13.04.05
Sie da! Sie sind entlassen.
Horst Köhler hats noch nicht unterschrieben, das Entlassungsgesuch, das Joschka Fischer ihm für den Schweitzer Botschafter Frank Elbe auf den Schreibtisch hat legen lassen. Das wird er aber tun, denn so eine Unterschrift ist eine formale, keine materielle Frage. Zumindest so die Praxis in Deutschland, auch wenn unser Grundgesetz dazu nicht viel sagt.
Das war aber auch dumm vom Elbe, allseits in viel politisch korrekterem deutsch verlauten zu lassen, dass er Fischer für ein Arschloch hält, weil er einstigen NSDAP-Mitgliedern den Nachruf verwährt. Wie es weiterging ist ja allseits bekannt. Fischer wurde zickig und hat verordnet, dass es dann halt gar keine Nachrufe - ausser Todesmeldungen mit Lebenslauf - mehr geben würde. Elbe hat dann noch mal nachgelegt und Fischer wiederum in politisch korrektem deutsch (miserables Krisenmanagment, Spaltung des Auswärtigen Amtes) ein weiteres mal als Arschloch bezeichnet. Und dafür wird er jetzt entlassen.
Zeit meiner seit Jahrzehnten ansteigenden Antipathie gegenüber dem deutsch-staatlichen Umgang mit unserer jüngeren Vergangenheit Luft zu machen. (Besonders guter Zeitpunkt, da Stefan gerade nicht da ist.)
Ehemalige NSDAP Mitglieder einstellen - das kann das Auswärtige Amt. Sie (und das auch noch nach ihrem Tod) wie alle anderen Mitarbeiter behandeln - das kann das Auswärtige Amt unter Fischer wohl nicht.
Also doch. Deswegen jetzt gar keine Nachrufe mehr.
Da wächst sofort meine Sympathie für die CDU/FDP mit der ich ausnahmsweise mal gemeinsam das Kotzen gekriegt habe. Und weil sich da mal einer hinstellt und anmahnt, dass man langjährigen Mitarbeitern - gleich welcher Vergangenheit - die letzte Ehre schuldig ist…so was ist hier zu Lande natürlich der perfekte Entlassungsgrund.
Welchen Ausmaßes die Bigotterie dabei ist kann man sich besonders schön vor Augen führen, wenn man bedenkt, wer hier wen entlässt, bzw. besser, wer hier der Auffassung ist, dass persönliche Vergangenheit tendenziell unentschuldbar sei. Das ist keiner, der noch allzugern auf seine eigene Vergangenheit angesprochen wird. Wie war das mit Molotow-Cocktails und mutmaßlicherweise selbst einige Jahre außerhalb des Gesetzes gestanden, Herr Fischer?
Da halte ich es auch für eine ganz seltsame Bemühung in dieser Angelegenheit nach Legitimität zu heischen, indem man eine unabhängige Historiker-Kommission einsetzt. (Zumal sich unabhängig und staatliche Kommission eh' immer beißen.) Zweckmäßigerweise ist die Einsetzung einer solchen Kommission eher darauf gerichtet, von der eigentlichen Frage über den Umgang mit seinen Mitarbeitern wegzukkommen. Die Rolle des AA während der NS Diktatur hat schließlich herzlich wenig mit der Frage zu tun, wer hier einen Nachruf bekommt sollte und wer nicht (die von Fischer natürlich mit KEINER! längst, um größeren Schaden zu vermeiden, in eher behelfsmäßiger Form beantwortet wurde).
UPDATE ZU DIESEM EINTRAG:
Ich möchte noch einmal klarstellen worum es mir dabei geht.
1) Es geht mir nicht um die Frage, wann unter moralischen Gesichtspunkten die Vergangenheit eines Menschens, insbesondere während der Nazi-Diktatur entschuldbar ist und wann nicht. Ich mag mir auch nicht anmassen, diese Frage auf einem allgemeinen Niveau zu diskutieren. Ich halte einen solchen Versuch für falsch.
Es war mein Fehler, diese Frage überhaupt anzustoßen, da es mir darum gar nicht geht. Dafür entschuldige ich mich gern.
Ich schließe mich da TH an, dessen Meinung, man solle die betreffenden Menschen am Umgang mit ihrer Vergangenheit messen, mir gut gefällt.
2) Es geht mir vor allem nicht darum, die jüngeren deutsche Vergangenheit zu relativieren. Jegliche Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die vom Nazi Regime und seinen Mitgliedern verbrochen wurden sind aufs schärfste abzulehnen und es ist absolut bedeutsam, dass die Rolle des Auswärtigen Amtes und ihrer einzelnen Mitarbeiter ausgiebig beleuchtet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Da muß niemand geschont werden.
Das Ergebnis der ganzen Angelegenheit, nämlich dass das AA seine Pforten für die Historiker öffnet, ist daher sehr wünschenswert. Auch die neue Nachrufpraxis, nämlich keine mehr zu haben, ist okay. Mir gefällt nur der Prozess nicht, der dazu geführt hat.
Und zwar aus rein menschlicher Warte. Deshalb empfinde ich es auch als schade, dass Elbe jetzt entlassen wird, auch wenn ich mich da insgesamt der Argumentation von Sebastian anschließen kann. Das muß sein und ich denke, der hat das auch erwartet.
Der Punkt ist, dass ich den ersten Fischer-Erlass als unanständig empfinde. Zum einen, weil er im Ergebnis die betreffenden Mitarbeiter zu Mitarbeitern zweiter Klasse degradierte, vollkommen unabhängig von der Frage wie sie mit ihrer Vergangenheit umgingen. Zum anderen weil die Art der “Sanktion” deshalb unanständig ist, weil der betreffende in seinem Tod sanktioniert wird. Das greift die Würde der Person an, die besonders geschützt ist und auch besonders geschützt sein sollte.
Daher fand ich es von Elbe und Co anständig, den Erlass zu kritisieren. Dass das für ihn persönlich nicht klug war, sieht man an seiner Entlassung. Und sowohl, dass es diesen Erlass überhaupt gab, als auch dass es in Deutschland nicht möglich ist eine solche Meinung zu haben, zeugt von Defiziten im Umgang mit der eigenen Vergangenheit.
Es zeugt außerdem von meinem Defizit im Umgang mit der deutschen Vergangenheit, dass ich seit gestern fürchte, künftig Arbeitsangebote von den Republikanern zu erhalten. Aber die könnt ihr Euch stecken. Ich werde auch künftig links wählen, außer vielleicht in den nächsten Bundestagswahlen. Aber das entscheide ich nächstes Jahr.
Verfasst von Michael am 13.04.05 16:14Sorry, Michael, da kann ich dir nicht folgen.
Die Rolle des AA in der NS-Zeit ist sehr wohl relevant dafür, wer einen Nachruf bekommt und wer nicht. Nur weil diese Frage bisher geflissentlich verschwiegen wurde, ist das kein Grund, es weiter unter den Teppich zu kehren.
Und zuletzt: Wenn ich meinen Chef öffentlich anpisse, noch dazu in so einer Frage, dann kann ich mich definitiv nicht beschweren, wenn jener Chef in Zukunft ohne mich auskommt.
»Ehemalige NSDAP Mitglieder einstellen - das kann das Auswärtige Amt. Sie (und das auch noch nach ihrem Tod) wie alle anderen Mitarbeiter behandeln - das kann das Auswärtige Amt unter Fischer wohl nicht.«
Nein das kann das AA unter Fischer nicht, und es hätte es bitte auch unter Genscher nicht können sollen.
Posted by: TH am 13.04.05 17:39In denke nicht, dass NSDAP Mitgliedschaft ein hinreichendes Kriterium ist, um jemanden nach seinem Tod zu diskrimieren.
Umgekehrt soll das nicht heißen, dass Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die jemand begangen hat, ungenannt bleiben sollten.
In der Entscheidung von Fischer wurde das aber implizit gleichgesetzt und ich kann schon verstehen, warum das einige Leute verstimmt hat. Hat ja doch jeder einen Verwandten, der in der NSDAP war. Bei meinen solchen war das für keinen ein ideologisches Ding. Und das kann ich ganz gut verstehen und denke auch nicht, dass man das lebenslang sanktionieren muß. Sanktioniert hat mans ja, z.B. durch längerfristigen Entzug des aktiven Wahlrechts.
Posted by: michael am 13.04.05 22:11Ich sehe da unterschiedliche Fragen:
1. War es eine gute Idee von Fischer, das Thema auszupacken?
Nicht wirklich, eignet sich - ja, auch wegen Fischers Vergangenheit - nur bedingt als Promoaktion.
2. Ist es gerechtfertigt Frank Elbe rauszuwerfen? Ja, ist es. Das auswärtige Amt ist auch ein aushängeschild für den Staat, da kann man es sich nicht leisten eine Position zu beziehen, die auch nur mit bösem Willen als Nazi-relativierend angesehen werden kann. Wenn das AA Größe zeigen will im Umgang mit der NS-Vergangenheit sollen sie halt ne Ausstellung machen.
Und was Deine armen Verwandten und das ewige Stigma der NS-Vergangenheit angeht - Nochmal: Wir reden hier vom Auswärtigen Amt! Wenn da der Blick draufgerichtet wird muss nunmal möglichst alles glänzen.
Auch ich bin immer wieder genervt vom öffentlichen Umgang mit dem NS-Trauma und halte ihn für unreflektiert (wenn auch von der antifaschistischen Seite). Das Auswärtige Amt muss da aber eine harte Linie fahren.
Posted by: Sebastian am 14.04.05 12:33Und nochmal auf den armen Michael:
»Hat ja doch jeder einen Verwandten, der in der NSDAP war. Bei meinen solchen war das für keinen ein ideologisches Ding.«
Naja. So einfach kann man es sich nicht machen. Eine Mitgliedschaft in der NSDAP war erstens nicht ganz so einfach zu kriegen & zweitens war eine Nicht-Mitgliedschaft (oder auch ein Austritt) keine Gefahr für Leib und Leben.
Eine Mitgliedschaft in der Partei bedeutet also auf jeden Fall eine implizite Akzeptanz der Staatsführung und ihrer Ziele, und die waren ja nun wirklich nicht geheim. (Und selbst wenn die Wannsee-Protokolle geheim waren, die Rassengesetze waren es auf jeden Fall nicht)
Sorry, die Entschuldigung zieht nicht als solche. Eine Entshuldigung im Sinne von: “Ich war absichtlich dabei, weil ich daran geglaubt habe und ich habe gesehen zu welcher Scheiße das führt und bin mit mir selber nicht mehr im Reinen deswegen”, daß lass ich gelten, wenn es hinreichend glaubwürdig vorgetragen ist.
Eine Entschuldigung im Sinne von: “Hat man ja machen müssen” ist unakzeptabel. Es hat auch niemand die 26% gezwungen, FPÖ zu wählen, und wenn man auch nur halbwegs wachen Auges durch die Welt geht, kann man gar nicht ignorieren, was die Leute wollen.
Eine Entschuldigung der zweiten Sorte ist also höchstens ein Eingeständnis der eigenen Blöd- und Blindheit. Qualifiziert einen auch nicht zu höheren Weihen im AA.
Posted by: TH am 14.04.05 12:44Also TH, was Du schreibst ist richtig aber gewissermassen ein Allgemeinplatz. Und dadurch abgenutzt (siehe NS-Trauma).
Ob die Akzeptanz des NS-Regimes durch Parteimitglied- oder Anwärterschaft ein Leben und länger abgestraft werden muss, ist für mich ein anderer Topf.
Hier geht es um Leute, die nicht nur das System akzeptiert, sondern als Mitglieder des Regierungsapparates aktiv getragen haben. Und es geht darum, daß “Wir setzen Aussenpolitik nur um, die Vorgaben kommen ja von oben”, nicht akzeptabel ist. Und auch in Zukunft nicht sein darf.
Natürlich hast Du recht. Die Mitgliedschaft des Metzgermeisters in der Partei ist ziemlich wurscht.
Von Staatsgestaltern & Staatsrepräsentanten erwarte ich aber einfach einen höheren Standard. Und dann hat sich jemand einen ehrenvollen Abschied auch nur dann verdient, wenn er mit seiner Vergangenheit ehrenvoll umgegangen ist.
In einem muß ich Michael allerdings auch recht geben: Es zählt nicht die bloße Mitgleidschaft, sondern auch der Umgang mit ebenjener danach. Und genau da zieht die “war ja nicht politisch”- Ausrede nicht.
Posted by: TH am 14.04.05 12:59Ja, weniger Nachruf: Ja/Nein ist der Kern des Problems. Aber es muss um jeden Preis verhindert werden, daß der Anschein entsteht, die Leute würden vom heutigen Amt gedeckt (selbst wenn das stimmt).
Und, daß in der Politik die Köpfe nicht in erster Linie nach ewigen Gerechtigkeitsgeboten rollen ist uns doch wohl allen bekannt.
Lieber Michael, Stefan ist zwar “gerade nicht da” aber eben doch ueberall. Aber wie ich sehe, bedarf es ohnehin nicht meiner Intervention um die Diskussion in ordentliche Bahnen zu lenken.
Noch heute habe ich in einem Gespraech ueber den Zweiten Weltkrieg die Naziverbrechen erklaeren muessen und es beschaemte mich ueber den millionenfachen, fabrikmaessigen Voelkermord zu berichten. Denn genausowenig, wie es unsere Schuld ist, als Deutsche geboren zu sein oder unser Verdienst in einem reichen Land geboren zu sein, so tragen wir dennoch eine besondere moralische Verantwortung fuer unsere deutsche Geschichte, denn neben Europaeern sind wir nun einmal bitte - und das ungeniert zu sagen hat auch mit wohlverstandenem Gemeinschaftsbewusstsein zu tun - Deutsche. Nicht mehr aber auch nicht weniger, Schuld hin oder her. Und als ebensolche ist es mehr als eine Frage der Kosmetik, sondern vielmehr des offenen Umgangs mit der eigenen Geschichte eben jenen dunklen Jahren auch ins Auge zu sehen.
Uebrigens hat es Albert Speer vorbildlich verstanden nach seiner Zeit an hoechster Nazi-Stelle sich als der gute, gelaeuterte Nazi zu praesentieren. Der “Umgang mit der eigenen Vergangenheit” ist da dann doch ein etwas andere Frage. Doch dieses Fass will ich nicht aufmachen. Heinrich Breloer hat dazu einen Dukumentarspielfilm gedreht, der im Mai zu sehen sein muesste.
Bleibt weiter am Ball!
Fast schon vergessen, hat Außenminister Fischer gestern nun jene “unabhängige Historikerkommission eingesetzt, die die Rolle des Auswärtigen Dienstes in der Zeit des Nationalsozialismus, den Umgang mit dieser Vergangenheit nach der Wiedergründung des Auswärtigen Amts 1951 und die Frage personeller Kontinuität bzw. Diskontinuität nach 1945 erforschen soll” (Zitat aus: http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/ausgabe_archiv?archiv_id=7361 )
Posted by: Stefan am 12.07.05 12:17