05.08.05
Das muss man doch mal sagen dürfen
Wenn es ein Argument im politischen Diskurs gibt, das ich am liebsten für immer verbannen dürfte, dann dieses: Das muss man doch mal sagen dürfen. Diese verfolgte Unschuld, dieser Gestus des aufrechten Kämpfers gegen den verkommenen Zeitgeist. Eklig. Besonders gern bei Populisten zu finden, die damit angeblich zur Sprache bringen, was jeder denkt, aber sich nicht auszusprechen traut. (Wieso eigentlich nicht, wo es doch jeder denkt?)
Lange Zeit waren in Deutschland derartige Argumente ausschließlich auf der Rechten angesiedelt, insbesondere im Dunstkreis der rückwärtsgewandten Rechtsaußen. Der letzte, der dieses Spiel betrieb, war Jürgen Möllemann, der auf diese Weise seinen Antisemitismus zum Wahlkampfschlager machen wollte. Jedoch gibt es inzwischen ja Oskar Lafontaine. Somit wäre die Chancengleichheit in der diskursiven Übertreibung wiederhergestellt.
Jüngster Fall ist Jörg Schönbohm, der den neunfachen Kindesmord einer offensichtlich psychisch stark gestörten Mutter im Land Brandenburg mit der 'Proletarisierung' und den verkommenen Sitten seiner ostdeutschen Landeskinder in Verbindung brachte. Diese Aussage ist wiederum so weit daneben gegriffen, dass eigentlich die üblichen Mechanismen des Zurückruderns greifen sollten, was sie denn auch taten: zuerst Dresche aus der Opposition, spitzfindige Erklärungsversuche, dann auch Kritik der eigenen Parteispitze, schließlich die Entschuldigung. Und damit ist gut. Oder?
Die Rheinische Post hat einen Kommentar zu dem ganzen Sturm im Wasserglas veröffentlicht (leider nicht online erhältlich), in dem lauthals das Zum-Schweigen-Bringen eines kritischen Antikommunisten beklagt wird. Kaum zu glauben, aber sie meinen tatsächlich Schönbohm. Eine Allianz der Political Correctness würge diese wichtige und richtige Debatte ab, zu was diese verwahrlosten Ossis alles fähig seien. Aber es sei ja nicht mal ihre Schuld: nach 12 Jahren brauner und 44 Jahren roter Diktatur (nicht zu vergessen 15 Jahren Bundesrepublik) könnten die ja gar nicht anders als ihre Kinder zu töten und im Garten zu verbuddeln. Und das muss man ja auch mal sagen dürfen!
Liebe Rheinische Post: dürfen darf man das schon. Selbst angesehene Zeitungen dürfen das. Sollten jedoch Personen, die so etwas tun, als Minister über ebendiese Menschen herrschen, die man derart herzlos als moralischen Abschaum deklassiert hat? Ich denke nicht. Als Zeitungsredakteur hat man's da einfacher.
Ich frage mich immer, wie solchen Leute wie dem Schönbohm, der ein halbes Leben in der Politik ist, sich solche Dinger einfallen lässt. War da gerade der Redenschreiber und PR-Berater krank und er hatte keine Vorsager, oder was?
Ich schlage vor das Schönbohm-Argument künftig juristisch zu verwerten und künftig ältere Ostdeutsche Bürger mit dem Verweis auf eine DDR-Sozialisation nicht mehr für Untaten zu bestrafen, sondern zu 80 Stunden Demokratieerziehung zu verdammen. Wir könnten mal wieder anfangen den Rührbesen des Monats zu verteilen, scheint es.
Posted by: michael am 05.08.05 11:18
Und weiter geht der Reigen: Claus Christian Malzahn, immerhin Redakteur des sonst dem Denkens nicht völlig abgeneigten SPIEGEL, würdigt Schönbohm Aussage als politisch unkorrekt aber absolut notwendig. Der arme Minister werde von den Mehrheitsossis der PDS ruhig gestellt, obwohl er eine wichtige Debatte über die Natur der DDR anstoßen wollte.
http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,368493,00.html
So in der Art hatte ich das jetzt nicht verstanden. Aber gut, Herr Malzahn, reden wir über den Zustand einer Gesellschaft, in der eine Frau ihre neun Kinder tötet. Und in der anscheinend mehrere Kinder über Jahre hinweg im Hinterzimmer einer Kneipe vergewaltigt wurden. Und und und…
Warum der nur der Osten, Herr Malzahn? In der Frage der Grausamkeiten, die Menschen anderen Menschen antun, sind wir längst ein einig Land von Mördern.