15.03.05
Innenansichten
Das Wissenschaftszentrum Berlin hat die Ergebnisse einer Umfrage veröffentlicht, die Wissenschaftler des WZB unter Bundestagsabgeordneten durchgeführt hatten.
So beklagen über 90% aller antwortenden Abgeordneten die Teilnahmenslosigkeit der Bürger und deren politische Apathie, beinahe 80% sind der Ansicht, dass das Vertrauen in Politiker und Parteien in den letzten 15-20 Jahren geschwunden sei.
Wie kam es dazu?
95% der Abgeordneten vermuten, dass die Art, wie Journalisten über Politik berichten, ein Grund dafür sei. Gleichzeitig sei zur Ehrenrettung angemerkt: 90% der Befragten gestanden ein (wenn auch weniger emphatisch), dass überzogene Versprechungen seitens der Politiker eine negative Auswirkung gehabt haben.
Der Fragebogen enthielt auch einige Vorschläge für politische Maßnahmen, die die Befragten bewerten sollten. Unter anderem halten insgesamt rund 67% Steuersenkungen für einen sehr oder ziemlich guten Vorschlag, sogar 69% befürworten weniger arbeitsrechtliche Regulierung. Die Einschätzungen darüber, welche Maßnahmen bei den Wählern ihrer jeweiligen Parteien gut ankämen, sind z.T. sogar noch optimistischer.
Bemerkenswert auch der Korpsgeist der Abgeordneten: viele schätzen ihre eigenen Fraktionen und Parteien als undiszipliniert und nicht geschlossen genug ein. Bei einem Konflikt von Partei- und Wähleransichten würden sich zwei Drittel für die Parteilinie entscheiden. Die Parteimeinung wird jedoch gegenüber der eigenen Meinung (wenn auch knapp) zurückgestellt. Kurz gesagt: zuerst das Gewissen, dann die Partei, dann die Wähler. Gleichzeitig wird jedoch mehr Einfluss für die Wählerschaft in der deutschen Politik gefordert.
Zu guter Letzt erfahren wir auch noch einiges aus dem Privatleben: 13% haben im letzten Jahr höchstens zwei Bücher gelesen, 15% wohl noch nie eine SMS verschickt, 5% schreiben Gedichte oder malen mindestens ein Mal im Monat und mehr als 30% waren höchstens ein Mal im Kino oder im Theater. Auch interessant: 173 Abgeordnete verweigerten ausdrücklich die Teilnahme an der Befragung.
Jetzt wissen wir also woran es in Deutschland hapert, und warum nichts wirklich vorangeht… . Die Medien sind schuld, bzw. ihre überzogene Berichterstattung. Im Ernstfall auch noch die Wahlversprechen. Hmmm, und was ist mit ausuferndem Lobbyismus, Bürokratiewahnsinn, Überregulierung?
Naja, was will man von Menschen erwarten die selten mal ein Buch lesen und meist weder Handy noch PC wirklich benutzen können?
Eben…, willkommen im Elfenbeinturm.
Nur am Rande. Kann auch keine SMS schreiben. Sehr gut, dass es solche Abgeordneten noch gibt. Interessant finde ich die Ergebnisse zum “Korpsgeist”. Gewissen, Partei, Wähler? Da müssen Gewissen und Parteilinie aber eng miteinander verbunden sein, damit man dieser Aussage folgen kann. Wie oft entziehen sich in Deutschland Abgeordnete schon der Parteilinie?
Posted by: michael am 16.03.05 12:58