8.09.05
Too close to call
Da bahnt sich ein wahltechnisches Debakel an. Wegen des Todes der NPD-Direktkandidatin für den Dresdner Wahlkreis I (Wahlkreis 160) müssen die 219.000 Wahlberechtigten dieses Bezirkes nachwählen. Diese Nachwahl wird frühestens eine Woche nach dem 18. September stattfinden und könnte bei einem knappen Wahlausgang am 18. die ausschlaggebenden Stimmen bringen. Abgegebene Briefwahl-Stimmen wurden bereits für ungültig erklärt. Vorteil für die Dresdner Wähler wäre, dass sie bei ihrer Wahl bereits das Ergebnis des restlichen Bundesgebiet kennen würden.
2002 hatten einige tausend Stimmen die Bundestagswahl entschieden. Ich sehe schon die Wahlkampftrosse der bundesdeutschen Politprominenz ab dem 18. September durch das belagerte Dresden ziehen. Am Ende könnte so also doch die NPD die Wahl entscheiden.
- Update -
Ich habe nun meinen Taschenrechner bemüht und muss feststellen, dass ein Wahlerdbeben durch die angekündigte Nachwahl im Dresdner Wahlbezirk I letztlich nur sehr bedingt zu erwarten steht. Einzig, wenn es im übrigen Land spitz auf Knopf kommt und ein oder zwei Stimmen im neuen Bundestag über die Regierungsmehrheit bestimmen sollten, steht der Sachsenmetropole eine wahlkämpfende Politikerflut ins Haus.
Bei den Bundestagswahlen verteilen sich 17 der 299 Wahlkreise auf den Freistaat Sachsen. Mit entsprechender Zweit-Stimmen-Gewichtung werden also 34 Personen in den Bundestag entsandt. Wenn nun außer im betroffenen Wahlkreis 160 im übrigen Land magere 55 Prozent der etwa 3,605 Millionen Wahlberechtigten Sachsen abstimmen würden, Wahlkreis 160 aber eine unwahrscheinliche Beteiligung von 95 Prozent unter den 129 000 Wählern aufbringen würde, so würden diese Stimmen etwa 6 Prozent der sächsischen Gesamtwahl ausmachen. Bei 34 zu entsendenden Abgeordneten wäre dies genau einer. Im Zweifelsfall würde bei knappem Wahlausgang im übrigen Bundesland nach Hare-Niemayer-Zählverfahren evtl. zu Gunsten weiterer wackeliger Kandidaten entschieden werden. Und wenn nun der CDU-Direktkandidat gewönne, was für die Unionsdirektkandidaten in Rest-Sachsen zu erwarten steht, so könnte er möglicherweise ein Überhangmandat erringen. Die CDU-Zweitstimmen im WK 160 verlören dann allerdings an Bedeutung. Die Nachwahl dürfte also bestenfalls über 2-3 strittige Abgeordnetenposten entscheiden, vorausgesetzt sämtliche aufgelisteten Fälle treten ein. Ziemlich viele unwahrscheinliche "wenns", wenn man mich fragt.
Für wahrscheinlicher halte ich es, dass nun erneut die Gerichte bemüht werden. "Too close to call" eben.
Man was werden sich die Dresdener heute gefreut haben, als sie erfahren dürften, dass sie noch eine bis sechs Wochen Wahlkampf vom feinsten serviert bekommen. Und sollte das Wahlergebnis tatsächlich derart knapp werden,...
Weblog: Bazblog am: 9.09.05 0:22
Nachwahlen in Dresden wegen des Todes der NPD-Kandidatin. Jetzt entscheiden vielleicht doch die Frustrierten den Wahlausgang... Mehr steht im küchenkabinett ...
Weblog: Existenzgründung in Deutschland:start-up-blog am: 9.09.05 9:06
Immerhin scheint eine Nachwahl ja ein probates Mittel zur Wahlmanipulation zu sein. Vielleicht kommen ja auch die anderen Parteien auf die Idee, eine Nachwahl anzustreben. Wir das mal ernsthaft durchgespielt.
Weblog: Helgoländer Vorbote am: 9.09.05 16:19
Landeswahlleiter und NPD sprechen vom ersten Oktobersonntag als Wahltag in Dresden. Sieht so aus, als würde das Elbflorenz für zwei Wochen zur politischen Hauptstadt Deutschlands.
Posted by: Terzinger am 8.09.05 14:45mir graut's vor dem nach-wahlkampf und den beschimpfungen, je nachdem, wer gewinnt, der wird das ergebnis als populistisch verfälscht anprangern.
Posted by: bembelkandidat am 8.09.05 15:01Der Grund dafür, dass am Wahltag keine Umfragen veröffentlicht werden dürfen, ist doch, dass dadurch der Wahlentscheid der Leute, die noch zur Wahl gehen, in nicht akzeptabler Weise beeinflusst werden könnte. Wenn jetzt die Wähler in Dresden das übrige Ergebnis bereits kennen und es sozusagen bewusst in der Hand hätten wer jetzt Kanzler wird und wer nicht, würde dort unter Voraussetzungen gewählt, die für den Rest der Nation nicht gegolten haben.
Das könnte letztlich Implikationen für die Gültigkeit der Wahl haben.
Klingt, als ob das noch richtig viel Spaß machen wird.
Posted by: TH am 8.09.05 15:44Hat es so einen Fall schon mal gegeben?
Posted by: lambach am 8.09.05 19:511961 und 1965 gab's das schon einmal. 1965 sogar in zwei Wahlkreisen. Es ist mir jedoch unbekannt, ob man damals mit der Bekanntgabe der Wahlergebnisse der übrigen Wahlkreise gewartet hat. Allerdings dürfte die Geheimhaltung da heute ungleich schwieriger sein. Zwei Wochen ohne Wahlergebnis - was eine Vorstellung!
Posted by: Stefan am 8.09.05 21:07Du meinst zwei Wochen länger ohne Wahlergebnis. Freu dich, denn das heißt zwei Wochen länger Hochkonjunktur im Küchenkabinett. :)
Im Ernst, auch wenn ich nicht glaube, dass es keine Veröffentlichungen von wahlergebnisähnlichen Hochrechnungen geben wird, wäre es für die Politik einer zukünftigen Regierung ziemlich egal, ob das Ergebnis zwei Wochen vorher oder nachher feststeht.
Grausam erscheint die Vorstellung nur, wenn man fiebernd das Spiel verfolgt und auf den erlösenden Schlusspfiff wartet. Dabei machen doch Verlängerung und Elfmeterschießen meist mehr Spaß. ;)
Posted by: Marcel am 9.09.05 14:06