16.01.06
palast vs. schloß
Es war im Mai 1990, ich war zarte sechzehn Jahre alt und die Familienwiedervereinigung mit der Ostverwandtschaft war gerade frisch vollzogen, da packten wir uns in die S-Bahn und fuhren in die nahe Hauptstadt der DDR. Mein erstes Mal in Berlin fand ich noch hochinteressant, alles war so hübsch provisorisch, die eine Hälfte der Stadt war Hauptstadt eines sich auflösenden Staates, die andere Hälfte war eine Insel mitten im Zerfall. Überall wurde irgendetwas ab- oder aufgebaut, nur ein Gebäude hat es 16 Jahre ausgehalten, stand einfach rum ließ den ganzen Auf- und Abbruchswahn um sich herum toben, ohne davon Notiz zu nehmen. Meine Ostverwandtschaft nannte das Gebäude “Erichs Lampenladen”.
Man konnte damals noch hineingehen, einfach so, denn geregelt war in diesen Monaten nach der Wende kaum etwas. Wir stiefelten über den dicken, weichen, dunkelbraunen Teppichboden, bewunderten die bizarren Lampengeweihe und den riesigen stählernen Kranz mit Hammer und Sichel darin, der an der Fensterfront aufgehängt war. Hinter dem Kranz und hinter der Fensterfront war ein Parkplatz, vollgeparkt mit lauter bunten Trabis, das habe ich dann auch fotografiert.
Es war zwar kaum etwas geregelt, aber so geschäftstüchtig war man dann doch, daß man im Lampenladen einen separaten Eingang zum Besuchercafé ausgebaut hatte, um die Wendetouristen abzufüttern, die damals in Scharen vorbeikamen. Man hatte ordentlich investiert und Granittische und eine neue Theke angeschafft, auch die Lampen waren offensichtlich nicht mehr von Erich, man machte jetzt in Halogen. Stück Kuchen: Eine Mark vierzig.
Ich hatte Hunger und deutete auf ein fremdsprachiges Gericht auf der Speisekarte: “Was ist denn Soljanka?”
“Na, Soljanka halt”, sagte die Bedienung mit der ihr eigenen Berliner Hilfsbereitschaft, und meine Mutter klärte mich dann auf, daß es sich um eine Suppe handelte. Kostete sagenhafte drei Mark. Hier aß ich also meine erste Soljanka, was soll ich sagen, ich war begeistert.
Ich weiß nicht, ob es nur an der Soljanka lag, aber der Palast der Republik rangierte bei mir unter den positiveren Erinnerungen an Berlin. Zumindest an das damalige Berlin. Später kam ich wieder, kämpfte mich endlose zugige Straßen entlang, in denen sich einsame frierende Gestalten verloren, Straßen eben, die einfach sinnlos breit sind, wenn man gerade keine Militärparade plant. Und am Ende der zugigen Straße, hinter einem traurigen Loch von einem Platz, der sogar zu schlimm zugerichtet war, um Trabis darauf parken zu lassen, stand der ehemalige Palast. Den Kranz hatte man ihm abmontiert, als ob zu befürchten stünde, daß sich jemand von den Idealen, die er repräsentiert, beeinflussen ließe. Die Lampen sind auch weg, verkauft. Die Fenster ewig nicht geputzt, aber das hat hier nichts zu sagen. Das Café hat schon lange zu, Soljanka gibt's keine mehr, in der ganzen Gegend nicht, nur Wurstbuden, nächste Soljanka: 5km.
Weil Berlin schöner werden soll (was ich ja grundsätzlich unterstütze, aber für ein hoffnungsloses Unterfangen halte), weil der Palast mit Asbest verseucht ist, weil da früher mal ein Schloß stand und weil alles DDR-mäßige sowieso bäh ist, soll der Palast nun weg. Wirklich. Endgültig. Diesmal ohne wenn und aber. Jetzt echt. Und dafür soll da jetzt ein Stadtschloß hin, jenes Schloß, das Walter Ulbricht in seiner Eigenschaft als SED-Chef sprengen ließ. Rainer Haubrich in der Welt:
Wie das mit der noblen Pracht und Kraft ausgeht, kann man zur Zeit in Frankfurt besichtigen. Hier hat man mangels Schloß die ehemalige Bibliothek aufbauen lassen, Geldgeber war die Hertie-Stiftung, und Hauptnutzer ist das Literaturhaus. So sehr man sich darüber freuen mag, daß die Chancen, einen Platz im nun vergrößerten Restaurant zu ergattern, gestiegen sind: Überdimensionierte marmorne Treppen, quietschrote Wände, schlechte Erreichbarkeit mit den Öffentlichen und miserable Akustik sind das vorläufige Ergebnis. Meinetwegen mag man das noble Pracht und Kraft nennen, Betonklassizismus paßt aber auch.
In Berlin ist das natürlich anders. Denn hier im Herzen Berlins geht es um mehr als ein weiteres Kulturzentrum: Hier entsteht der Schlußstein der deutschen Einheit, heißt es weiter in der Welt, weil alles, was in Berlin furzt, mindestens ein gesamtdeutscher Furz der Einheit sein muß. Und für den sind Betonbarockfassaden gerade gut genug.
Was kommt rein in den Klotz? Unter anderem eine anspruchsvolle privatwirtschaftliche Teilnutzung - sprich: Mieter, die Geld bringen - und ansonsten irgendwas kulturell wertvolles, das sich schonmal “Humboldt-Forum” nennt, weil Humboldt in Berlin mindestens so gut zieht wie Goethe in Frankfurt. Unmöglich, irgendetwas einzuwenden gegen ein “Humboldt-Forum”. Zusammen mit der Museumsinsel soll eine Kunst- und Bildungslandschaft entstehen, die natürlich einzigartig und offen ist und überhaupt Forschung, und Wissenschaft, und Kultur, drei Wünsche auf einmal, Investition in die Zukunft, weist tief in die deutsche Geschichte zurück und weit voraus ins 21. Jahrhundert, besser als so blöde moderne Architektur, gehört revidiert, sowas, und Gechichte auch noch, deutsche, und Einheit, und Identität und überhaupt.
Geht's noch? Wieviele kulturelle Bullshit-Buzzwords bekommt man in einen Artikel, ohne daß einem der Sinn um die Ohren fliegt? Bedeutet die Betonbarocke wirklich das Aus für die moderne Architektur? Ist der Lampenladen moderne Architektur oder DDR? Ist das Schloß alte Architektur oder Preußentum?
Und wäre es nicht schön, wenn man erstmal die wirklich alten Schlösser wieder herrichtet, bevor man seine hauptstädtischen Zukunftsoffensivphantasien mit überteuerten potemkinschen Schloßfassaden untermauert? Wenn ihr mich fragt, baut einen Park. Billiger und schöner geht's nicht. Das wäre übrigens auch mein Vorschlag für das Stelendings gewesen: Begrünen. Alles begrünen. Garten anlegen. Teich bauen, Enten rein. Und ein Café, mit Soljanka und Kuchen für einsvierzig. Kann man ja meinetwegen auch Humboldt-Park nennen.
Verfasst von andrea am 16.01.06 13:54Ich kenn den Original-Lampenladen ja auch nur aus dem Fernsehn, aber das war für mich halt DDR-Berlin, so wie Big Ben für mich London war. Und so runtergekommen er heute ist, gehört er m.E. da 1000mal mehr hin als ein überteuerter Stadtschloßneubau. Will aber keiner mehr?
Na gut, dann stimme ich auch für den Park. (handheb)
@andrea: Toller Artikel! Schön, dass du jetzt auch fürs KK schreibst.
Posted by: Marcel am 16.01.06 22:57von mir aus sollen die den lampenladen stehenlassen. hätte man eigentlich gleich nach der wende unter denkmalschutz stellen sollen. und asbestsanierungen haben ja eigentlich sämtliche hessischen gesamtschulen hinter sich, soo aufwendig kann das nicht sein.
dann müßte man aber auch zugeben, daß solche unliebsamen gebäude genauso einen schutz verdienen - ihrer bedeutung wegen - wie die hübschen, ideologisch unverfänglichen schlößchen. und der denkmalschutz wird plötzlich zu einem gebiet, in dem man richtig eklige debatten führen kann, sieh mal einer an.
anyway, wenn mein persönliches symbol der einheit, ort der verzehrung meiner ersten echten ost-soljanka, schon nicht stehen bleiben darf, weil irgendjemand anderes symbol der einheit für ein paar milliarden unbedingt dahin muß, dann darf man sich nicht beschweren, wenn ich künftig jegliche identifizierung mit diesem klotz verweigere.
mit einer träne im knopfloch,
bye bye lampenladen.
Lampendaden: hässlicher fetter Bruder des 2001-Monolithen.
Historisches Stadtschloß: Finden Necromonger (siehe »Riddick«) reizend.
Ein Park wäre die einzige wirklich feine menschenfreundliche Lösung gewesen. Die einzige wirklich gesinningsehrliche Lösung wäre ein Parkhaus.
Posted by: molosovsky am 17.01.06 12:12Für das Schloss gibt's ja die bewährte Weiterstadt Methode.
Posted by: Felix Deutsch am 24.01.06 00:07Schoener Artikel… Danke dafuer…
Ich persoenlich finde es immer wieder erschreckend, dass es hier in Bln. von offizieller Seite immer heisst, man wuerde die Geschichte der Stadt mit dem Wiederaufbau des Schlosses wieder “gerade biegen” wollen. Ausser Acht gelassen wird dabei, dass auch die DDR- Zeit Spuren in der Berliner Geschichte hinterlassen hat. Auch diese sollten als Historie angesehen und nicht nach und nach unter den “Teppich gekehrt” werden. Also: Sanierung des Palastes als Erinnerung an die “geteilten” Geschichte Berlins!
der palast wird ohne not durch ein schloß ersetzt… vielleicht, denn schließlich muß auch solch ein schloß erstmal finanziert werden. ansonsten wird dann eben die brache begrünt und alle berliner hunde freuen sich über das exklusivste klo der stadt!
Posted by: anke am 31.01.06 11:26da muß ich mich anschließen…dieses komische Schloß will ich nicht, und werde mich damit auch nicht und nie identifizieren, jedenfalls soviel, obwohl ich in der vergangenheit oft in berlin war, werde ich Berlin keinen Besuch mehr abstatten, wenn der Palast weg kommen sollte!!
Ich bin zwar aus dem Westen, und habe den Palast nie von innen gesehen, wohl schon etliche Male von Außen und habe auch schon ein intensives Gespräch mit dem damaligen Hausmeister geführt, der nach der Wende die Technik gewartet hat, von innen jedoch kenne ich ihn nur aus dem Fernsehen. Icvh finde es schade wenn nicht sogar schon zum kotzen, wie mit Ostdeutscher Geschichte umgegangen wird. Die DDR hat es nun mal fast 41 Jahre lang gegeben, eigentlich sogar etwas länger wenn man die Zeit der SBZ mitrechnet. Und die Geschichte hat nunmal den Palast hervorgebracht, der meiner meinung erhaltenswert ist, zwar hat man ihn verrotten lassen, doch für viel weniger Geld als Abriß und Bau des Schloßes kann man ihn wieder herrichten und für kulturelle Zwecke nutzen. Alleine schon die Technik vom Großen Saal ist erhaltenswert!!
Sind wir eigentlich von unserer regierung entmündigt worden? Obwohl mehr als 60% der Bevölkerung den Palast erhalten will, soll er weg? Sorry, aber da kann was nicht stimmen…Sorry, Herr Kohl, Herr Schröder und Frau Merkel, aber läuft da nicht etwas falsch? Vergessen wird auch das in diesem symbolträchtigen Gebäude die deutsche Einheit beschlossen wurde!!!
Der Palast ist Made in GDR….okay….der Fernsehturm aber auch…soll der jetzt auch weg? Ich wäre unter diesen Umständen dafür…wenn dann alles oder nichts….und ich wünsche Berlin und der Regierung nichts schlechtes…aber ich hoffe, das beim Abriß des Palastes nicht nur der Dom einstürzt!!!!
In diesem Sinne….wie war das damals im Osten…mit sozialistischen Grüßen….na das paßt doch irgendwie….den unsere Regierung stelle ich mit der DDR-Regierung auf eine Stufe…die hat damals auch Geschichte entsorgt, als das Stadtschloß gesprengt wurde…nichts anderes macht die BRD jetzt auch…traurig Genossen!!!
In diesem Sinne…mit sozialistischen Grüßen…ein Palast-Befürworter!!!
Posted by: Tim am 03.02.06 16:52