21.06.05

Gezielte Indiskretion

Ungewohnt offen spricht die Süddeutsche in einer Bilanzierung der bisherigen Amtszeit Horst Köhlers beinahe nebenbei die übliche Praxis der Hinterzimmer-Kommunikation zwischen politischer Elite und der „Journaille“ an.

So wird der Sprecher des Bundespräsidenten Martin Kothé in dem Artikel damit in Verbindung gebracht, dass mögliche „Erpressungspotential“ durch die eigenen Reihen als tatsächlichem Grund der Vertrauensfrage an die Medien lanciert zu haben – eigentlich Inhalt eines vertraulichen Gespräches des Kanzlers mit dem Präsidenten.
Heikel wird der Vorwurf der Indiskretion an das Bundespräsidialamt, der zu schweren Verwerfungen von Teilen einer darüber zerstrittenen SPD und dem BP führte, durch den Hintergrund Kothés. Der vom Fachmagazin pressesprecher als eine Person, die „nicht im Vordergrund stehen“ würde, beschriebene Kothé wechselte nämlich direkt vom Amt des FDP-Parteisprechers zu Köhler und wird nun verdächtigt als „Maulwurf“ aus seinem Umfeld heraus Politik zu betreiben.
Dazu bemerkte Müntefering nun süffisant auf Anfragen nach dem Inhalt seines heutigen Gesprächs mit Köhler, über das Stillschweigen vereinbart wurde, dass man von ihm nichts erfahren werde, da er ja nicht der Sprecher des Bundespräsidenten sei.
Damit bleibt der SPD-Vorsitzende dennoch vage, weiss er doch selbst, dass mit politischen Ämtern immer auch das direkte Umfeld besetzt wird.

Problematisch ist diese Konstellation jedoch aus einem anderen Grund, da sie auf einen schwerwiegenderen Zusammenhang hinweist. Das Problem journalistischer Berufsblindheit:
Die Medien leben von Hintergrundgesprächen mit den Politprofis und von deren gezielten Indiskretionen, die einen Vorteil im Kampf um die Top-News versprechen. Politakteure andererseits benötigen die Journalisten um über sie ihre Informationen zu streuen, zu steuern um darüber ihre Interessen zu verfolgen. Diese symbiotische Beziehung beruht auf Verschwiegenheit. Natürlich beißt man nicht die Hand, die einen auch künftig mit exklusiven Informationen füttern soll. Diese Abhängigkeit bringt jedoch die Gefahr mit sich, dass in der schnellen Medienwelt journalistische Sorgfaltspflicht verletzt wird und das Risiko besteht, sich allzu leicht vor den Wagen des Informationsgebers aus „eingeweihten Kreisen“ oder „aus nächster Nähe“ spannen zu lassen.
Der Bürger kann im Wahlkampf freilich kaum erkennen durch wessen Initiative eine Nachricht zur Nachricht wird. Darum ist es essentiell die Motivation zu hinterfragen, die eine Informationsquelle zur Äußerung bewegt. Leider kommt diese Distanz immer mehr und besonders in Wahlkampfzeiten zu kurz. Also kritisch bleiben!

Verfasst von Stefan am 21.06.05 17:38
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