20.10.05
Der Thesenanschlag des Matthias Rössler
Ich stelle mir also vor, dass ein Historiker in ein paar Jahrhunderten folgendes von sich gibt:
Der Legende nach schreiben wird den 19. Oktober im Jahre des Herrn 2005. Matthias Rössler nagelt mit lauten Hammerschlägen, die durch ganz Deutschland hallen, in einer stürmischen und regnerischen Nacht die 12 Thesen an die Tür des sächsichsen Landtages. Dies ist auf vielen Darstellungen zu sehen und wurde bis in unser Jahrhundert hinein als Tatsache anerkannt. Es ist ein Bild, das - wie kaum ein anderes - zum Symbol des deutschen Patriotismus des 21. Jahrhunderts geworden ist.
So schlug es wie ein Blitz ein, als 2473 der Patriotismusforscher Google Kümmelbein mit der Behauptung an die Öffentlichkeit trat, der Thesenanschlag gehöre in das Reich der Legenden.
Jedoch sind die angeführten Fakten durchaus einleuchtend. Zum einen stammt die erste schriftliche Darstellung dieses Ereignisses aus einem als Fragment erhaltenem Weblog-Eintrag des Küchenkabinetts, der nur einen Tag später datierte. Die Autoren konnten jedoch keine Augenzeugen gewesen sein, da sie nach unserem Wissen keineswegs in der Umgebung von Dresden ansässig waren. Auch erscheint diese Darstellung in keiner von Rössler überlieferten Quelle; von ihm selbst ist also kein Kommentar zu den 'Nagelarbeiten' des Jahres 2005 überliefert.
Zwar sollen an die Tür des sächsischen Landtags regelmäßig Ankündigungen für Disputationen angebracht worden sein, jedoch muß das öffenliche Anbringen der Thesen ohne eine parteiinterne Diskussion auf dem im November angesetzten Parteitag abzuwarten, als klare Provokation der Vorgesetzten gewertet werden. Dies ist jedoch einem Rössler, der eigentlich nur Mißstände abändern wollte, nicht zuzutrauen.
Auch ist zu vermerken, daß in den Trümmern von Dresden (noch) kein Urdruck der Thesen gefunden werden konnte. Die besterhaltenste Quelle (vgl. unten) ist gleichfalls aus dem Weblog überliefert.
So bleibt nur das Gesicherte: Rössler stellte seine Thesen am 19.10.2005 im sächsichen Landtag vor, in denen er die deutschen Bürger gleichsam als kulturelle Schicksalsgemeinschaft begriff, die Praxis vermeindlicher Weltoffenheit ohne Heimatbezug anprangerte und die Behebung der Mißstände anmahnte. Nach seinem unerwartenen Verschwinden, dass allgemeinhin der in der Konstituierungsphase begriffenen pränachpostmodernen RAF geschuldet sein soll, sollten die 12 Thesen als Grundlage für eine Disputation über das Thema dienen. Durch sein Verschwinden wurde Rössler gleichsam zum Märtyrer und seine Thesen Grundlage für die rasch erstarkende deutsche Patriotismusbewegung.
Zwar wird es heute von der Mehrheit der Rösslerforscher als erwiesen angesehen, daß Rössler an dem besagten Tage nicht mit dem Hammmer zu Werke ging, jedoch ist das Bild des Thesenanschlages auch heute noch eines der gebräuchlichsten im Umgang mit Rössler, der deutschen Patriotismusbewegung des 21. Jahrhunderts und der Rösslerstadt Meissen.
Im folgenden die Quelle, wie sie uns überliefert ist. Uns unbekannte Stellen sind durch Auslassungsklammern gekennzeichnet und zu Teilen nach gängiger Interpretation ergänzt. Gut erhalten sind der Forschung leider nur die ersten Teile geblieben, die nichtsdestoweniger sehr aussagekräftig sind. Die Absätze sind für ein besseres Verständnis mit knappen Anmerkungen versehent:
1. Im ver[..geigten?] Europa ist die historische und kulturelle Schicksalsgemeinschaft der Nation unverzichtbar.Niemand will in Europa seine Nation aufgeben, vielleicht bis auf einige linke Politiker und Intellektuelle in Deutschland. Das haben die Franzosen und Nieder[…] bitteren Lektion gezeigt. Sie haben nicht die Idee eines vereinten Europa […] aber den Irrglauben, es sei ohne Nationen, ohne selbstbewusste Völker […] so visionär vor Augen […]
[..] Kulturen mit dem großen gemeinsamen Kernbestand, der seine Völker verbindet. Unser deutsches Volk [..] die Welt bereichert wie kaum ein anderes. Deutsche Musik, deutsche Literatur, deutsche Philosophie [..sind] Bausteine der großen Menschheitskultur geworden. Auf diese Leistungen gründet sich unser Stolz, […] Schlachten. […] wenn wirtschaftliche und politische Stabilität […] sollen […] aus den Werten, der Kultur und der Geschichte unserer Nationen schöpft. […] Hier muss die Führung der CDU im deutschen und europäischen Interesse dem amerikanischen Druck standhalten. […]
Anmerkung: Man beachte hier bereits den ersten Hinweis auf die patriotismusfeindliche pränachpostmoderne RAF, der Rössler vermutliche zum Opfer fiel. Aus Sicht der pränachpostmodernen RAF lehrt die Tat freilich die Ironinie der Geschichte. Ohne sein Verschwinden - da sind sich die Rösslerforscher weitgehend einig - wäre es wohl kaum zum derart raschen Erstarken der Bewegung gekommen.
2. Patriotismus, die Liebe zum Vaterland, […]Staaten und ihre Nationen gewinnen durch die Bindung an gemeinschaftliche Ziele und Überzeugungen inneren Zusammenhalt, […] Selbstverständlichkeit auch für die in der Bundesrepublik Deutschland handelnde Politikergeneration […] Liebe […]
Im Gefolge der Kulturrevolution von 1968 wurde der Begriff Patriotismus“ stigmatisiert […] zumindest reaktionär diskreditiert. Multikulturalismus [..] globalisierten Welt […] deutsche Gesellschaft zusammenhalten.
Der internationale Terror […] ohne Patriotismus, Nation, nationale Identität, ohne […] Nationalstolz auskommen […]
Anmerkung: Aus historischer Perspektive scheint sich Rössler hier übernommen zu haben. Der Angriff erfolgt offensichtlich auf die sogenannte “erste und zweite Generation” der RAF, was ihm die pränachpostmoderne (manchmal auch als dritte oder vierte Generation bezeichnet, je nachdem wer zählt) augenscheinlich drastisch verübelt haben muss. Vgl. hierzu auch den annähern zeitgleich eingebrachten Verbotsantrag des RAF-Symbol durch die sächsische CDU (dazu auch: Rasstaat 2489, S. 344-367).
3. Deutschland […] Vaterland.Die Einigung als Staatsnation gelang […] nur mit Blut und Eisen“. […]
[…] vielen linken Intellektuellen als gerechte Strafe für diese Verbrechen. […] patriotische Pflicht […] Vertreibung und Bombenkrieg […] Günter Grass […]
Die Sächsische Union als patriotische, konservative und christlich-wertorientierte Volkspartei […] nur technokratische Politik […] dem Beitrag, […] immer wieder unter Beweis stellen.
Anmerkung: Der derzeitige Forschungsstand erlaubt wenig Auskunft über die Frage, inwieweit zu Rösslers Zeiten gewalttätig gegen die Linke vorgegangen wurde. Es ist jedoch davon auszugehen, dass der Bürgerkrieg Ende des 21. Jahrhunderts ein längeres Vorspiel hatte. Genauso unbekannt bleibt der Forschung Günther Grass. In der Rösslerforschung wird desöfteren darüber spekuliert, er sei einer der Lehrmeister Rösslers gewesen.
4. Patriotismus [..] verordnen. […] Wahlkampfparole […] automatisch Patrioten
Vgl. die Arbeiten von Google Kümmelbein über die Wahlkampfführung der CDU bis Mitte des 21. Jh (Kümmelbein 2469, 2471, 2476, 2489).
5. Patrioten stellen sich der gesamten Geschichte ihrer Nation.Unsere ganze Geschichte bestimmt die Identität unserer Nation. Wer einen Teil davon verdrängen will, der versündigt sich an Deutschland.“ […]
[…] ganz Deutschland wieder eine größere Bedeutung erhalten. Die herrschende Deutungsdominanz der Achtundsechziger“ in Medien, Wissenschaft und Schule und die damit verbundene Diskreditierung wertorientierter patriotischer Positionen ist zu überwinden. […]
Anmerkung: Für eine exakte historische Bedeutung des Begriffs “Achtundsechziger” liegen nicht genug Quellen vor. Im frühen 22. Jh. erfuhr der Begriff jedoch eine historische Umdeutung durch die Gruppe 68, die zum gewaltlosen Widerstand aufrief und intellektuelle Schriften in Abgrenzung zum deutschen Patriotismus verfasste. Alle 27 Mitglieder (??) fanden einen gewaltsamen Tod.
6. [nicht erhalten]
7. [nicht erhalten]
8. [nicht erhalten]
9. Familie, Muttersprache, Heimat, Kultur […] Gemeinschaft. […] Ehrlichkeit, Disziplin, Fleiß, Mut, Verlässlichkeit und Treue, […] CDU […]
Anmerkung: SIC! So kennen wir die deutsche Patriotismusbewegung des 21. Jh.
10. Patriotismus braucht Symbole, Institutionen und Traditionen, damit er auch emotional wirksam werden kann.[…] wiederaufgebauten Reichstages in Berlin solche symbolträchtigen Institutionen, die den Patriotismus auf ein sinnfälliges Zentrum hin bündeln und Momente kollektiver emotionaler Erhebung ermöglichen. Solche Momente jedoch braucht ein Staat, um für seine Bürger attraktiv zu bleiben.
Aber wir haben unser Lied der Deutschen […] über den Barrikaden wehte, zu unserer Nationalflagge. Diese Fahne ist zusammen mit der Fahne des Bundeslandes bei den entsprechenden Anlässen vor jedem öffentlichen Gebäude und besonders vor Schulen und Hochschulen zu hissen. […] Das Singen der Hymne muss eine Selbstverständlichkeit bei öffentlichen Veranstaltungen werden […]
Anmerkung: Eine von vier erhaltenen Quellen, in der Explizit das “Lied der Deutschen” erwähnt wird. Jährlich begeben sich Abertausende während ihrer arbeitsbefreiten Zeit auf die Suche nach dem ominösen Werk, nachdem ein japanischer Milliardär umgerechnet etwas über 65 Millionen Dollar für die Auffindung einer Orginalquelle geboten hat. Grund hierfür: Die beinahe ein Jahrhundert dominierende Lehrmeinung das Lied der Deutschen sei das “Du bist Deutschland”-Lied gilt als widerlegt.
11. Familie, Heimat, Muttersprache, Kultur, Religion, Geschichte, […] wurzelt unser Patriotismus. […]
Anmerkung: Vgl. 8
12. [Titel nicht erhalten][…] , terroristische Bedrohung […] Individualismus und Emanzipation enden immer häufiger in der Sackgasse hedonistischer Ichsucht. […]
Patriotismus, Heimat, Nation, Freiheit […] CDU Deutschland […].
Anmerkung: Ein weiterer Schlag gegen die in der Konstituierung begriffenen pränachpostmodernen RAF, die sich - möchte man den Arbeiten von Microsophia Gisell Rasstatt glauben schenken - tatsächlich vornehmlich aus Frauen rekrutierte, die sich nicht in das neu entstehende Bild der Frau “als Humankapitalproduktionsmaschine” (Rasstaat, 2493, S. 247) einfügen wollten.
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Die beiden Hauptquellen:
* Die vollständigen 12 Thesen des Matthias Rössler und
* Die wahre Legende des Thesenanschlags
sind in sinnverfälschender Weise wiedergegeben.
Hier geht es zum Verbotsantrag des RAF-Symbols durch die CDU-Sachen
Verfasst von Michael am 20.10.05 13:16Und wenn wir dann superpatriotisch sind und ganz toll unser heiliges Vaterland lieben, wird alles gut: Die Arbeitslosigkeit sinkt, die Armut verschwindet, Umweltverschmutzung wird zum Fremdwort, die Energiepreise gehen in den Keller etc.
Wenn ich es recht bedenke, vielleicht sollten wir es wirklich mal mit Patriotismus und heißer Liebe zum Vaterland probieren. Alles andere hat ja bislang nicht geholfen. Und auf ein weiteres Placebo kommt es schließlich nicht an, oder? ;-)
(Für die Dumpfbacken: Hey, das war ironisch gemeint)
Posted by: Michael Schöfer am 21.10.05 11:55