02.09.05

Hickhack um Trittin

Gestern fiel ich fast vom Stuhl als ich einen Spiegel-Online-Artikel zu Trittins umstrittenen Äußerungen in der Frankfurter Rundschau zur Flutkatastrophe las. Der Umweltminister, der betitelt wird als „der Mann, der findet, dass wir alle zu viel Auto fahren, der unser Land mit Windmühlen übersät und mit dem Dosenpfand gesegnet hat“, muss sich dort den Vorwurf gefallen lassen, die US-Klimapolitik zu einer Unzeit zu kritisieren „wo im Süden der USA die Leichen noch nicht gezählt sind“, wofür „kein Buchstabe des Bedauerns“ bei Trittin zu finden sei. Eine weitere Anklage an rot-grün lautet dort: „Keine finanziellen Hilfszusagen, null Sofortmaßnahmen“, obwohl der Autor Claus C. Mahlzahn einräumt:
Tatsächlich kann die deutsche Helferarmee, gestählt in Einsätzen vom Kosovo bis nach Afghanistan, diesmal zu Hause bleiben, weil die US-Behörden die Lage im Griff haben, so gut es eben geht.
Vollends fiel mir aber die Kinnlade herunter als ich am Ende der Polemik vier Artikel der englischen Spiegel - Ausgabe mit gleichem polemischen Tenor fand. Doch der forcierte transatlantische Skandal um die „hämische Grundhaltung“ der vermeintlichen Anti-Amerikanisten blieb nicht ohne Antwort. Jörg-Olaf Schäfers rollte das Ganze für einen bemerkenswerten Lautgeben-Beitrag auf und recherchierte zum FR-Artikel:
Die Online-Version des Artikels ging am Montag gegen 17:20 Uhr online. Als Trittin seinen Artikel schrieb/autorisierte, gab es also noch keine ungezählten Leichen, die er bedauern, keine Hilfe, die er anbieten konnte. Das scheint bei Spiegel Online aber niemanden zu interessieren.
Stattdessen heißt es:
Englischsprachige Leser dürfen sich über die “brain damaged” germans mokieren. Vielen Dank.
Die Beweggründe für das Aufbauschen dieser Geschichte werden nun breit und ausgiebig diskutiert. Währenddessen tragen die wohl platzierten Artikel in Wahlkampfzeiten erste Früchte.
Otto Graf Lambsdorff, der mit dem Stock, fordert nun Trittins Rücktritt. Das erinnert allzu sehr an 2002 als Däubler-Gmelin wegen eines Hinterzimmer-Kommentars zurücktreten musste. Damals hatte sie vor Gewerkschaftlern erklärt, dass sich Kriegspolitik dazu eigne von innenpolitischen Problemen abzulenken. Eine solche von Bush betriebene Politik hätte auch Hitler genützt.
Zum großen Skandal wurde die Geschichte als Westerwelle, der selbst wegen des berüchtigten Möllemann-Flugblattes in der Kritik stand und tagelang für kein Statement zu erreichen war, öffentlich den Rücktritt der Justizministerin verlangte. Dies als – durchaus zulässiges – wahltaktisches Manöver zu entlarven, gedacht dazu vom eigenen brennenden Haus abzulenken, entging damals den Medien.
Heute nun steht Trittin im Kreuzfeuer und es steht zu erwarten, dass die Stimmen bei FDP und Union lauter werden, Trittin „rauszuschmeißen“. Ich bin gespannt ob diese Forderung einmal mehr unbeleuchtet von den zunehmend verkürzenden, konventionellen Medien in die Haushalte getragen wird und ob der Vorwurf des plumpen wahltaktischen Lavierens allein an Trittin hängen bleibt.
Eine hübsche Unterstreichung des wahltaktischen Motivs hinter der Lambsdorff-Forderung bietet pikanterweise ausgerechnet seine Parteifreundin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger an. Gewohnt unabhängig forderte sie nämlich gestern in ihrem Blog:
Der Klimaschutz, das zeigen uns die erschreckenden Bilder aus dem Süden der USA täglich, bleibt auf der nationalen und internationalen Agenda das Problem Nummer eins. […] Eine neue Bundesregierung muss daher alles unternehmen, um den Kyoto-Klimaschutzprozess voranzutreiben und die USA, Indien und China einzubeziehen. Europa muss dazu die Vorreiterrolle übernehmen.
Auch aus diesem Beitrag wird C. Mahlzahn kein Beileidsschreiben lesen können. Deshalb nun der Dame Antiamerikanismus vorzuwerfen wäre schlichtweg absurd! Auch habe ich nicht davon gehört, dass nun parteiintern ihr Rücktritt aus dem FDP-Kompetenzteam gefordert worden wäre.
Tiefer hängen und Köpfchen einschalten scheint aber nicht jedermanns Devise zu sein! Verfasst von Stefan am 02.09.05 18:40
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Kommentare

Im Gegensatz zu Trittin spricht Frau Schnarrenberger aber auch nicht vom “Hauptquartier der Klimaverschmutzer”, verlangt nicht, dass dort “endlich Vernunft einkehre”, sondern weist nur ruhig und sachlich auf die Notwendigkeit hin, weiter an der Umsetzung des Kyoto-Protokolls zu arbeiten und dabei auch die USA einzubeziehen. Könnte der Unterschied nicht vielleicht doch eher im Ausdruck als in der Rezeption liegen?

Posted by: Karsten Dürotin am 02.09.05 20:20

Düsterloh, was Sie da schämig mit “Rezeption” umschreiben, ist eine gezielte Kampagne, auf die Typen wie Sie natürlich sofort aufspringen.

Peinlich ist einzig Ihre “moderate” Maske, die sie mit jedem Kommentar Lügen strafen.

Posted by: Felix Deutsch am 02.09.05 20:45

Naja. Die Unterschied liegen wohl hauptsächlich darin, dass die Frau mit dem langatmigen Namen weder auf die Idee kommt das Statement für Bush-Bashing zu nutzen noch eine Bundesministerin ist. Es ist zwar nicht die feine Art vom Spiegel, aber völlig legitim das alles aufzubauschen. Ob auf so eine Mediengeschichte eine Entlassung folgt scheint mir eher eine Frage der Qualität des Ministers zu sein. Die Gmelin Geschichte war ein guter Anlass, sie nicht ins neue Kabinett zu nehmen. Der Grund war wohl eher, dass sie eine schlechte Justizministerin war und ihre wesentliche Kompetenz darin bestand, Rechtssicherheit abzubauen. Es war auch ein guter Anlass Scharping zu entlassen, als die Photos geschossen wurden. Grund war, dass er ein schlechter Verteidigungsminister war. Hätte die Regierung das gewollt, hätte sie sich auch hinstellen können und klar machen, dass auch ein Politiker Recht auf Freizeit hat und im Falle der Notwendigkeit überraschend schneller Rückreise nur ein Bundeswehrflugzeug in Frage kam. Bei Trittin ist das aber alles wurscht. Der ist in drei Wochen eh' nicht mehr in der Regierung.

Letztlich muss man sich um sowas nicht allzusehr sorgen. Da findet Medienmacht auch ihre Grenzen. Umgekehrt würden die Leute auch meckern, wenn die Medien sich vornehm zurückhalten würden.

Posted by: michael am 02.09.05 20:57

Ach, eine Entlassung wäre ja wohl auch etwas übertrieben - da sollte man schon einen besseren Anlass wählen, wenn man ihn denn loswerden möchte. Trittin macht ja regelmäßig solche Sprüche. Trotzdem sollte man aber auch gezielt auf so etwas hinweisen, damit es nicht einfach durchgeht.
@Felix: Lernen Sie, sich in öffentlichen Diskussionen zu benehmen. Dann werde ich Sie auch wieder wahrnehmen.

Posted by: Karsten Dürotin am 02.09.05 21:29

Um die Aufmerksamkeit nochmal auf den Spiegel zu lenken: der Spiegel insgesamt scheint so seine persönliche Rechnung mit Jürgen Trittin begleichen zu wollen. Ich war selbst langjähriger Spiegel-Leser und schätze zumeist die Qualität der Artikel, zum Thema Windkraft allerdings konnte man seit einiger Zeit keine ausgewogene Berichterstattung mehr erwarten, sondern lediglich pure Stimmungsmache gegen die 'Verspargelung' und das subventionswütige Umweltministerium.
Claus Christian Malzahn hebt sich besonders mit extrem kritischen (dagegen ist noch nichts zu sagen), zum Teil jedoch geifernden und, wie wir hier sehen, faktisch falschen Aussagen gegen die aktuelle Regierung hervor. Von der kann man wiederum halten, was man will, wie nicht zuletzt die Kommentare hier beweisen, der Spiegel hat hier jedoch weiter zur Demontage des eigenen Ansehens beigetragen.

Posted by: lambach am 03.09.05 10:46

Zur Allgemeinen Beruhigung:
Ich habe gestern einem amerikanischen Studienkollegen hier erzählt, dass ich fürchte, dass die USA uns bald mal wieder bombardieren werden und er meinte, wenn das stimmt, dann gibt er mir nen Kaffee aus. Is doch was. Hier scheint nebenbei ungefähr niemand, ich wiederhole NIEMAND mitbekommen zu haben, was Trittin angeblich geschrieben hat. Und ich befinde mich hier immerhin an einer sehr liberalen und wohlinformierten Neuengland-Hochschule. Das dazu. Wenn die Bomber starten und ich meinen Kaffee schlürfe, werde ich euch aber eine kurze Warnung zubloggen. Derweil freue ich mich auf den Besuch von Hu Jintao. Der wird hier groß eingeladen und darf ne Rede halten. Und das obwohl er den USA bestimmt nichts Gutes wünscht, mal Hand aufs Herz ;-)

Posted by: Philip am 03.09.05 22:54
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