09.01.06

Zahl der Demokratien

Mal 'ne gute Nachricht. Folgt man der wenig anspruchsvollen Klassifikation des Freedom House Instituts, so darf man freudig vermelden, dass die Welt gegen Ende des letzten Jahres ihren Höchststand an Demokratien sowohl in absoluten (122) wie in relativen Zahlen (64%) erblickt hat (FHI).

Zu der Gruppe der Länder, die regelmässig halbwegs freie und nicht ganz unfaire, wettbewerbliche Wahlen abhalten und in denen ab und an ein Journalist aufbegehrt, ohne verhaftet zu werden, dürfen wir jetzt auch Burundi, die Republik Zentralafrika und Liberien zählen. Auch ist die Klassifikation vielleicht ein bisschen kleinkariert. Russland und Afghanistan fallen hier doch glatt unter die Autokratien, was deutsche Expertengruppen jüngst bestritten haben (BTI). Zurecht. Auch ich schließe mich jüngst lieber dem politikwissenschaflichen Bad-Boys-Club aus Yale und Umgebung an. Wettbewerb bei Wahlen langt völlig. Alles weitere macht die Sache nur unnötig kompliziert.

Verfasst von Michael am 09.01.06 19:23
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Kommentare

Sicherlich: Vom Standpunkt einer rein deskriptiven Messung nach dem Motto “Wat is en demokratischet Land?” kann ich Dir ja durchaus zustimmen. Leider findet man sich unwahrscheinlich schnell in einem Wust von Problemen, wenn man dann diese Klassifikation benutzen möchte um Demokratie als unabhängige Variable zu operationalisieren. Das Ganze ist dann leider sehr eingeengt und erfasst bei weitem nicht alles was in (ich mag das Wort ja selber nicht) entwickelten Demokratien Teil dieses Konzepts ist. Zum Beispiel wenn man versuchen sollte zu klären ob Demokratien ein höheres oder niedrigeres Risiko für innerstaatliche Kriege aufweisen oder nicht, wird man unweigerlich mit der sehr unangenehmen Wahrheit konfrontiert, dass einige nen niedrigeres, einige nen höheres Risiko haben. Woran das liegt? Nicht alles erfasst, würde ich meinen. Zum Thema Wahlen und Gewalt empfehle ich das Buch “Votes and Violence” von Jack Snyder (einer der Arbeitstitel war “It's a democracy! Run!”) in dem er darlegt, wie eine nicht ausreichende Pressefreiheit zu einem Anstieg der Gewalt im Umfeld von Wahlen führen kann (so ganz grob). Natürlich kann man das Konzept “Demokratie” als definitorisches Minimum einfach mit dem Konzept “Wahl” gleichsetzen. Aber warum dann ein extra Wort? Und führt das dann nicht auch automatisch zu den ungeliebten Demokratien mit Adjektiven?

Posted by: Philip am 10.01.06 12:14

Oder aber: Die Behauptung, dass Demokratie mehr als wettbewerbliche Wahlen ist, fusst nur auch dem Wunsch, dass Demokratie etwas tolles sein sollte. Political Heaven on Earth.

Es gibt keine Demokratien mit Adjektiven. Es gibt nur Demokratien. Ob es Zusammenhänge mit Freiheit, Gleichheit und dem ganzen Schnickschnack gibt, sollte eine empirisch zu klärende und keine definitorische Frage sein.

Posted by: michael am 10.01.06 13:07

Die wichtigere Frage, die sich mir hier stellt ist: Was kann man als Demokratie überhaupt bezeichnen? Es gibt viele Strömungen in der politischen Theorie - und liberalistischer Wettbewerb ist nur eine davon. Wenn man nun davon ausgeht, daß die theoretischen Konstrukte und Vorstellung von der Realität in den “westlichen” Demokratien längst verwässert sind, stellt sich eine weitere Folgefrage: Dürfen Gesellschaften, die von sich nur begrenzt behaupten können, eine Demokratie zu sein, über andere Staaten bezüglich dieses Sachverhaltes urteilen?
Hier dazu mehr: http://www.tiuz.de/ftopic78.html

Posted by: TC Stahl am 10.01.06 13:48

Ich bin zwar kein großer Freund von Anglizismen, doch Liberia heißt auch auf deutsch “Liberia”. ;-)

Posted by: Terzinger am 10.01.06 15:20
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