04.11.05
Gang nach Canossa
Man benutzt den Ausdruck ja ständig für das eine oder andere demütigende Ergeignis. Aber was der gute Edmund Stoiber da abzieht…das ist ja so kitschig. Damals wurde das wenigstens noch anständig durchgezogen. Da zog Heinrich IV. von Speyer nach Canossa, überquert in einem als grauenvoll überlieferten Winter die Alpen und fleht barfuss und in Büßergewandung vor Gregor VII. um Einlass, der ihm diese Barmherzigkeit erst nach merhtägigem und zerknierschenden Warten zuteil werden lässt. Heinrich kehrt in den Schoss der Kirche zurück. Der über ihn verhängte Kirchenbann wird aufgehoben und er wird seinen Thron behalten dürfen. Dem ging ein Beschluss der damaligen Fürsten voraus, dass Heinrich seinen Thron unwiederruflich verloren hätte, wäre der Kirchenbann nicht rechtzeitig aufgehoben worden.
Rund tausend Jahre später steigt dann also Edmund I. in ein Flugzeug, nimmt seine mehr oder minder machtgierigen Fürsten gleich mit, es ist sonniger Herbst und er trägt einen Anzug und Schuhe. Bereits auf dem Weg wendet er sich in flehentlicher Form an die ihm Untergebenen, bittet darum, den bayrischen Thron behalten zu dürfen, denn dies sei sein Leben und seine Bestimmung. Während der eine oder andere kritische Untertan sich kaum zurückhalten kann, verspricht der bayrische Throninhaber einen wahren Neuanfang. In Rom gelanded, muss Edmund nicht einmal länger warten, oder gar Buße tun, der Papst empfängt ihn freudig. Dort gewährt er Stoiber Ablass für seine Berlin-Sünde und äussert in der Privataudienz gar grosser Verständnis für Edmunds erratische Entscheidungen der letzten Zeit. Das Wohlwollen des Papstes wird in einer späteren Audienz für die 150 mitgereisten Untertanen gleichsam weitervermittelt. So kann Edmund I. mit päpstlicher Legitimation ausgestattet in das “geliebte Bayernland” zurückkehren. Wenn der Papst Edmund I. verstehen kann, dann kann auch Bayern Edmund I. verstehen. Ich muss im falschen Film sein…
Verfasst von Michael am 04.11.05 09:57
Edmund Stoiber: Don Quichote der Moderne - nur nicht so literarisch. Seltsame Nachhaltigkeit "Nachhaltigkeit" sollte eigentlich kein unbekannter Begriff sein. Entscheide, Tätitgkeiten usw. sind dann nachhaltig, wenn sie Auswirkungen auf einen län...
Weblog: Wahlen am: 04.11.05 16:37
Wobei die Nutzung der Redewendung eigentlich historisch falsch ist. Hintergrund ist die mittelalterliche Sitte, dass der Bittsteller nach geleisteter Abbitte (die man nicht ablehnen durfte) wieder in alle Ämter eingesetzt werden musste! Der Papst wollte Heinrich damals entsorgen, aber mit dem Schachzug der Abbitte blieb ihm nichts über als ihn wieder einzusetzen. Heinrich musste dem Papst zwar eine zeitlang hinter her reisen, aber in Cannossa konnte er ihn endlich Stellen, da der Winter eine Weiterreise des Kirchenmannes verhinderte. Das Warten war also nicht sehr zerknirrscht, sondern berechnend.
Eddi hat so viel taktischen Geschick nicht an den Tag gelegt, eher im Gegenteil…
Posted by: Alex am 04.11.05 14:10@Alex: stimmt, dazu kamen allerdings auch zusätzlich noch lange und verdammt harte Verhandlungen … aber so ist das mit den Redewendungen.
Posted by: Sebastian am 04.11.05 18:42