08.01.06
Die schöne Kunst und die hohe Kunst des Regierens
Nun kann man sich über den intellektuell-philosophischen Gehalt der Merkelschen Neujahrsansprache wahrlich streiten, die Würdigung der schönen Künste im Gewand des feudalen Monuments findet indes auch im Kabinett Merkel ihre Fortsetzung.
Vorgänger Schröder lud im Sommer 2003 sein Kabinett zur Klausur ins herrschaftliche Schloss Neuhardenberg, wo im Garten des märkischen Landsitzes des preußischen Reformkanzlers Hardenberg medienwirksam der Geist des Ortes und die eigenen Reformen gepriesen wurden.

Legendär war bereits die Kabinettssitzung der ersten Großen Koalition unter dem Schöngeist Kiesinger, die 1967 ebenfalls unter Platanen im Park des spätklassizistischen Palais Schaumburg tagte, dem damaligen Amtssitz des Bundeskanzlers. Das idyllische Bild des produktiven politischen Dialogs.
Eine atmosphärische Verbesserung des Koalitionsklimas könnte nun auch die morgen beginnende zweitägige Kabinettsklausur hinter der neogotischen Fassade des Schlosses Genshagen bringen. Der Zwist um Kombi-Löhne dürfte dort, südlich von Berlin, ebenso Thema sein wie die Uneinigkeit in der Atomfrage und die Beratung des milliardenschweren Investitionsprogramms, dessen Verkündigung zum Jahresbeginn im architektonisch-harmonischen Ambiente des Schlosses sich als eine lohnenswerte Inszenierung anbietet.
Hatten nicht die Spitzen dieser Koalition ihren Koalitionsvertrag mit Wasser statt mit Schampus begossen? Nun jedenfalls besinnt man sich wieder der vornehmen Attribute hochherrschaftlichen Lebens.
Von der Öffentlichkeit fast unbemerkt wird derweil Schloss Meseberg aufwändig restauriert und zum Gästehaus der Bundesregierung umgebaut. Mehr als 50 km von der Berliner Stadtmitte entfernt, wird die Auslastung dieses nördlich der Hauptstadt gelegenen Barockschlosses bei vorhandenen Hotelunterkunftsmöglichkeiten in Regierungsnähe jedoch vermutlich gering bleiben. Es soll allerdings auch für Kabinettsklausuren und internationale Konferenzen genutzt werden.
Aus der Wahl solcher kultur- und kunstreicher Orte auf eine umsichtige Kulturpolitik der Regierung zu schließen, würde jedoch die kunsthistorische Symbolik dieser Orte im Zusammenhang mit Politik naiv überhöhen. Nicht die Symbiose von Macht und Kultur steht für gewöhnlich heute im Mittelpunkt der Zusammentreffen von großer Politik und hoher architektonischer Kunst, sondern vielmehr die repräsentative Funktion des baulichen Objekts. Dass im nächsten Jahr Deutschlands ältestes Seebad Heiligendamm zur Kulisse des G8-Gipfels wird, lässt sich (neben seiner strategisch abseitigen und demonstrationsunfreundlichen Lage) also wohl weniger als Huldigung an die weiße Stadt am Meer als klassizistischem Gesamtkunstwerk verstehen, als mit ihrer Tradition als exklusivem Resort der aristokratischen Machtelite, von europäischem Hochadel, von Kaiser- und Zarenfamilie begründen.
Aber zum Koalitionsabschluss Wasser saufen!

“Aber zum Koalitionsabschluss Wasser saufen!”
- Es lässt dich nicht los Stefan, oder? ;)
Posted by: Marcel am 08.01.06 14:40Welche Anziehungskraft der mondäne Glanz eleganter Exklusivität noch heute auf die Mächtigen auszuüben scheint, zeigen neuerliche Spekulationen, denen zufolge der russische Staatspräsident Putin nun ebenfalls eine prachtvolle Villa in bester Lage im Kaiserbad Heiligendamm erwerben wolle. In dem Anwesen, der Villa Perle, logierte im 19. Jahrhundert bereits - nomen est omen - der russische Großfürst Wladimir.
Posted by: Stefan am 08.01.06 14:58