13.09.05
Kirchhof I
Zwei Heidelberger Studenten ziehen aus, einen Heidelberger Professor zu hören - was könnte normaler sein.
Heute haben wir von Karl Lamers (CDU) gelernt, daß es diffamierend ist, von “dem Heidelberger Professor” zu sprechen, das kosende “unser Heidelberger Professor” dagegen angemessen. “Unser Heidelberger Professor” - Paul Kirchhof - sprach nun Heute in seiner Wahlheimatstadt Heidelberg, wo er nach eigenen Worten an der Universität für Gerechtigkeit(!) zuständig ist. Und ich muss sagen, der Mann kanns! Die Rede war rhetorisch ausgezeichnet, gespickt mit wohl aufgebauten Bonmots und inhaltlich verfolgbar. Sehr sehenswert der Armeinsatz zur Verdeutlichung von Gerechtigkeitsfragen: Paul Kirchhof als fleischgewordene Justitia. Schließlich zeugt eine Rededauer von 48 Minuten von gutem Timing, keine große Überraschung aber anerkennenswert.
Auch inhaltlich gab es keine Überraschungen: Vergünstigungen abbauen, dafür Steuern runter, alles einfacher, Familienarbeit als Leistung anerkennen et cetera. Die Argumentation war in sich stimmig, ob der Inhalt umsetzbar ist bzw. funktioniert bleibt natürlich Spekulation, entweder man glaubt seiner persönlichen Garantie oder man läßt es bleiben. Wie bei allen wirtschafts- bzw. finanzpolitischen Themen bringt ja ohnehin kaum jemand ausreichendes Wissen mit, um das einschätzen zu können. Was haben wir noch? Ah ja, was gab es gegen die Regierung zu sagen? Immer mal wieder erwähnen, daß die Regierung lügt, wenn sie den Mund aufmacht. Schröder verbreite bewußt Fehlinformation, denn “Herr Schröder ist Jurist, der weiß was er tut”. ( Ein Schelm, der über den Umkehrschluss nachdenkt). Zum Abschluss dann noch das Absingen der Nationalhymne, und aus.
Kirchof…ja… den hab ich mir in letzter Zeit öfter angehört, zwar nicht live aber in der Glotze. Was er sagt ist: verständlich, einleuchtend und nachvollziehbar. Wirkt so ehrlich wie unbeholfen - warum wird er nicht besser gestützt und geschützt? Ist er tatsächlich der “Joker” oder nur der Wegbereiter für die Rückkehr von Merz? Wie ist der Coup nun angelgt? Je länger man darüber nachdenkt, desto unklarer werden die Absichten - im Amt kann ich ihn mir nicht ernsthaft vorstellen, selbst wenn sie gewinnen sollten. Die drei Thesen, auf die er reduziert wird: Subventionen streichen, Steuern senken, Familien entlasten, sind jedem BWL-Erstie zuzutrauen und keinenfalls neu. Was in seinen Büchern steht weiss ich nicht - 500+ Seiten Steuertheorie kann und will ich mir nicht zumuten, aber revolutionär wird es nicht sein. Ich hoffe für ihn und seine Familie, daß er nicht noch weiter beschädigt aus der Sache herauskommt. Andererseits - es sind ja alles erwachsene Menschen…
Posted by: meantime am 14.09.05 11:17