24.05.05

Die nächste Regierung

Ab dem Herbst werden wir eine schwarz-gelbe Regierung haben. Diese Regierung wird über eine beträchtliche Mehrheit auch im Bundesrat verfügen und auf absehbare Zeit sehr kraftvoll agieren können.

Was ist von dieser Regierung zu erwarten?

  • Ein Abschluss der Föderalismusdebatte: Jetzt wo die Union da mit sich selber verhandelt, wird sie sich hoffentlich einig werden. Leider werden dabei auf Druck der in der Kanzlerfrage übergangenen und daher immer noch grollenden Ministerpräsidenten Stoiber, Koch und Wulff riesige Zugeständnisse an die Länder verteilt. Dies führt zu einer strukturell immer weniger handlungsfähigen Politik und einer Bildungskleinstaaterei, die uns in den folgenden Jahrzehnten wenig Freude bereiten wird. Positiv: durch eine Reform der Staatsfinanzen werden die chronisch unterfinanzierten Länder wieder solventer.
  • Eine Reform der Arbeitsmarkt- und Wirtschaftspolitik: Senkung der Körperschaftssteuer auf 22%, Streichung von steuerfreien Schichtzuschlägen sowie der Förderung regenerativer Energien. Die FDP fordert ein Ende der Ökosteuer, aber nach dem Kassensturz möchte der Finanzminister nicht auf die Einnahmen verzichten. Die meisten Steuerprivilegien und Subventionen bleiben unangetastet, es sind aber andere als es die Rot-Grün gerne gehabt hätte (Eigenheimzulage, Pendlerpauschale).
  • Arbeitsmarktpolitisch ein paar Lockerungen des Kündigungsschutzes, Zusammenstreichen der Betriebsräte und mehr gesetzlich abgesicherte Öffnungsmöglichkeiten der Tarifparteien zur weiteren Schwächung der Gewerkschaften.
  • In der Außenpolitik allenfalls stilistische Änderungen in Richtung einer unkritischeren rhetorischen Unterstützung der US-Regierung, ohne dass sich dadurch faktisch etwas ändert. Deutsche Soldaten im Irak? Unwahrscheinlich. Der Sitz im UN-Sicherheitsrat wird nicht mehr derart forsch verfolgt, es sei denn, Volker Rühe wird Außenminister. Von einer Erhöhung der Entwicklungshilfe keine Rede mehr.
  • Studiengebühren.
  • Eine Wende der Energiepolitik weg von der Förderung von Windkraft hin zu einem Ausstieg aus dem Atomkonsens. Aber ob die Stromriesen dann auch AKWs bauen werden, ist eine andere Frage.
  • Und zuletzt und etwas überraschend: eine Liberalisierung des Ausländerrechts. Genauso wie nur die SPD eine Reform der Sozialsysteme angehen konnte (was sie schließlich die Wahl in NRW gekostet hat und die Wahl im Bund kosten wird), kann nur die Union eine Politik für mehr und für sinnvolle Zuwanderung durchsetzen.

Wird Deutschland damit aus der Stagnation erwachen? Werden neue Arbeitsplätze entstehen? Ich habe so meine Zweifel. Die Deutschen sagen zwar gerne, dass sie für Reformen sind, bestrafen aber diejenigen, die sie durchführen. (Aber auch deswegen, weil sie sie schlecht durchführen.) Ich glaube nicht daran, dass man die Menschen nur 'mitnehmen' braucht und alles eine Frage der guten Kommunikation ist. Stattdessen wird die Unions-Regierung vieles anders, aber wenig besser machen. Das Volk bekommt die Regierung, die es verdient.

Verfasst von lambach am 24.05.05 13:37
Trackback-URL: http://blogs.grendel.at/mt33/mt-tb.cgi/362
Trackbacks
Kommentare

Warum ist sich jeder so sicher, daß es schwarz-gelb wird? Nur so als - inzwischen - Fremder gefragt.

Posted by: TH am 24.05.05 18:22

Weil die Alternativen sehr unwahrscheinlich aussehen: für eine Neuauflage von Rot-Grün würde es nicht mal reichen, wenn, wie ein Kommentator sagte, ganz Sachsen überflutet wäre und amerikanische Truppen Teheran bombardieren und eine große Koalition will auch keiner der politischen Akteure.

Posted by: lambach am 24.05.05 18:40

Für mich als alter Tech-Fanatic ist die Frage noch spannend, wie wird die Forschung weiter gehen. Wird sich der kleine gelbe Freund für die Stammzellenforschung stark machen? Oder wird christlich fundamentalistische Ethik die Wissenschaft einschränken?

Posted by: Alex am 25.05.05 08:30

Weil man, bevor man herumreformiert, dem Patienten erst mal diagnostizieren müsste. Keine Regierung hat das bis jetzt richtig gemacht, die CDU/CSU ist da keine Ausnahme.

Das Problem der bundesdeutschen Wirtschaft sind keinesfalls zu hoeh Steuern. Die sind wettbewerbsfähig. Es sind die sozialen Sicherungssysteme, die einseitig den in Vollzeit abhängig Beschäftigten aufgebürdet werden, wie Peter Bofinger in seinem letzten Buch ausgeführt hat.

Hauptsächlich ist das Problem aber eine krankende Binnennachfrage. Die ist auf die Verunsicherung der Marktteilnehmer zurückzuführen. Ob da Lockerung des Kündigungsschutzes, die Kürzung von Krankengeldern und die Verlängerung der Probearbeitszeit wirklich die Signale senden, die die Binnennachfrage für nötig halt, ist anzuzweifeln.

Posted by: denkpass am 26.05.05 11:26
Kommentar verfassen









Persönliche Informationen speichern?






Kurzmeldungen

Linke vor SPD

Forsa übertreibt bei der Linken wie immer ein wenig. Aber dennoch.

03.09.08 18:40

Große Koalition gescheitert

Die Hängepartie in Wien ist vorerst vorbei. Die ÖVP kündigt die Regierung mit der SPÖ. Die geschwächte SPÖ war zuletzt in internen Führungs- und Richtungsstreitereien verfangen.

07.07.08 12:39

Bei Tibet büßt SPD Menschenrechtsbonus ein

Der Besuch des Dalai Lamas vergrößert die Zweifel an der Menschenrechtspolitik der SPD. Sie droht ein großes (außen)politisches Pfund zu verlieren - ausgerechnet an die CDU.

15.05.08 23:59

Medienmeute mit Ironieproblem

Stars foppen Paparazzi mit geschauspieltern Skandalen - und die Presse fällt darauf herein. Die Versteckte Kamera wird umgedreht.

12.03.08 09:03

Etwas weniger Belgien?

Als Spätfolge des Versailler Vertrages droht Belgien einige Quadratkilometer Land an Deutschland zu verlieren...

10.01.08 10:13

Lakota Sezession

Die Lakota-Sioux haben alle Verträge mit den USA gelöst und sich für unabhängig erklärt. Klingt nach interessanten Zeiten in den USA, wenn sie's ernst meinen.

21.12.07 16:32

Der Count-Down läuft

Jungle World kritisch zum venezolanischen Verfassungsreferendum am 2. Dezember. Über "Verräter", "Staatspolizei" und "Staatsstreich gegen die Verfassung"...

29.11.07 13:51

Joachim Bublath

...ist mein Held.

31.10.07 14:55

"Diese Reform wird mit den letzten Resten der liberal-demokratischen Republik Schluss machen."

Der venezolanische Ex-Guerrillero und Ex-Minister Teodoro Petkoff im Interview mit dem Standard über Chávez, die geplante Verfassungsreform und die Opposition.

25.10.07 17:53

Päpstlicher Feispruch für Tempelritter

Ein neues Vatikan-Buch belegt, dass die einst mächtigen Templer, die im Spätmittelalter einem Verbotsurteil zum Opfer fielen, schliesslich doch vom Papst der Ketzerei frei gesprochen wurden. Neue Erkenntnisse zu einem 700 Jahre zurückliegenden Machtkampf...

07.10.07 13:34