07.10.05
Wie liest man eigentlich Nachrichten?
Nachrichten lesen ich jeden Morgen als allererstes beim Kaffeetrinken. Ich habe mich gefragt, wie wohl andere Leute Nachrichten lesen, deshalb biete ich hier mal exemplarisch meine alltägliche “Lesestrategie” an:
1. Mit Kaffee vor den Fernseher gesetzt, ZDF angemacht, die Nachrichten-Headlines des Videotexts überfliegen, bei unerwarteter Nachricht auch mal die gesamte Seite lesen. Heute: Wenig unerwartetes, die Friedensnobelpreisträger stehen fest.
2. Feedreader starten, Blogs überfliegen, aber noch nicht drum kümmern…
3. Bild-Online, erfahren was der Skandal des Tages ist. Heute spricht der Barkeeper über seine Schlägerei mit dem Rau-Sohn. Dann in die “Nachrichten”-Sektion von Bild, jetzt kann ich mir auch den Namen des Friedensnobelpreisträgers merken, al Baradai. Irgendwo hat ein schwarzes Loch gerülpst. Das ignoriere ich besser mal.
4. Spiegel-Online. Soso. Eilmeldung. Es wird jetzt also gegen Hartz ermittelt. Nicht, dass der in Scham und Schande gehen muss, sonst müssen wir die Gesetze umbenennen. Al-Quaida macht jetzt Internet-Terror-TV. Kurz geärgert, weil ohne Angabe der URL wie immer und auch weil ich es eh' nicht verstehen könnte. Ah. Cool. Wenn wir Glück haben gibt es bald ein Sex-Video von Britney Spears zum herunterladen.
Politik-Sektion öffnen. Das grosse Schweigegelübte, wie viel kostet die SPD, Stoiber und der Machtdrang. Naja gut. In den Worten von Lautgeben: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Überflogen wird ein Artikel über nationale Klischees. Ergebnis: die taugen nix.
5. Die Titelseiten von Sueddeutsche, FAZ, TAZ und Zeit. In der TAZ gibt es ein Special zur Zukunft der Grünen, die drei Artikel schnell öffnen, in der Zeit erfahre ich, dass sich Alice Schwarzer im Spiegel auslassen darf, wird auch geöffnet, und eine Meinung zum Mehrheitswahlrecht, wird auch geöffnet.
6. Ich lasse mich vom Perlentaucher über die Feuilettons aufklären.
Heute öffne ich Zafer Senocaks Beitrag über die “Dunkle deutsche Seele” bei Welt.
7. Google-News falls man was verpasst hat. Dann: Überflüssige Browser schließen.
8. Artikel lesen, das Grünen-Special ist eigentlich nur ein Interview mit Kuhn. Weg damit. Bei der Zeit, wird Alice Schwarzer ziemlich gedisst, mehr Kaffee, Laune bessert sich. Beim Mehrheitswahlartikel wird nur nach der Meinung der Leser gefragt, lieber nicht lesen.
Bleibt der Dunkle Seelen Artikel. Mist, hier taucht in den ersten Absätzen so oft das Wort Liebe und Liebesheirat auf, dass mir irgendwie der Bezug zum Thema “deutsche dunkle Seele” entgeht. Ich lese ihn dann trotzdem. Tse. Haltlos.
9. Noch mal den Feedreader betätigt. Was ich da gestern über den Bembelkandidaten von mir gegeben habe, muss schwer gesessen haben. Erst wiederlegt er mich und zählt eiskalt nach, dass er zu 63% politisch bloggt und dann “frozelt” er zwei Einträge später herum und meint, er könne nicht länger über das Kinderschockoladenkind schreiben, sonst würde sein Schnitt fallen. Überhaupt scheine ich eine Diskussion darüber vom Zaun zu brechen, was denn bitte unter “politisch” bloggen zu verstehen sei. An Bloggnjus Kommentar beim Bembelkandiaten ergeht dann gleich mal: Das wäre super, wenn Du dich in so 20 Seiten damit auseinandersetzen könntest, das würde mich nämlich schwer interessieren. Auch wenn ich an der Tauglichkeit eines Zugangs über altgriechische Philosophie zweifeln möchte.
och nö, das ist kein “frozzeln”, bin doch kein “frozzi-bär ;-)
ich habe mich damit eher selber ermahnt, meine zeit nicht zu sehr mit banalitäten zu verschwenden, die letztlich nur begründen sollen, warum ich mir eine kinderschoki zwischen die kiemen schiebe …
Lach. Wenn du jetzt den Spitznamen Frozzi-Bär weghast, bin auf gar keinen Fall ich schuld gewesen…
Posted by: michael am 07.10.05 13:48grmpf, touché!
dadrauf muß ich nachher noch eine extra-schoki kaufen…
Was ein Polit-Blog ist habe ich mich auch schon gefragt. Nur wenn und weil es drübersteht? Kann nicht sein, ich denke das ist bei mir recht politisch.
Posted by: marcc am 07.10.05 14:14“Alles ist Politik” (meint auch Alois, http://aloisius.blogg.de/), und wer Kafka outet sich damit imho sofort als Anti-Bürokrat. Der Bembelkandidat macht eben “subliminale Politik”.
Posted by: bloggnjus am 09.10.05 16:43