26.09.05

Der Pate der empirisch-analytischen Demokratietheorie

1971 hat Robert Alan Dahl ein Buch mit dem Namen “Polyarchy. Participation and Opposition” veröffentlicht. Finanziert von der Rockefeller Foundation, die etwa zeitgleich auch den Kinsey-Report gesponsort hat, sprich anscheinend ein gewisses Gespür für bahnbrechende Werke hatte.

Bei den Politologen ist dieses Buch sehr berühmt. Weil Dahl in dem Werk die wahrscheinlich einflussreichste empirisch-analytische Demokratiedefinition der letzten 35 Jahre vorgelegt hat. Ich habe es heute erstmalig in die Hand genommen, schon weil über diese Definition so viel Sekundärliteratur entstanden ist, dass es mir nie nötig erschien, das Orginal zu lesen.

Man denkt also Zeit seines Studiums, Dahl hätte wunder was geleistet und ein demokratietheoretisches Meisterwerk abgeliefert und schlägt es von Ehrfurcht gepeinigt auf. Man fängt ganz vorne zu lesen an, was selten genug passiert, und dann ist drei Seiten später alles gelaufen. Die einflussreichste Demokratiedefinition der letzten 35 Jahre, dahingeschludert auf drei lächerlichen Seiten. Mit der Begründung, er wolle sich nicht in endlosen und sinnfreien Diskussionen verlieren. Der eine oder andere Punkt sei an anderer Stelle ausführlicher nachzulesen. Krass. So muss es früher angefühlt haben jahrelang auf seine Hochzeitsnacht zu warten und sich dann nach ein paar Minuten fragen zu müssen: Ja wie, soll es das gewesen sein?

Verfasst von Michael am 26.09.05 15:23
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Kommentare

Das nenn ich Parallelität der Ereignisse. Das exakt gleiche Buch liegt auf meinem Schreibtisch, weil ich es für ein Seminar lesen muss/darf und heute nachmittag damit anfangen werde. Ich werd mich mal melden, wenn ich eine Meinung dazu habe. Aber den Eindruck, dass dicke Werke oft durch dünne Botschaften glänzen hatte ich schon länger.

Posted by: Philip am 26.09.05 16:30

Das nenn ich Werbung! Ich bin ganz neugierig: Wie lautet denn die offenbar triviale Jahrhundert-Demokratie-Definition? Könnt ihr das hier nicht mal schnell in einen Satz bringen? Ihr werdet mich doch nicht dazu bringen wollen, das Buch ausleihen zu müssen???

Posted by: Lisa Rosa am 26.09.05 17:12

einfach gesagt: Demokratie ist “contestation (also: Wettbewerb) open to participation”. Hübsch, oder? Dahl bastelt dann allerdings in seine Messung noch ein paar institutionelle Gegebenheiten rein. Streng genommen ist das hier aber schon alles. Oder Michael? Ich hab schließlich noch nicht angefangen das Buch zu lesen.

Posted by: Philip am 26.09.05 18:04

Boa, da muß man ja erst mal drauf kommen! Bin ich froh, daß mir in meinem Pol-Studium sowas erspart geblieben ist. Da lies doch lieber Roald Dahl, der ist viel lustiger!

Posted by: Lisa Rosa am 26.09.05 18:57

Berühmt ist die Definition geworden, weil es sich um eine besonders schlanke, sprich Minimaldefinition der Demokratie handelt. Demokratie gibt hier ausschliesslich (!) die Antwort auf die Frage wer regiert.
Um die Volksherrschaft in der modernen, repräsentativen Demokratie abzusichern, sind bestimmte institutionelle Garantien nötig. Sieben (im ersten Definitionsversuch von Dahl noch acht) an der Zahl:

1) Die Organisationsfreiheit
2) Die Meinungsfreiheit
3) Das Recht zu wählen
4) Das Recht gewählt zu werden
5) Die Möglichkeit, um politische Unterstützung und Stimmen zu werben
6) Verfügbarkeit alternativer Informationsquellen
7) Das Abhalten freier und fairer Wahlen

Posted by: michael am 26.09.05 19:00

Nachtrag: Das sind keinesfalls selbstverständliche Annahmen, selbst wenn das auf den ersten Blick so wirken will. Interessant wird die Definition vor allem durch das, was sie auslässt, gemeinhin aber sehr wohl mit Demokratie assoziiert wird, etwa bürgerliche Rechte, Rechts- und Verfassungsstaat etc..

Posted by: michael am 26.09.05 19:04

@michael

Welche “bürgerlichen Rechte” vermißt du denn, die nicht durch oben genannte punkte, vorallem natürlich Punkt 2, abgedeckt werden? Ich denke da steckt im Kern bereits alles drin.

Durch die Einhaltung der Punkte werden auch die Kern-Ansprüche an einen Rechts- und Verfassungsstaat bereits abgedeckt.

Die Definition ist doch gerade weil sie so schlank ist so besonders und als universeller Ansatz zur Definition von Demokratie geeignet.

Posted by: bazinho am 26.09.05 19:50

Partizipation - immerhin im Titel des Werks - erschöpft sich doch selbst in den repräsentativen Demokratien nicht auf Wahlfunktionen des Politiksystems im engeren Sinne. Das ist ein ganz enger Demokratiebegriff und ein ganz enger Politikbegriff. Da kriegt Habermas ja das Gruseln!

Posted by: Lisa Rosa am 26.09.05 20:08

naja… wenn Habermas das so ernst nehmen würde mit der Deliberation wär er schon längst tot. Schumpeter, Dahl, Przeworski… wie sie alle heißen: so Unrecht haben sie nicht. Auch wenn sie es, wie man es von Politikwissenschaftlern erwarten kann, vielleicht etwas übertreiben. Aber wie sagte Adam Przeworski vor nicht einmal 20 Minuten in einem Vortrag: “a scholar should try and make many people unhappy. Pleasing people is not my primary concern.”

Posted by: Philip am 26.09.05 20:19

@bazinho
Ja und Nein. Insbesondere die Implikationen des Konstitutionalismus werden von der Definition in keinster Weise abgedeckt. Sprich die Zügelung der Staatsgewalt durch Gewaltenteilung und -verschränkung und die allgemeine Beschränkung der Staatsgewalt auf bestimmte Gegenstände. Die Idee der (materiellen) Rechtsstaatlichkeit wird insofern nicht abgedeckt, als dass die Autonomie der Gesellschaft bzw. ihrer Bürger, über die Gewährleistung politischer Rechte inhaltlich hinausgeht. Der Bürger wird vor Übergriffen des Staates etwa auch durch das (liberale) Recht auf Besitz, die Gewährleistung der Privatssphäre etc. geschützt.
Das die Gewährleistung politischer Rechte ein Mindestmass an Rechtsstaatlichkeit impliziert, ist sozusagen eine andere Frage.

@Lisa Rosa
Das dir das nicht gefällt, habe ich mir schon gedacht. Aber es ist ein empirisch - analytisches Demokratiemodell und kein normative Demokratietheorie. Ich bekomme das Gruseln bei Habermas. Wozu Zeit damit damit verschwenden, sich ausschweifend Gedanken über eine deliberative Demokratietheorie zu machen, wenn wir doch wissen, dass es keine machtfreien gesellschaftlichen Diskurse gibt.

Posted by: michael am 26.09.05 20:37

Ich habe gar nichts übrig für normative Theorie. Aber ein empirisch-analytisches Demokratiemodell müßte doch etwas mehr zu bieten haben als die Reduktion auf Beobachtung von Wahlen der Vertreter zu den im engeren Sinne politischen Institutionen und - fast noch wichtiger: als die Identifikation des Systems mit seiner Selbstaussage. Luhmann etwa - ganz gewiß kein Normativer - weist in seiner Demokratiedefinition daraufhin, daß die Vorstellung von einem “Volk” als Souverän und Letztinstanz die Komplexität von Systemen mitsamt ihren Kontingenzen völlig unterschätzt. Sie ist bloß ein symbolischer Code. Unter Demokratie versteht Luhmann “statt Selbstherrschaft des Volkes - als paradoxer Form herrenloser Herrschaft - (die) Spaltung der Spitze des politischen Systems in Regierung und Opposition”. An den Luhmannschen nichtnormativen Maßstäben gemessen, ist das, was ich hier von Dahl erfahre, nachgerade blauäugig naiv.

Posted by: Lisa Rosa am 26.09.05 21:34

Müsste sie das? Kann schon sein. Halte ich auch für gut begründbar. Jetzt kenne ich mich mit Systemtheoretikern nicht sonderlich gut aus. Mein Totschlagargument gegen die Luhmansche Definition wie Du sie hier vorträgst wäre, dass sich dieser Tage auch die autoritären Systeme gerne ein Opposition leisten und die Definition daher nicht sonderlich gut in der Lage ist Demokratie und andere Herschaftsformen zu scheiden. Zudem halte ich die Annahme, dass vertikale Herrschaftslegitimitation durch den Demos auf einen symolischen Code reduziert werden kann für sehr gewagt, wenn nicht schlichtweg falsch.

Dahl würde jetzt nicht bestreiten, dass Opposition zur Demokratie gehört, da es Möglichkeit zur Wahl und Abwahl der Amtsinhaber geben muss. Der zentrale Punkt ist aber, dass die Stärke der Definition darin liegt, dass sie eng ist. Es ist eine Minimaldefinition. Wenn man so will ein wissenschaftlicher Konsens hinter den man allein aus Gründen einer genetisch-systematischen Bestimmung der Demokratie kaum zurück kann. Sind diese Merkmale nicht hinreichend erfüllt, kann man nicht von Demokratie reden. Simple.

Demokratie ist im Sinne Dahls also lediglich ein Verfahren zur vertikalen Herrschaftslegitimation durch den Demos.
Eine Demokratiedefinition, die diesen Bestandteil leugnet (oder auf einen Code reduziert) verfehlt letztlich den Begriff. Möchte man einen solchen Punkt gerne klarmachen, sollte man eine andere Terminologie verwenden.
Und diejenigen, die Komponenten, die über die vertikale Herrschaftslegitimation hinaus gehen (und zweifelsohne Bestandteil des politischen Systems sind) in ihre Definitionen aufnehmen, laufen entsprechend Gefahr den Begriff zu überfrachten: Mit Rechtsstaat und Konstitutionalismus, Menschen- und Bürgerrechten, Politikmodus oder Interessensvermittlungssysteme und was einem sonst noch alles einfallen könnte, braucht man den Demokratiebegriff nicht unnötig belasten.

Posted by: michael am 26.09.05 22:40
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