15.11.05

Und der designierte Parteivorsitzende sprach...

Der designierte Parteivorsitzende der SPD, noch für ein Stündchen zumindest, ist gerade sehr eifrig dabei, seinem Publikum klarzumachen, was die SPD ist. Das ist recht spannend, weil wir lernen dürfen: SPD soll jetzt wieder mehr Sozialdemokratie sein. Viel wird deswegen von der Vergangenheit geredet, weil so wie die Vergangenheit der CDU vielleicht christkonservativer war, so war natürlich auch die Vergangenheit der SPD viel sozialdemokratischer. Die Grünen waren auch mal grüner und bei der FDP weiss man das nicht so genau. Früher ist halt alles besser gewesen. Und wenn man seine Partei schnell neu erfinden muss, dann redet man am besten über 140 Jahre Parteigeschichte. Das schafft Legitimität. Und ein bisschen sentimental ist es auch…

Aber es ist schon so, dass der designierte Herr Parteivorsitzende auch viel über die Gegenwart redet. Das hat was mit der Struktur der Rede zu tun. Früher war es nämlich so, dass die SPD dachte, niemand solle hinten zurückfallen. Und heute ist es wieder so, dass die SPD denkt, hinten solle niemand zurückfallen. Früher wurde aufklärerisch gedacht, jetzt will man wieder mehr aufklärerisch denken. Früher wollte man den Sozialstaat und heute will man den Sozialstaat. Früher hatte man Kinder, heute - und das ist jedermann und jederfrau eine Freude - will man auch wieder Kinder.
Und das ist gut. Weil: Zwar ist die Partei kurzerhand in den letzten Wochen auseinandergefallen, Umbrüche allerorten: Aber wenn man hinschaut, dann ist es eben so wie es immer gewesen ist. Nichts hat sich geändert. Die SPD ist immer noch die alte Heimat. Die grosse Mutter SPD.
Hübscher Kunstgriff. Sehr schicke Rede. Auf derart nostalgisches “Das sind wir” folgen flockig eingebaute “Realitäten unserer Zeit”. Da gibt es Probleme - und die schaut man sich an und bleibt sich treu. Und dann packt man an und dann schafft man das auch. Sehr clever wird dabei über die Zukunft der Partei gesprochen, die zunnächst nicht viel mit den Realitäten der nächsten vier Jahre zu tun hat. Sprich das Thema Grosse Koalition wird völlig umgangen, das muss ja auch nicht sein Thema sein. Die ist ja auch nicht seine Aufgabe. Er muss jetzt ja die SPD sein. Mit der Regierung der Unzufriedenheit hat er nichts zu tun. Einziger Verweis: Opposition ist Mist, wörtlich nach Münte. Na gut.
Die Rede is übrigends sehr freundschaftlich. Gar nicht herrisch oder mit dem Anspruch auf Führung. Sie hat so einen gemeinschaftlichen Charakter. Nie wird das Wort “ich” benutzt. Immer nur wir. Wir schaffen das schon, das ist gar nicht so schwer. Es ist wirklich eine starke Rede. Sie ist ziemlich genau das, was die SPD gerade braucht. Sie ist vielleicht ein bisschen harmoniesüchtig. Alle sollen viel debattieren, aber streiten sollen sie sich nicht. Konstrukive Kritik, gerne, aber bitte alle lieb haben. Da lächelt die Nahles, weil sie es besser weiss. Wollen wir für den designierten Parteivorsitzenden hoffen, dass er nicht wirklich so harmoniebedürftig ist, sonst wird er bestimmt viel zu leiden haben. Es folgt die Lobhundelung wichtiger Leute. Wer Platzeck wähl muss Heil wählen. Das darf man ruhig im doppelten Sinne verstehen. Grosser Satz zum Schluss. Niemand wird zurückgelassen (nochmal…) und dann: Das gilt auch für Andrea Nahles. Hübsch. Dann ist aber Ende. Nein. Es folgt notwendiges: Böse Rechtsradikale, vor allem die Gattung der “netten Nazis”, böse Linksradikale, die der SPD das Wort Links einfach so klauen und neu besetzen wollen…Dann die Brückengeschichte. Grossartig. So authentisch!

P.S. Ganz zum Schluss kam er dann noch: Der neue deutsche Nationalgeist. Der darf in einer “hippen” Rede zur Zeit natürlich nicht fehlen. Du, wir, ich. Wir sind Deutschland. Nix mehr mit vaterlandlosen Gesellen in der SPD. Ich finde das immer wieder irritierend. Vor fünf Jahre wäre das in so einer Rede nie möglich gewesen. Da konnte man noch gar nicht stolz auf sein Land sein, technisch gesehen.

Verfasst von Michael am 15.11.05 10:27
Trackback-URL: http://blogs.grendel.at/mt33/mt-tb.cgi/752
Trackbacks
Kommentare

und ich bin sehr gespannt, von welcher scheiße künftig der stallgeruch herkommen wird.

Posted by: maiu am 15.11.05 11:24

Hier Platzecks “Brückengeschichte” im Wortlaut:

“35 Jahre habe ich in Potsdam auf der anderen, der ostdeutschen Seite der Glienicker Brücke gewohnt Die Glienicker Brücke ist die Brücke zwischen Potsdam und West-Berlin, wo in der Zeit des Kalten Krieges ab und zu bei Nacht und Nebel Agenten ausgetauscht wurden. Ich habe dort natürlich mit dem Gefühl gewohnt, dass ich über diese Brücke nie gehen werde; das war Normalität für mich. Fast heute auf den Tag genau vor 16 Jahren bin ich über diese Brücke gegangen. Ich schäme mich nicht zu sagen, dass ich noch heute manchmal Sonntag früh, wenn dort kein Betrieb ist, über diese Brücke gehe und das Glücksgefühl immer wieder genieße. Liebe Genossinnen und Genossen, ich möchte nicht, dass mir das verloren geht. Ich habe in diesem Umbruch erfahren, dass viel dran ist an dem Satz von Willy Brandt, wir müssten uns klar machen, dass nichts von Dauer ist. Ich habe in dem Umbruch erfahren, dass man sich immer den Blick für die Risiken und Chancen einer Gesellschaft offen halten soll. Ich möchte mein Land, ich möchte unser Deutschland gegen kein anderes Land auf der Welt eintauschen. Es ist ein wunderbares Land. Ich bin froh, in diesem Land leben und arbeiten zu können.”

Aus: http://blog.nrwspd.de/archives/001316.php

Posted by: Sasha am 15.11.05 21:50
Kommentar verfassen









Persönliche Informationen speichern?






Kurzmeldungen

Linke vor SPD

Forsa übertreibt bei der Linken wie immer ein wenig. Aber dennoch.

03.09.08 18:40

Große Koalition gescheitert

Die Hängepartie in Wien ist vorerst vorbei. Die ÖVP kündigt die Regierung mit der SPÖ. Die geschwächte SPÖ war zuletzt in internen Führungs- und Richtungsstreitereien verfangen.

07.07.08 12:39

Bei Tibet büßt SPD Menschenrechtsbonus ein

Der Besuch des Dalai Lamas vergrößert die Zweifel an der Menschenrechtspolitik der SPD. Sie droht ein großes (außen)politisches Pfund zu verlieren - ausgerechnet an die CDU.

15.05.08 23:59

Medienmeute mit Ironieproblem

Stars foppen Paparazzi mit geschauspieltern Skandalen - und die Presse fällt darauf herein. Die Versteckte Kamera wird umgedreht.

12.03.08 09:03

Etwas weniger Belgien?

Als Spätfolge des Versailler Vertrages droht Belgien einige Quadratkilometer Land an Deutschland zu verlieren...

10.01.08 10:13

Lakota Sezession

Die Lakota-Sioux haben alle Verträge mit den USA gelöst und sich für unabhängig erklärt. Klingt nach interessanten Zeiten in den USA, wenn sie's ernst meinen.

21.12.07 16:32

Der Count-Down läuft

Jungle World kritisch zum venezolanischen Verfassungsreferendum am 2. Dezember. Über "Verräter", "Staatspolizei" und "Staatsstreich gegen die Verfassung"...

29.11.07 13:51

Joachim Bublath

...ist mein Held.

31.10.07 14:55

"Diese Reform wird mit den letzten Resten der liberal-demokratischen Republik Schluss machen."

Der venezolanische Ex-Guerrillero und Ex-Minister Teodoro Petkoff im Interview mit dem Standard über Chávez, die geplante Verfassungsreform und die Opposition.

25.10.07 17:53

Päpstlicher Feispruch für Tempelritter

Ein neues Vatikan-Buch belegt, dass die einst mächtigen Templer, die im Spätmittelalter einem Verbotsurteil zum Opfer fielen, schliesslich doch vom Papst der Ketzerei frei gesprochen wurden. Neue Erkenntnisse zu einem 700 Jahre zurückliegenden Machtkampf...

07.10.07 13:34