02.02.06
Globalisierungserscheinungen
Menschen in aller Welt bedienen sich im Diskurs westlich tradierter Begriffe. Die globale Gedankenwelt wurde vom Kolonialismus abendländisch eingenordet“. Selbst die Vordenker der Freiheitsbewegungen der unterdrückten Völker dachten in den Ideologien des sie beherrschenden Westens, sprachen in den Sprachen der Kolonialherren und importierten die europäische Erfindung des Nationalismus.
Die Zeiten des Empires und der Kolonien sind vorbei. Die Globalisierung blieb. In Angola und anderswo wurden im Kalten Krieg Stellvertreterkriege im westlichen Systemkampf ausgetragen. Globalisierung bedeutete auch Zuwanderung. 50 Jahre Arbeitsmigration in die Bundesrepublik. Als Humankapital willkommen, kulturell und menschlich oft ausgegrenzt und nicht akzeptiert. Dennoch Döner Kebab und Pizza sind mittlerweile so in Deutschland zu Hause wie Curry-Wurst und Pommes Frites. Auch freuen wir uns über Südfrüchte. Genormte Bananen in ganz Europa, für uns angebaut in Lateinamerika und Afrika, wo die Nachfrage und Marktzwänge“ die Biodiversität bedrohen.
Derweil auch Bollywood bei uns Einzug hält, in Indien währenddessen die Frauen den luftigen Sari gegen warme Jeans tauschen, hellhäutige Urlauberinnen die Einheimischen in traditionelleren, oft moslemischen Gesellschaften mit Freizügigkeit schocken oder knapp bekleidete Touris in asiatischen Tempeln herumklettern. Bushs War on Terror“ ist als Legitimationsgrundlage zur Verfolgung unliebsamer Gruppen auf einem weltweiten Siegeszug. Menschenrechte und Demokratie werden universal eingefordert. Großes Unverständnis herrscht bei uns, dass Völker dieser Welt die westliche Demokratie nicht für sich adaptieren und mit ihr nichts anfangen können. Unserem gefühlten zivilisatorischen Auftrag tut dies keinen Abbruch, der in den betroffenen Ländern oft – und nicht nur von Regimeanhängern – als Einmischung betrachtet wird.
Und nun das. Alarm. Die westlichen Werte in Gefahr. Bedroht durch lautstark geäußerte, morgenländische religiöse Empfindlichkeiten. Islamische Fanatiker gegen die Meinungsfreiheit“ oder Westliche Medien gegen Mohammed und den Islam“ – je nach Perspektive.
Ausgelöst wurde die Situation durch Karikaturen in der dänischen Jyllands-Posten“, die den Propheten Mohammed u.a. mit einer Bombe im Turban darstellten um herausfinden, ob die Meinungsfreiheit in Dänemark noch stärker sei als die Angst vor Militanten“. Die Zeichnungen des Propheten, der im Islam nicht dargestellt werden darf, riefen teils militanten Protest in der moslemischen Welt hervor, führten zu Boykottaufrufen von dänischen Waren und zur Schließung diplomatischer Vertretungen. Nachdem die Karikaturen in Norwegen und Frankreich nachgedruckt wurden, wird nun auch von deren Regierungen eine Entschuldigung gefordert. Die meisten deutschen Zeitungen weigerten sich, die Bilder zu dokumentieren. Bloß in der Welt“ und der Taz“ erschienen sie auf Seite 1.
Da enthüllt sich das Dilemma. Demokratieexport und säkulare Gesellschaftsvorstellungen geraten an ihre Grenzen und wir werden schmerzlich lernen müssen, dass die westliche globale Dominanz nicht mehr so unbestritten ist, wie es seit der Entdeckung Amerikas für sicher galt. Das Informationszeitalter“ mit einer vernetzten Welt, internationalem Austausch und transnationalen Konzernen, kurz Globalisierung genannt, rüttelt das Mächtegleichgewicht ordentlich durcheinander. Die unterentwickelten“ Länder China und Indien werden die europäischen Staaten zunehmend klein aussehen lassen. Und – eben auch das – außereuropäische Ideen werden immer lauter vertreten werden. Ob gewollt oder nicht, nur wer das erkennt, wird sich der sich verändernden weltpolitischen Lage stellen können. Wir müssen heraus aus einem Denken, das solche kulturellen Konflikte allein nach unseren Maßstäben beurteilt. Da helfen keine Polemiken, sondern die Beschäftigung miteinander. Auf allen Seiten.
Technorati Tags: Globalisierung | Jyllands-Posten | Mohammed | Karikatur | Islam
Bezüglich Deines letzten Abschnitts hast du durchaus recht. Tatsächlich verschieben sich die Mächteverhältnisse - nicht nur von Europa Richtung Ferner Osten bzw. Süd-Ost-Asien.
Doch hat diese Tatsache nichts mit dem Problem der Meinungsfreiheit zu tun. Jedenfalls dann nicht, wenn die strittige Meinungsäußerung in einem Staat erfolgte, der eben jene Meinungsfreiheit schützt und sich an eine Bevölkerung richtet, die jene Freiheit als ihr Recht ansieht. So, wie wir Moslems ihre Lebensweise zugestehen, so müssen diese es auch mit uns halten. Oder anders herum: Wie oft sieht man in Fernseh- und Pressebildern das Verbrennen von Nationalflaggen? Auch in dieser Form der Meinungsäußerung steckt ein Andere verletzendes Element.
Die Welt muß sich verstehen lernen. Doch basiert dies auf dem Grundgedanken der Toleranz. Hier geht es nicht darum, es jeder Kultur recht zu machen; in jeder Handlung die (subjektiv) abwegigsten Fremdbefindlichkeiten zu hofieren.
Die islamischen Staaten haben das Recht, auf eigenem Boden Karikaturen Mohammeds zu verbieten, wir haben ein ebensolches, das Gegenteil zu erlauben.
Stefan: “Wir müssen heraus aus einem Denken, das solche kulturellen Konflikte allein nach unseren Maßstäben beurteilt.”
Hmmm … Du meinst also, wir sollten zukünftig doch besser nachfragen, bevor wir Dinge einfach so veröffentlichen? Ob das auch so korrekt ist und nicht evt. eine Fatwa nach sich zieht? Wir sollten uns besser auf ein Rollback der Aufklärung einrichten und darauf verzichten “Menschenrechte und Demokratie universal” einzufordern?
Um eins ganz klar zu machen, weder begrüße ich das symbolische Verbrennen von Nationalflaggen, noch heiße ich die jetzige Situation gut oder will den anti-dänischen Protest irgendwie legitimieren. Lieber wäre es mir, die ganze Welt wäre säkular, demokratisch und die universellen Menschenrechte würden überall geachtet. Das ist mein durch die europäische Gedankenwelt geprägter Standpunkt. Das globale Mächtegleichgewicht ändert sich jedoch wie erwähnt rapide. Am deutschen, britischen oder französischen Wesen wird die Welt schon lange nicht mehr genesen und die Zeiten sind vorbei, in denen wir“ mit unseren zivilisatorischen Errungenschaften die Welt widerspruchslos beglücken konnten. Da ist es in der weltpolitischen Entwicklung eine Anforderung der Realpolitik sich aus seiner eurozentrischen Weltsicht lösen zu können und andere Mentalitäten anzuerkennen, was nicht heißt, dass ich deren Werte teilen muss. Ja, in der Tat blutet die dänische Milchwirtschaft gerade für dämliche Karikaturen, die von vielen Moslems als Ausdruck einer anti-moslemischen dänischen Politik und öffentlichen Kampagne aufgefasst wurden. Geht man der Frage nach, wie es zu dieser Einschätzung kommen konnte, weiß man, wie die jetzige Situation wohl hätte verhindert werden können.
Die Reaktionen in der moslemischen Welt gefallen mir nicht, sie zeigen mir aber, dass man sich aufeinander einlassen muss, will man nicht in Isolation zurückfallen – aus eben realpolitischem, auch wirtschaftlichem Interesse, wenn dies auch unangenehme Kompromisse bedeutet. Da geht es nicht einfach darum recht zu haben oder um Selbstzensur aus Angst vor einer Fatwa, wie man salopp und provokant formulieren könnte.
Sicher, für uns ist ein Kopftuch ein rotes Tuch, das bei uns für die Unterdrückung von Frauen steht, während wir andererseits knapp bekleidet in moslemischen Ländern herumturnen. Dass es Muslima gibt, die freiwillig ein Kopftuch tragen, will uns nicht einleuchten, wir fokussieren aus unserem Weltverständnis mehr auf dieses Symbol als auf die Bekämpfung möglicher Ursachen von gesellschaftlicher oder geschlechtlicher Unterdrückung.
Die Welt ist nicht so schwarz und weiß, wie wir sie gerne sehen würden. Nicht alles soll legitimiert, nicht alles widerspruchslos hingenommen werden. Jedoch werden wir Menschen uns in dieser Welt nur erfolgreich zurecht finden können, wenn wir versuchen unser kulturell anders sozialisiertes Gegenüber besser zu verstehen.
Auch auf diese Ausführungen deinerseits muß ich leider ziegespalten antworten.
Wenn es darum geht, die Traditionen und (sittlichen wie juristischen) Gesetze anderer Kulturen zu achten, bin ich ganz auf deiner Linie. Doch heißt dies, im eigenen Kultur-Geltungsbereich auf eben diese Regeln zu achten; sich ihnen anzupassen? Wohl kaum. Hier muß man zwischen Achtung und Unterwerfung unterscheiden. Wenn wir anfangen, unsere eigenen Traditionen und Denkweisen hinten an zu stellen, nur um als tolerant zu gelten oder gar lediglich wegen wirtschaftlichen Vorteilen, dann passen wir uns an. Das aber hat nichts mit Achtung zu tun. Denn diese kann man jemandem nur von einem andersartigen Standpunkt aus entgegen bringen.
Die “europäischen” Werte von Freiheit und Demokratie sollten über wirtschaftlichen oder diplomatischen Zielen stehen. Sie wurden zu hart erkämpft, als daß sie einem im historischen Maßstab zufälligen und kurzfristigen Widerpart zum Opfer fallen dürften.
Ich denke, man kann sich auf eine Formel einigen: Wir leben unser Leben, die anderen ihres. Im Übrigen verweise ich auf einen anderen Kommentar von mir:
http://kuechenkabinett.org/archives/2006/02/03/zum_thema_relig.html#comments
Danke TC Stahl - schöner hätte ich das auch nicht sagen können :-)
Posted by: jo@chim am 04.02.06 10:15“Wir leben unser Leben, die anderen ihres” und ganz genau das geht an der globalisierten Realität vorbei, ob man's will oder nicht, doch da wiederhole ich mich. Im Übrigen hätte die Karikaturenveröffentlichung in der Form wie bei Jyllands-Posten so in Deutschland nicht stattgefunden. Der Pressekodex des Deutschen Presserats (Ziffer 10) hätte dies verhindert. Auch er ist Teil “unserer eigenen Traditionen” und Regeln.
Übersehen sollte man in der jetzigen Situation jedoch auch nicht, dass viele arabische Regime die Proteste schüren um sie zu einer Art politischer Machtdemonstration der muslimischen Welt zu formen, die sich seit dem 11. September 2001 stark in die Defensive gedrängt fühlt. Es wäre also leichtfertig, die ungeheuerlichen Ausmaße des Protests einfach pauschal “den Moslems” anzulasten.
Ausdruck des veränderten Machtgefüges, mit dem man umzugehen hat, ist die Lage dennoch alle mal.
Dass Du, TC Stahl, in Deinem “Religionskommentar” schreibst, dass es schwer fallen würde, den Islam zu respektieren, macht aber wohl ohnehin jede weitere Argumentation gegen eurozentrische schwarz-weiß-Betrachtungen von vorneherein zu vergebener Liebesmüh.
Tiefer hängen! Global!
Es gibt einen Unterschied zwischen Respekt und Achtung. Diesen wollte ich mit meinem Kommentar herausarbeiten.
Jemanden zu achten, gebietet mir meine Vernunft und Menschenliebe. Achtung vor der Person, ihrer Leistung und Würde, steht hier gleichrangig neben einem komplexen Verstehen der “Anderen”; d.h., sie im Kontext ihrer Vergangenheit und Kultur zu beurteilen.
Respekt aber empfindet man gegenüber jemandem, der eine herausragende positive Rolle im Konzert Vieler spielt. Das aber kann man vom Islam, wie er sich dieser Tage präsentiert, nicht behaupten.
Mit Schwarz-Weiß-Betrachtung hat das nichts zu tun, ganz im Gegenteil. Ebenso verurteile ich keinesfalls eine Religion bis in alle Ewigkeit, erst recht nicht einzelne Personen.
Schade, daß Du, Stefan, auf diese Feinheiten offenbar nicht bereit bist, einzugehen. Zumal es mir keineswegs um eine globale Islamdiskussion geht, sondern nur um die aktuelle Krise mit all ihren vorausgeworfenen Schatten.
Posted by: TC Stahl am 04.02.06 20:05Und wie präsentiert sich “der Islam” derzeit deiner Meinung nach?
….genau das meinte Stefan glaube ich mit Schwar-Weiß-Betrachtung: Pauschale überzogene Aussagen über “den Islam”, “die muslimische Welt”, “wir” gegen “die” etc.
Die Muslime, die ich kenne, sind nicht sonderlich terroristisch, fundamentalistisch oder auch nur gewalttätig veranlagt und fordern auch keine rollenden Journalistenköpfe…
Sind sie deswegen weniger Muslime?
Zitat TC Stahl: “Wenn es darum geht, die Traditionen und (sittlichen wie juristischen) Gesetze anderer Kulturen zu achten, bin ich ganz auf deiner Linie. Doch heißt dies, im eigenen Kultur-Geltungsbereich auf eben diese Regeln zu achten ?”
Du denkst also international funktioniert der Gedanke :”Mein Haus, mein Geltungsbereich “. Genau das geht nicht! Meiner Meinung nach gehen Kulturelle Geltungsbereiche, weit über Länder /Kontinentale Grenzen hinaus, nähmlich soweit wie die Informationswege reichen. Natürlich sind einzelne Länder verschieden geprägt, doch die Geltungsbereiche gehen kontinuierlich ineinander über. So reicht der muslimische Geltungsbereich bis hier, Deutschland, ist aber klar hier kleiner als unsrere Kultur zu Gewichten. Ich sage ausdrücklich 'Gewichten', statt 'strickt unterzuordnen' !!! Denn wenn man ins Ausland geht (nach Afrika, Orient, Asien..), so findet man immer das unsrere Werte anerkannt sind. Diesen fakt müssen wir hier und im Ausland Rechnung tragen.
”..auf eben diese Regeln zu achten; sich ihnen anzupassen?”
Nach meiner Defintion der Geltungsbereiche?
JA! Wir müssen uns anpassen! Sie müssen sich anpassen (Was sie schon adequat taten!) ! ALLE müssen sich anpassen. So ist Globalisierung eben
”..Zumal es mir keineswegs um eine globale Islamdiskussion geht, sondern nur um die aktuelle Krise mit all ihren vorausgeworfenen Schatten.”
Neben den räumlichen Scheuklappen, mußt du auch die zeitlichen Scheuklappen abnehmen. Die jetzige Krise ist keineswegs isoliert zu betrachten, sondern im Kontext der geschichtlichen Hintergründe!