05.12.05
Neokohlismus
Kohls Mädchen hat seine Lektion gelernt. Sie hat das altkanzlerische Aussitzen für sich adaptiert. Gegner ins Leere laufen zu lassen ist Teil der Methode Merkel.
Meisterlich zeigte sie dies bei der heute anberaumten und lange verschobenen CDU-Wahlanalyse. Aus Rücksicht auf erfolgreiche Koalitionsverhandlungen und eine reibungslose Regierungsbildung, wie es hieß, hatte Merkel ihrer Partei eine zweieinhalbmonatige Vertagung des Themas verordnet. Und nun sitzt sie mit einem schlechten Bundestagswahlergebnis aber stark wie noch nie im Kanzleramt und Kritiker, wie Friedrich Merz, sitzen in der vorletzten Reihe. Persönliche Angriffe auf Merkel, die einen guten Start als Kanzlerin hinter sich gebracht hat, sind tabu in der Betrachtung des Wahlkampfes, der mittlerweile fast gänzlich hinter die aktuelle großkoalitionäre Tagespolitik gerückt zu sein scheint. Selbst Roland Koch sucht sein Heil momentan in der Nähe der neuen Kanzlerin und nicht in der Konfrontation mit ihr.
Äinschie, die oft Unterschätzte, trieb mit ihrer Methode auch ihren Dauerrivalen Stoiber in den politischen Wahnsinn und aufs politische Abstellgleis. In den Chaoswochen des Oktobers als dieser beharrlich nach erweiterten Kompetenzen für sein Ministerium schrie, ließ sie ihn gewähren und ignorierte seine Ambitionen ganz einfach. Dieser verschoss weiter sein Pulver und sah sich irgendwann ekelig nackt in der Öffentlichkeit stehen.
Nicht ein Leben lang in der Partei sozialisiert, wie Helmut Kohl, der mit einem dichten Geflecht von Seilschaften zu regieren wusste, hat sie ein feines Gespür für politische Erschütterungen entwickelt, das zu nutzen sie in der CDU-Spendenaffäre zeigte.
Im Fehlen der kohlistischen Männerfreundschaften unterscheidet sie sich von ihrem Pfälzer Vorgänger, der ihr doch mehr Mentor ist als dies viele bis heute glauben.