29.11.05

Ein neuer Tag, ein wenig Schwärzer

Nachdem Stefan gestern bereits über die feindliche Lebenswelt für Homosexuelle in Polen berichtet hat, mag der bereits länger erwartete symbolische Akt des Vatikans am heutigen Tag allen Gegnern homosexueller Orientierung zusätzliches Brennmaterial für ihr Feuer des Anstands und der rechten Lebensmoral liefern.

Freilich ist die Instruktion des Vatikans ansonsten eher belustigend. Männer, die Homosexualität praktizieren oder tiefsitzende homosexuelle Tendenzen haben, sollen also jetzt keine Priester mehr werden dürfen (Die Instruktion). Lach. Und ich dachte kein Mensch der Sexualität praktiziert oder tiefsitzenden sexuellen Neigungen hat kann im Großen und Ganzen Priester werden. Der Unterschied ist quasi temporär. Hat man mal die Homosexualität praktiziert (was immer das genau heissen mag), dann könnte das ein Adoleszenzproblem gewesen sein. Sünde? Sicherlich. Aber wir sind alle Sünder. Also muss man mindestens drei Jahre enthaltsam sein, bevor die tiefsitzenden Tendenzen als überwunden gelten können. Der heterosexuelle Sünder kann dagegen bis zum Moment der Weihe sündigen, wobei man aus Praktikabilitätsgründen vielleicht 30-60 Minuten vorher ansetzen sollte.

Freundlicherweise erläutert uns der St. Pöltener Diözesanbischof Klaus Küng nähers zu den Instruktionen. Da muss es klingeln. St. Pölten, Österreich, Katholische Kirche, homoerotische Sexorgien, Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Kinderpornographie etc. (FAZ, WELT). Wer die Logik der Instruktion also noch nicht ganz verstanden hat, der folge mir:

(Weiterlesen mit FSK16)

Klaus Küng erklärt uns nun also, dass man die Instruktionen nur im grossen Zusammenhang verstehen kann. Sie folgt einer Logik, die ich mal - und wer den 13. Krieger gesehen hat, weiss was ich meine - als Wickingerlogik bezeichnen möchte.

Der grosse Zusammenhang ist das christliche Menschenbild. “Gott will es”, dass Mann und Frau in ehelicher Gemeinschaft in Hingabe zueinander finden. Das heisst: Mann und Frau sollen während der Ehe (1) ohne Verhütungsmittel (2) mit einem entsprechendem Ergebnis (3) vögeln. Ausserhalb der Ehe freilich Sünde, weil Gott es nicht will.

Das Problem mit der Homosexualität ist jetzt folgendes: Homosexuelle können nicht alle drei Bedingungen der Hingabe einer Ehe erfüllen. Sie könnten zwar vögeln, dies auch ohne Verhütungsmittel, nicht aber mit entsprechenden Ergebnis. Sie erfüllen also nur zwei von drei Kriterien, sprich per Definition ist Ehe nicht möglich.

Es bleibt also nur ausserehelicher Sex. Aber vorsicht: Sünde. D.h. aus Mangel anderer definitorischer Möglichkeiten ist Homosexualität immer Sünde.

Dann jetzt aber das Problem mit der Weihe. Priester müssen zollibatär leben. Damit ist man schon fast beim Problem mit der homosexuellen Neigung. Nicht aber ohne Vorverständnis:

Denn Zöllibat kann keinesfalls Verzicht auf Sex bedeuten. Gemeint ist eine spezifische Form, nämlich im Sinne der legitimen Hingabe in der Ehe. Sonst wäre es ja nur ein Verzicht auf Sünde, letzlich also ein Verzicht auf etwas, was man so oder so nicht darf. Gemeint ist, dass die legitime Form weltlicher Hingabe im Zollibat an Gott abgetreten wird.

Homosexuelle erfüllen aber nur zwei der drei Kriterien der Ehe. Sie können also keine Ehe führen. Damit sind sie nicht fähig zur legitimen weltliche Hingabe, können also nicht darauf verzichten, sprich nicht zollibatär leben. Damit können sie auch keine Priester werden (was zunächst zu beweisen war).

Kommt man zur homosexuellen Neigung zurück, dann setzt man sich nun mit folgendem Problem auseinander:
Wenn man von Zöllibat redet, redet man nicht über einen umgesetzten Verzicht auf legitime Hingabe in der Ehe. Das wäre nicht möglich. Weil man kann keine Ehe führen und sich nach alle Kriterien legitim hingeben und dann verzichten. Eine Scheidung vor Gott ist nach Auffassung der Katholischen Kirche mithin nicht machbar.

Zöllibat ist demnach also der potentielle Verzicht auf die legitime Hingabe in der Ehe. Demnach ist es so, dass nur derjenige, der eine heterosexuelle Neigung hat auch potentiell darauf verzichten kann, die legitime Form der Hingaben auszuüben. Die homosexuelle Neigung schließt dagegen den potentiellen Verzicht aus.

Es leuchtet also nur ein, dass die Instruktion bereits die Neigung als ausreichend begreift, um jemanden das Priesteramt zu verwehren. Interessant ist nun, den Zusammenhang zur tatsachlichen Tat zu begreifen:

Gleichermassen ist es für heterosexuelle Männer und für homosexuelle Männer Sünde, ausserehelich mit oder ohne Verhütungsmittel und mit oder ohne ein entsprechendes Ergebnis zu erzielen zu vögeln. Nun sind wir alle Sünder. Deswegen kann die Tat in Form der Sünde (im Gegensatz zur Tat in Form der legitimen Hingabe) kein Ausschlußkriterium sein. Der entscheidende Unterschied ist nun, dass der heterosexuelle Sünder seine Neigung zum potentiellen Vögeln im Sinne der legitimen Hingabe offenbart, während der homosexuelle Sünder entgegengesetzt seine Ünfahigkeit zum legitimen Vögeln im Sinne dieser Hingabe zum Ausdruck bringt.

Deshalb wäre ihm freilich das Priesteramt zu verwehren, weshalb man es als besonders grosszügig von der Katholischen Kirche begreifen sollte, dass mögliche Wirren der Adoleszenz nicht bereits als Ausschlußkriterium benutzt werden, sondern durch einen dreijährigen Enthaltsamkeitsbeweis zeigen darf, dass die Neigung nicht mehr vorhanden ist.

Wahrlich eine bestechende Argumentation. Fast wie Mathematik. Und wie schön darin die neue jugendfreundliche Haltung der Katholischen Kirche überdeutlich zum Ausdruck kommt…

Verfasst von Michael am 29.11.05 15:13
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Kommentare

Kein Wunder, daß die Kirche für praktizierte Nächstenliebe keine Zeit erübrigen kann, wenn sie sich so intensiv mit der Sexualität beschäftigt.
Ach, da fällt mir ein: Könnte ein Mann, der unehelich (also in Sünde) gezeugt wurde, überhaupt Papst werden oder ist er mit einem Makel behaftet? Hat die Taufe diesbezüglich eine reinigende Wirkung? Und was hat Gott in seinem letzten Spiegel-Interview zu dem Ganzen gesagt?

Posted by: Michael Schöfer am 29.11.05 22:47

Brillant. Mich als Mathematiker begeistert sowas ja immer.

Posted by: nordlicht am 30.11.05 11:55

> Zöllibat ist demnach also der potentielle Verzicht auf die legitime Hingabe in der Ehe. > Die homosexuelle Neigung schließt dagegen den potentiellen Verzicht aus.

Hmm,und ich dachte, Zölibat sei der vollzogene Verzicht auf Ehe und legitimer Hingabe. Der potentielle Verzicht reicht da ja nicht aus. Oder was ist das eigentlich, potentieller Verzicht?

Abgesehen davon (oder vielleicht gerade deswegen), genialer Artikel! Klaus Küng hat das nich so doll hingekriegt.

Posted by: Marcel am 30.11.05 22:11

…obwohl ich auch den Küngschen Text sehr amüsant fand und mehrfach laut und herzlich gelacht habe. :-)

Posted by: Marcel am 30.11.05 22:12

„Freundlicherweise erläutert uns der St. Pöltener Diözesanbischof Klaus Küng nähers zu den Instruktionen. Da muss es klingeln. St. Pölten, Österreich, Katholische Kirche, homoerotische Sexorgien, Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Kinderpornographie etc.“
Genau und das tut es auch beim Nebeneinanderstellen von Homoerotik und Kinderpornographie, gilt nämlich der vermeintliche, von manchen Erzkatholiken in der Öffentlichkeit gezogene Zusammenhang zwischen Pädophilie und Homosexualität als Ursache für die vatikanische Schwulenverordnung. Küng bestreitet dies zwar, schreibt aber gleichwohl von einer „homophilen Atmosphäre“, die „für die Entwicklung solcher Seminare und Klöster entsprechende Folgen haben kann, wie es anscheinend die Erfahrung der USA in einigen Fällen gezeigt hat.“ Also doch: Schwule = potentielle Päderasten.
Nun bin ich kein Sexualtherapeut und mag mich über die vorkommende Doppelmoral in der katholischen Kirchenstruktur nicht groß äußern. Dass jedoch unausgelebter Sexualtrieb, ob Homo oder Hetero, häufig zu Lasten der Wehrlosesten gehen kann, erscheint mir ausgemacht.
Neu für mich ist, dass der Vatikan seinen Priestern offen eine eigene Sexualität zugesteht und dabei auch die Existenz von Homosexualität in Kirchenkreisen anerkennt. Bisher war ich davon ausgegangen, dass die katholischen Hirten dank Zölibat per se zu asexuellen Wesen degradiert würden. Danke Michael für die Aufklärung.

Posted by: Stefan am 03.12.05 01:06
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