15.12.05

Aufmerksam Unterwegs

Sie ist schon ein paar Tage älter, aber diese Idee des Innenministers, mit einer Plakatkampagne die Aufmerksamkeit der Bevölkerung gegenüber potentiellen Terroristen zu erhöhen, darf ja nicht völlig unkommentiert versumpfen.

Da werden sich unsere muslimischen Mitbürger morgenländischer Herkunft aber künftig freuen, wenn sie allerorten beäugt werden, weil sie einen weiten Pulli oder eine grosse Tasche mit sich führen. Natürlich ist Sensibilität gegenüber Sicherheitsfragen immer wichtig. Da kann man sich auch intensiv im neuen Sicherheitsportal der Bundesregierung drüber kundtun.

Aber gleich mit einer Paranoia-Kampagne nach dem Motto “Jeder könnte ein Terrorist sein” aufzuwarten. Ich weiss nicht. Natürlich haben “Aufmerksam unterwegs” und “Wolf im Schaftspelz?”-Plakate ein hohes ästhetisches Potential. Aber wie genau soll das denn laufen? Springe ich ab morgen von meinem Sitzplatz auf sobald jemand mit grosser Tasche und weitem Pulli die Bahn betritt und fordere ihn höflich auf, die Arme zu heben, damit ich ihn mal abtasten kann? Wie links illustriert freue ich mich schon auf die Klagewelle in diesem Zusammenhang belästigter Frauen.

Ich kann mir auch gut vorstellen, dass man in ein paar Jahren in einer Kneipe sitzt und einem das Pärchen gegenüber verklickert, sie hätten sich kennengelernt, als sie sich gegenseitig auf Sprengsätze überprüften. Wenn man so eine Kampagne herzhaft umsetzt, trägt sie am Ende noch zu gesteigerten Sozialkapital bei. Um Akte der weitläufiger Diskriminierung zu vermeiden, muss die gesteigerte Aufmerksamkeit bestenfalls eh' auf alle Mitmenschen gerichtet werden und nicht nur auf diese speziellen Gruppen. Wir schaffen das Ritual des Händeschütteln einfach ab und ersetzen es künftig durch eine rituelle Durchsuchungsmaßnahme. Da kommt man sich gleich näher. Das wäre doch super. Quasi eine intensive Form der Umarmung.

Irgendwie erinnert mich das alles dann noch randständig an eine Heidelberger Polizeikampagne, die es vor ein paar Jahren gab und die ich immer gerne als Anekdote zum Besten gebe. Da wurde man doch tatsächlich per Handzettel dazu aufgefordert, seine Nachbarn besser im Auge zu behalten. Auch der Grund dafür war schlichtweg genial. Es begab sich, dass im heimelichen Rohrbach vermehrt Spanner unterwegs waren, denen das Handwerk gelegt werden sollte. Und wer - so die Logik des Ganzen - wäre besser geeignet als der wachsame Bürger, der aus rechtschaffenden Motiven die Fenster seiner Nachbarn ganz genau im Auge behält, um einen Spanner auf frischer Tat zu ertappen.

Verfasst von Michael am 15.12.05 00:30
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Kommentare

…ein Schelm, der Böses dabei denkt, aber wieso kommt bei mir nur das mulmige Gefühl auf, dass datraditionell CDU-lerisch mit den Ängsten der Bevölkerung gespielt wird. Schäuble reitet die Welle des Terror-Gequassels und sahnt vielleicht noch ein paar Stimmen ab, die nächste Springer-unterstützte Hetzkampagne kommt bestimmt…

Posted by: Karol am 15.12.05 20:41

hihi, das mit dem rituellen Abtasten statt Händeschütteln find ich gut. Hat was Archaisches…

…und hinterher sagt man dann: “Und jetzt hätte ich gerne meine Brieftasche wieder.”

Posted by: Marcel am 16.12.05 22:35
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