23.02.05
War on Hearts oder Gesten und Legitimationsprobleme II
“Guten Morgen, Deutschland”, “Guten Morgen, Herr Bush.”
Da stellt man sich schon die Frage, ob es einen monetären Gegenwert für politische Gesten gibt und wie hoch der wohl sein darf.
Ein cleverer ZDF-Reporter wies mich gerade darauf hin, dass es bei dem Besuch Herrn Bushs weniger um Substanz als um die politische Geste eines Deutschlandbesuchs mit nettem informellen Plausch mit dem Kanzler geht.
Würde heute etwa über die Zukunft der Welt entschieden, man könnte die Aufregung verstehen. Auch die Kosten. Aber, lieber Leser, wenn Du gerade sehen könntest, wie George W. mit selbst für ihn einfach zu liebenswert dümmlichen Grinsen dasteht und sich die deutsche Nationalhyme, ne, die amerikanische anhört, Hand aufs Herz, dann weist Du, heute geht es nicht um die Zukunft der Welt.
Kleine Anmerkung am Rande. Ich mag Bush. So richtig. Quasi abgesehen von seiner Politik. Aber ansonsten ist der sooooo toll. Man muß da unterscheiden können. Wenn man sich - zurück nach Schleswig-Holstein - mal an unseren lieben Bundespräsidenten Lübke erinnert. Der war auch dumm wie Brot (“Lieber Damen und Herren, liebe Neger”) und alle haben ihn geliebt. Mann darf den George schon lieb haben. Die Zeit weist heute übrigends darauf hin, dass es auch politisch langsam wieder en vogue wird, den George lieb zu haben. Mit Dank an den Spindoktor für den Link.
Und darum geht es ja heute auch. Wir sollen George wieder lieb haben. Mäßig vorbereitet durch Mrs. Rice Charme-Offensive vor ein paar Wochen wird heute weitergekuschelt. Wenn man ein Ego hat, so breit, dass man sich zur Seite drehen muß, um durch 'ne Tür zu passen, dann kann man in vier Jahren unmöglich verhasst die politische Bühne verlassen. Wie sieht das denn aus. Deswegen rasche Eröffnung eines Zweifrontenkrieges, neben War on Terror nun auch War on Hearts. Sein Ziel ist es sicher in ein paar Jahren nach Deutschland zu kommen und statt Protestanten wie einst sein Papa und Kennedy und wie sie alle heißen im Jubel empfangen zu werden.
Aber was das kostet. Unglaublich. Einzelhandel, Opel, Zementwerke etc. alles dicht. Allein die Schifffahrt schätzt ihren wirtschaftlichen Ausfall auf eine halbe Million Euro, mehr Zahlen finde ich gerade nicht, aber zweistelliger Millionenbereich an wirtschaftlichen Ausfällen - locker. Und da sind die Staatskosten für Empfang und Sicherheitsmaßnahmen, etwa Taucher die die Rümpfe der Boote im Hafen, der fünf Kilometer entfernt ist, nach Bomben absuchen, Schweisser, die 1200 Kanaldeckel versiegeln, Grabstein- und Briefkastenentferner etc. noch gar nicht drin. Und das Beste ist. Was die 15000-20000 Einsatzkräfte in Mainz angeht. Die Stadt sammelt fleissig Rechnungen. Nur weiss niemand, wer sie bezahlen wird.
Irgendein Professor für Öffentliches Recht von der Universität Mainz (!) hat behauptet, dass würde sich schon rechnen, da Mainz hierdurch zu Weltruhm gelangt und Abermilliarden von Touristen in den nächsten Jahren die Stadt stürmen werden. Lieber Professor, Fastentage nicht gut für den Geist, was? Die Amis kommen weiter nach Heidelberg und schauen kurz bei Neuschwanstein vorbei - that's it - ihr bekommt keinen Cent.
Nutz ich doch mal den Kommentar, um eine Aufforderung an Stefan ergehen zu lassen: Schreib doch mal einen Vergleich der Sicherheitsmassnahmen und dem Drumherum mit dem Schah-Besuch seinerzeit. Das wird ein Spass.
Posted by: Sebastian am 23.02.05 11:24Hier meine Erfahrung als Bewohner des Rhein-Main-Gebiets: man kann sich das gar nicht vorstellen. In einem Ballungsraum mit geschätzten 5 Mio Einwohnern werden die wichtigsten Verkehrsstraßen teilweise für mehrere Stunden voll gesperrt. Eine große Zahl an Arbeitnehmern ist gleich zuhause geblieben.
Wenn wir hier so viel von Symbolik reden - den meisten Menschen in dieser Gegend ist allein dies Symbol genug.
Schön finde ich ja das Mainzer Geschenk an Laura Bush: Das kleinste Buch der Welt.
Mainz:”Ähem, das mit dem Buchdruck, das waren übrigens wir!”
Gerade um ein Bild von den Maßnahmen zu bekommen, sollte man ein Blick zu Daniela ( http://impfinity.org/ ) werfen, man mag es kaum glauben: Aber es ist wohl rechtlich in Ordnung.
Und immer daran denken.. keine hektischen Bewegungen am Fenster machen.
Die symbolische Wirkung ist doch umwerfend.
Bush kommt und schon befindet sich Mainz im Kriegszustand. Ausgangssperre inklusive. Wie viel deutlicher gehts denn noch?
Posted by: michael am 23.02.05 12:07Nachtrag:
Gerade hat Schröder seine Tischrede gehalten, die nicht synchron sondern anschließend übersetzt wurde. Peinlich, peinlich. Da ist des Kanzlers Wortwitz in der Übersetzung verlorengegangen. Hat er doch erst verlesen, dass er nunmehr sein Glas erhebt, dann aber festgestellt, dass er gar keines hat und gekontert, dass man schließlich verlesen müsse, was der Redenschreiber so notiert. War beinahe bushesk, wenn man so will. Das hat die Übersetzerin so richtig gar nicht rübergebracht, klang in der Übersetzung einfach nur peinlich. Zumal der Kanzler nachtragend angefügt hatte, er hätte schon immer Koch und nicht Kellner sein wollen, was Phoenix natürlich genutzt hat, um kurz Ronald einzublenden. Das hat die Übersetzerin dann noch viel mehr versaubeutelt. Von der “Ich wollte schon immer ein großer Herrscher sein”-Metapher kam bei Bush ob irritierter Minie eher “Der will kochen?” an.
Dann greife ich den Ball einmal auf. Wenn nun die ARD ohne Not in ihrer Berichterstattung zum multilateralen Treffen in Brüssel Bush als Zitat Oberster Instanz“ huldigt und sich der Liebesreigen weiter dreht, so hatten die Deutschen anno dazumal zum Schah ein nicht minder ambivalentes Verhältnis wie nun zu George W. Doch während sich heute die psychoanalytische Betrachtung aufdrängt, wieder gemocht werden zu wollen um rückwärtig endlich auch wieder ungetrübt die Liebe zum großen Bruder Amerika“ ausleben zu dürfen, war im Nachkriegsdeutschland die Begeisterung zum persischen Herrscherpaar vor allem durch die Darstellung in der damals noch Soraya-Presse genannten Regenbogenpresse geprägt.
Andererseits war der diktatorisch regierende König der Könige“ im In- und Ausland politisch höchst umstritten. Über die Sicherheitsvorkehrungen zum Deutschlandbesuch der Kaiserlichen Hoheiten im Juni 1967 schrieb der SPIEGEL, dass neben der Sperrung der A3 von Düsseldorf bis Siegburg u.a. zur Vermeidung konkreter Gefahr, verkompliziert durch die ganz fremde Mentalität potentieller Attentäter“ (Innenministerium), eine Quarantäne über potentielle oppositionelle Iraner verhängt werden sollte. In NRW dachten die Ordnungshüter darüber nach, die ca. 10 000 in der BRD registrierten Iraner während des Staatsbesuches auf Norderney zu isolieren. Schließlich wurde ihnen in dieser Zeit jegliche politische und Reisetätigkeit verboten. Bei Ausweisungsandrohung erhielten sie die Auflage sich täglich um 10 und 16 Uhr bei der Kreispolizeibehörde zu melden“. Iranische Ärzte hatten notfalls unter Polizeiaufsicht zu arbeiten. Im Umfeld dieses Besuchs gingen schließlich in Berlin Prügelperser“ des iranischen Geheimdienstes von den deutschen Ordnungskräften unbehelligt auf demonstrierende Studenten los und im weiteren Verlauf der Proteste wurde Benno Ohnesorg erschossen.
Ob man da beim Bush-Besuch immer noch von nie da gewesenen Sicherheitsvorkehrungen sprechen kann?
Aus der Berliner Morgenpost:
“Am Mittag, vor dem Gipfel mit Putin, hatte Bush den wohl bewegendsten Teil seiner Europareise genossen. Da konnte er das erste und einzige Mal ein regelrechtes Bad in der Menge nehmen. Tausende Slowaken jubelten dem Präsidenten bei einer Rede auf dem zentralen Hviezdoslav-Platz vor dem Nationaltheater wie bei einem Heimspiel begeistert zu. […] Bush, der die Menschenmenge auf slowakisch begrüßte und damit das Eis gleich zu Beginn brach, nannte die Slowakei ein 'Vorbild für die Welt, wie mit Mut und Entschlossenheit eine freie und unabhängige Demokratie entstehen' könne.”
Bad in der Menge? WTF? Gibt es in Deutschland mehr Terroristen als in der Slowakei? Der kleine Nationalchauvinist in mir fühlt sich beleidigt.