19.08.05
Weltjugendtag
Heute endlich hat es aufgehört zu gruseln. Ich habe nachgedacht, über Christian Kracht, dessen Berliner Wohnung wahrscheinlich immer noch von Stuckrad-Barre, diesem Worteschänder, verwüstet wird. Über QRT, verstorbener Berliner Junkie, der mal einen sehr klugen Artikel über Techno schrieb. Über das Mädchen, dass dazu tanzt, irgendwo auf diesem Weltjugentag, während die Bravo Papstposter absondert und eine Benedikt-Umfrage startet, die gleich neben dem Pickel am Gemächt Artikel zu finden ist, und bei E-Bay David Beckham Rosenkränze ersteigert werden können. Und dann war das Gruseln weg und es hat sich gut und sehr real angefühlt.

Ich stelle mir also Christian Kracht vor, der irgendwo in Südostasien vor einem Fernseher sitzt, Deutsche Welt sieht, und schon wieder anfängt zu weinen, weil es das Schönste ist, was seine Augen jemals geschaut haben. Vielleicht würde er es gerne live erschauen dürfen, weil dort in Köln für ein paar Tage eine Sehnsucht erfüllt wird, nach der er selbst in seinem jüngsten Buch nicht lauter hätte schreien können.
Zurück zu diesem Mädchen, dass freilich hypothetisch ist, und auch nur ein Mädchen, weil es meiner Vorstellungskraft zuträglich sein mag. Dieses Mädchen tanzt zu 120 DB brechend-lautem Breakbeat. Sie macht das schon seit Jahren, manchmal hilft das E das tribale, gleichgerichtete Erlebnis zu verstärken, dass sich im wesentlichen durch die stete Neuanordnung gleichermaßen inhaltsleerer akustischer Information auszeichnet und gerade dadurch zu einem post-industriellen kollektiven Ritual gerät.

Anders ist, dass es diese Tage nicht die Abwesenheit von Inhalt ist, die das Kollektiv erschafft, sondern ein gemeinsamer Inhalt generiert wird durch das Vorhandensein einer sinnstiftenden Autorität, von der inmitten des gewohnten Lärms gleichermaßen eine in jüngeren Jahren nie gekannte Stille ausgeht.
Als sie anfängt zu tanzen, rasen an dem Mädchen noch einmal die alljährlich wechselnden Götzen der letzten Jahre vorbei, die ihr gesagt haben, was sie trägt, wie sie redet, wie sie geht. Und dann tanzt sie vor Gott und (der flüchtigen Illusion) der Permanenz, nicht ahnend, dass sie nur einer weiteren Götze aufsitzt, die man ihr in diesem Sommer gönnerhaft geschenkt hat.
Man hat für sie den Tod des Papstes inszeniert und ihn in einem Medienfeuer zur Pop-Ikone mystifiziert. Und jetzt steht sie vor dem neuen Stellvertreter Gottes auf Erden, der gleichermassen den mystifizierten charismatischen Status seines Vorgängers geerbt hat, und darf sich für ein paar Tage in einem Raum aufhalten, der bereichert um einen Sinn dem Technoschuppen der letzten Jahre durch die Gemeinsamkeit seiner Kritikfreiheit, der eigentlichen Stille, gleicht.

Ich kann mich nicht daran erinnern, wann zuletzt ein Event dieser Größenordnung in derart kritikfreiem Raum stattfinden durfte. Vielleicht liegt es daran, dass eine Ikone erst gemalt werden muss, bevor sie gestürmt werden kann. Die Berufs-Zweifler üben sich in generösem Schweigen, wo man doch sonst nicht schnell genug sein kann, etwa an Politik oder katholischer Kirche kleinzuhacken, was kleingehackt werden kann. Aber man schweigt lieber und erlaubt es dem Mädchen zu tanzen. Die Medien voran, die wohlwollend dafür Sorge tragen, dass keine Worte von Emanzen über Frauenrechte durchdringen, für die das Jahr der neuen Weiblichkeit so oder so ein verlorenes Jahr ist. Kein Wort über Homosexualität, halb Kölln zieht es vor, Teil dieses Events zu sein. Die Schwulen grüßen den Papst.
Und das Mädchen tanzt in dem Gefühl, dass ihr inhaltsleerer Raum ersetzt worden ist. Dass ihr lauter Kracht'scher Schrei nach Autorität erhört worden ist, von einer Instanz, die frei davon ist angegriffen zu werden. Und mit ein bisschen Glück ahnt sie heute, morgen und in den kommenden Wochen noch nicht, dass der Moment kommen wird, an dem Leute ein sehr ersthaftes Interesse daran entwickeln werden, ihr diesen Raum zu nehmen, um ihr im Anschluß eine neue, bessere Götze auf Zeit schenken zu können.
Es ist ein Happening von kaum zu überschätzender Qualität und deshalb hat auch das Gruseln aufgehört und ist dem latenten Wunsch gewichen, Teil davon zu sein. Aber es ist bloß ein Happening. Ein pop-kulturelles Event kurzer Halbwertszeit. In sechs Monaten sind die Papstposter aus den Kinderzimmern verschwunden und wir können uns schon darauf freuen zu erfahren, wer dort künftig hängt.
Verfasst von Michael am 19.08.05 23:27
kuechenkabinett: weltjugendtag
lesenswert! dafür den eben eingeführten blogbembel...Weblog: bembelkandidat aus mainhatten am: 20.08.05 22:50
Das waren sie - die papalen Tage. Medienereignis Nummer 1 auf allen Kanälen, der Papst hier und dort, von oben, von unten und aus der Nähe. Tempi passati! Zum Thema passend Ausgewählt Aus externen Quellen ha- ben wir für neb...
Weblog: Meinung am: 21.08.05 21:06
treffend und anschaulich beschrieben, wie das event konsumiert wird.
warum die zurückhaltung? wundert mich auch, weil der neue aus toitschland kommt und noch so neu ist?
ärgerlich ist die tv-gleichschaltung für ein vergleichsweise wenig bedeutendes ereignis.
WOW!
Posted by: TH am 20.08.05 07:48Tolle Darstellung der grassierenden Papamania!
Tatsächlich steht die große Masse der deutschen Jugendlichen Joseph Ratzinger mehr als kritisch gegenüber, doch Medienhype und Gruppendynamik erschaffen einen Be-ne-detto Superstar. Der Gerühmte selbst wirkt ob der Huldigungen noch recht ungelenk, wie SpOn zu seiner Ankunft schrieb: “Als wieder einmal die rhythmischen Benedetto-Rufe einsetzten, rutschte ihm der Satz heraus: 'Das werden wir jetzt noch oft hören, nicht wahr?' Dabei entwischte ihm auch ein leises, leicht abfälliges Lachen, das verriet: Die jugendliche Begeisterung ist ihm eigentlich unangenehm.”
Kritikwürdig ist jedoch vor allem das weitverbreitete, kritiklose Schweigen während der Papstspiele. Säkulare Medien werden plötzlich zu handzahmen Hofberichterstattern. Schön, wenn so viele junge Menschen aus aller Welt friedlich zusammentreffen, doch hat man Ratzinger nicht noch vor Monaten mit äußerster Distanz kommentiert?
“Die Schwulen grüßen den Papst.” Nun gut es gibt schwul-lesbische “Special-Partys” anlässlich des Weltjugendtages. Sie sind jedoch mehr dem Andrang auch homosexueller Katholiken in Köln zu verdanken als einer plötzlichen Kirchennähe der von der Amtskirche verhämten schwul-lesbischen Szene. Doch Kritik geht auch hier unter. Als vorgestern das Papamobil durchs rappelvolle Köln fuhr, passierte es auch einen großen, unübersehbaren Regenbogenfahnenschwingenden Homoblock. Der Weltjugendtagssender WDR zeigte indes in der Vorbeifahrt ganz andere Bilder, wie das schwule Onlinemagazin “Queer” berichtete. Nach dem Extremzoom auf den Papst wurden jubelnde Menschen aus einer anderen Ecke dazwischengeschnitten. Mit journalistischer Sorgfaltspflicht und Pluralismus hat dies nicht mehr viel zu tun. Doch offenbar hat der Vatikan bei der Berichterstattung mehr mitzureden als es allgemein bekannt ist. Aber wer fragt auch heute danach…