des journalismus nach. ...
Weblog: silberblog am: 08.02.06 12:03
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krampf der karikaturen
da nun der krampf in die naechste runde geht, von de-eskalation keine spur, moechte ich auf eine lesenswerte uebersicht im kuechenkabinett hinweisen: Kampf der Kulturen!?
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Kommentare

Einfache Testfrage: wer versucht hier wem mit welchem Mitteln ein bestimmtes Verhalten abzunötigen?
Die ehrliche Antwort auf diese Frage sollte weitere Fragen erübrigen.

Posted by: FAB. am 07.02.06 21:03

Wow, was 'ne Arbeit, das alles zusammenzufassen. Danke dafür!

Posted by: johnny am 07.02.06 22:49

Wow, was 'ne Arbeit, das alles zusammenzufassen. Danke dafür!

Posted by: johnny am 07.02.06 22:50

Entschuldigung, ich kenne mich mit Computern noch nicht so aus.

Jeeeez, bitte löschen. Danke.

Posted by: johnny am 07.02.06 22:51

Dem Dank schließ ich mich an: Danke Stefan :-)

Posted by: Marcel am 08.02.06 02:41

Danke für die Übersicht.

Posted by: Marc am 08.02.06 10:34

Ja, herzlichen Dank, für diese gute Zusammenfassung und vernünftigen Überlegungen.


http://opablog.twoday.net/stories/1508135/

Posted by: Kranich05 am 08.02.06 12:07

Auch von mir ein dickes Lob, hatte selber schon mal überlegt, dass mal jemand so was machen müßte, war mir dann aber doch zuviel.

Ich leg hier mal einen manuellen Trackback, weils bei mir mal wieder nicht automatisch geht:

Kultur-Kampf? Kultur-Krampf!

Noch vor wenigen Tagen hähmte die Welt unter Berufung auf den Neocon-Kreisel: „Wo bleiben die sonst so libertären Blogs?“ Nun den konservativen Redakteuren kann geholfen werden. Das Küchenkabinett bietet einen schönen Überblick der Blogosphäre zu zum Karikaturenstreit. Und vergisst dabei nicht den durchdachten Einträgen, die plump anti-moslemischen Parolen der schnellen Polemiktruppe gegenüber zu stellen….

Posted by: bazinho am 08.02.06 12:10

OK Hyperlink im Kommentar geht nicht, dann so:
http://bazblog.blogg.de/eintrag.php?id=79

Posted by: bazinho am 08.02.06 12:12

eine kleiner vergleich zwischen den karikaturen von ad-dustur, al-hayat al-jadeeda und jyllands posten…mehr sag ich nicht, so kann sich jeder seine meinung bilden!

—>http://ayaanhirsiali.web-log.nl/log/4869131

Posted by: theWho am 08.02.06 15:33

Hat Johannes Rau eigentlich jemals bereut, dass er einen kulturellen Graben aufgerissen hat, als er Joseph Beuys in Düsseldorf auf die Straße setzte?
Sein Motto kam dann wohl später.
Aber recht hat er damit dennoch.

Posted by: Sonnenvogel am 08.02.06 16:18

Die Reaktionen auf die Karikaturen zeigen erneut, dass jede Möglichkeit genutzt wird von innen- wie aussenpolitischen Defiziten abzulenken. Das (beispielweise) iranische Regime nutzt diese Gelegenheit offenbar um die Diskussion ihrer umstrittenen Atompolitik aus den aktuellen Pressestimmen zu nehmen. Eine verständliche Reaktion als Antwort auf die “Achse des Bösen”- Politik der USA. Pauschalisierung Orient/Okzident inklusive. Als religiös neutraler Mensch finde ich es schade, dass die Religion dafür herhalten muss. In den meisten muslimischen Ländern lassen sich so viele Menschen - mit Informationen kurzgehaltene - für andere Ziele einspannen. In der westlichen Welt lässt sich dieses Dank unserer freien Presse etc. nicht so einfach darstellen. Nichtsdestotrotz war die Veröffentlichung der Karikaturen eine bewusste Gratwanderung. Schau trau wem.

Posted by: Andre am 08.02.06 18:27

Die Reaktionen auf die Karikaturen zeigen erneut, dass jede Möglichkeit genutzt wird von innen- wie aussenpolitischen Defiziten abzulenken. Das (beispielweise) iranische Regime nutzt diese Gelegenheit offenbar um die Diskussion ihrer umstrittenen Atompolitik aus den aktuellen Pressestimmen zu nehmen. Eine verständliche Reaktion als Antwort auf die “Achse des Bösen”- Politik der USA. Pauschalisierung Orient/Okzident inklusive. Als religiös neutraler Mensch finde ich es schade, dass die Religion dafür herhalten muss. In den meisten muslimischen Ländern lassen sich so viele Menschen - mit Informationen kurzgehaltene - für andere Ziele einspannen. In der westlichen Welt lässt sich dieses Dank unserer freien Presse etc. nicht so einfach darstellen. Nichtsdestotrotz war die Veröffentlichung der Karikaturen eine bewusste Gratwanderung. Schau trau wem.

Posted by: Andre am 08.02.06 18:27

>…ahnte ich noch nicht, wie sehr dieses Thema noch hoch kochen, paralysieren und polarisieren würde<

Das ist eben Demokratie. Jeder hat ein Recht auf seine Meinung.
Viel Besorgnis erregender finde ich die zeitweilige Diskussionskultur. Auch hier im Küchenkabinet finden sich zuweil Autoren, die am Ende ihres Lateins in den unsachlichen, persönlichen Bereich abrutschen. Auf diese Weise wird aus einem Disput ein lächerliches Seifentheater.

Posted by: TC Stahl am 09.02.06 17:17

Mein persönliches Problem mit der ganzen Affäre ist ja folgendes: ganz egal, wofür oder wogegen man sich ausspricht, man steht am Ende auf der falschen Seite.
Pro Meinungsfreiheit? Dann werde ich gleich mit dieser Zeitung identifiziert, die, um der xenophoben politischen Stimmung in Dänemark willens, mit Karikaturen gezielt provoziert.
Pro Respekt? Dann habe ich gleich diese aufgepeitschten und instrumentalisierten vermummten Gestalten aus dem Nahen Osten an meiner Seite.

Versuchen wir es salomonisch (und scheitern daran): ich verteidige das Recht der Zeitung, diese Karikaturen zu drucken, aber das ändert nichts daran, dass das eine wirklich dämliche und provokante Geste war. In diesem Sinne: zu jeder Freiheit gehört auch ein Gefühl für Verantwortung.

Posted by: lambach am 09.02.06 21:03

@ lambach

Da bist du nicht der einzige mit dem Gefühl. Gerade eben schrieb ich einen Artikel zu dem Thema: http://www.tiuz.de/ftopic123.html

Posted by: tc stahl am 09.02.06 22:38
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